Bundesliga

Herthaner legen sich selbst Schweigegelübde auf

Nach dem 1:4 gegen Wolfsburg brach bei Hertha BSC das große Schweigen aus. Das irritiert sogar Trainer Otto Rehhagel.

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Gewisse Dinge sind unumstößlich geregelt, und ja, sie besitzen auch und sogar für Hertha BSC Gültigkeit. Eine dreistellige Millionensumme kassiert der deutsche Fußball jährlich vom Fernsehen, rund 20 Millionen Euro davon entfallen auf den Hauptstadtklub. Die zu erbringenden Gegenleistungen sind über das Gekicke auf dem Platz hinaus vergleichsweise gering. Etwa gilt im Gegenzug für Hertha wie für jeden Bundesligisten, dass im Anschluss an jedes Bundesligaspiel zwei eingesetzte Spieler sowie der jeweils aktuelle Trainer zu maximal 90-sekündigen Interviews zur Verfügung zu stellen sind.

Im Anschluss an das 1:4 der Berliner gegen den VfL Wolfsburg blitzten ARD, ZDF und der Bezahlsender Sky jedoch allesamt ab. Die Medienabteilung signalisierte hilflos: Kein einziger Spieler wird sich stellen. Und so liefen sie dann einer nach dem anderen durch den Ort, der sich in allen Fußballstadien dieser Welt Mixed Zone nennt. Es ist der Ort, an dem die Protagonisten Stellung nehmen zu den hinter ihnen liegenden 90 Minuten, zu Erfolg oder Versagen, zu Torjubel oder Scheitern.

Einzig Trainer Otto Rehhagel („Noch ist Polen nicht verloren“) stellte sich der Öffentlichkeit und machte das, was der Verein sich beim Engagement eines so erfahrenen Trainer auch erwartet hatte. Er stellt sich vor die Spieler. Und sagt: „Manches Mal ist es besser, wenn man nichts sagt.“ Nach einem Negativerlebnis wie diesem „muss man mit der Wahl der Worte vorsichtig sein“, erklärte Rehhagel: „Wichtig für den Teamgeist ist, dass es jetzt keine Schuldzuweisungen gibt.“ Im Übrigen habe er gar nichts von dem Schweigegelübde seiner Spieler gewusst.

Damit gibt Hertha in immer stärkerem Maße das Bild einer blau-weißen Wagenburg in Westend ab. Wofür steht ein Fußballunternehmen, das rund zwei Dutzend Mal pro Saison für 50.000 und mehr Zuschauer interessant sein will, dieser Tage überhaupt noch? Zwar strömen die Massen noch ins Stadion, fiebert die Stadt mit dem Klub, sehnt sich nach einem Spitzenklub. Aber leider schweigt sich auch der Präsident, Werner Gegenbauer, durch die Krise. Auf Nachfrage erklärte er nach Spielschluss im Stadion, er „rede doch nie übers Spiel, das macht der Trainer“. Was er dann zu sagen habe? Antwort Gegenbauer: „Schönen Abend, tschüß!“ Michael Preetz, der Geschäftsführer für die Bereiche Sport, Kommunikation und Medien, tauchte im Nachlauf des Spiels gar völlig ab.

Nach der Premiere vor einer Woche, wird Hertha an diesem Sonntag ein zweites Mal nacheinander das Auslaufen im Anschluss an ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit abhalten. Der Mannschaft, teilte ein Vereinssprecher am Sonnabend mit, habe dies nach dem Sieg in Mainz „gut getan, und diese Ruhe wird morgen erst recht gut tun“. Doch ob die Verantwortlichen reden oder schweigen – ganz nebenbei ist der Verein in seinem Kerngeschäft auf dem allerbesten Wege, zum zweiten Mal binnen zwei Jahren sang- und klanglos aus der Bundesliga abzusteigen.

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