Im Abstiegskampf

Für Herthas Bastians wird Freiburg zum Vorbild

Felix Bastians erklärt im Interview, was sich Hertha von seinem Ex-Klub Freiburg abschauen kann und warum der Abstieg kein Thema ist.

Foto: REUTERS

Morgenpost Online: Herr Bastians, am Wochenende ist der SC Freiburg an Hertha vorbeigezogen. Haben Sie Ihren Wechsel schon bereut? Immerhin könnte ihr alter Arbeitgeber am Ende die Klasse halten, ihr neuer vielleicht nicht…

Felix Bastians: Nein. Daran verschwende ich keinen Gedanken, ich glaube nicht an dieses Szenario. Es kann auch passieren, dass gleich die Welt untergeht (lacht). Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Klasse halten.

Morgenpost Online: Als Sie nach Berlin kamen, sagten Sie, sie seien viel heftigeren Abstiegskampf gewohnt als ihn Hertha kennt. Inwieweit können Sie der Mannschaft helfen?

Felix Bastians: Es gibt kein Wundermittel, aber ich sage meine Mitspielern, was ich in Freiburg gelernt habe: Cool bleiben. Darum geht es. Wir sind noch nicht abgeschlagen, schon gar nicht abgestiegen. Holen wir nur einen Sieg, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Morgenpost Online: Warum stehen Teams wie Augsburg oder eben Freiburg derzeit vor Hertha?

Felix Bastians: Eins vorweg: Ich bin nicht überrascht, dass es in Freiburg gut läuft. Christian Streich (Freiburgs neuer Trainer, d. Red.) kenne ich noch aus der Zeit mit Robin Dutt, er ist ein fachlich sehr guter Trainer. Deshalb war ich schon zur Winterpause überzeugt davon, dass sie deutlich mehr Punkte holen werden als in der Hinrunde.

Morgenpost Online: Im Ernst? Nach dem Chaos mit zahlreichen Suspendierungen hatten die meisten Beobachter den SC fast schon abgeschrieben…

Felix Bastians: …ja, so eine Situation kann in die eine oder die andere Richtung gehen.

Morgenpost Online: Noch einmal: Was klappt in Freiburg besser als in Berlin?

Felix Bastians: Die Mannschaft hat eine unglaublich hohe Laufbereitschaft. Sie studiert unter der Woche die taktischen Belange akribisch ein, weil sie genau weiß, dass sie nur dann eine Chance haben wird. Außerdem funktioniert das Mannschaftsgefüge. Es gibt einige Spieler, die sehr guten Fußball spielen, bei anderen würde es schwierig, wenn das Team nicht zusammenhielte. Das ist aber der Fall, und so holen sie verdient die Punkte. Ihnen wird konsequent ein Plan vorgelegt, den das Team umsetzt.

Morgenpost Online: Das klingt, als ob Sie diese Eigenschaften bei Hertha vermissen.

Felix Bastians: Wir müssen uns an Freiburg und auch an Augsburg ein Beispiel nehmen, ja. Wenn man 0:6 verliert , kann ich ja nichts anderes behaupten. Sicher hatten wir auch Spiele, wo wir geschlossen aufgetreten sind, in der zweiten Halbzeit in Köln zum Beispiel. Aber insgesamt haben wir es zu selten geschafft, das über 90 Minuten abzurufen. Aber wenn du unten stehst, geht es nur darum. Da müssen wir uns zu Herzen nehmen und als Mannschaft kompakt stehen, dann haben wir alle Chancen.

Morgenpost Online: Haben es andere Klubs tatsächlich leichter im Abstiegskampf, weil sie gar nichts anderes kennen?

Felix Bastians: Die allgemeine Stimmung ist besser. Der Druck aus dem Umfeld ist geringer. Der SC trägt eine bescheidene Zielstellung nach außen. Natürlich heißt es intern auch: Wir wollen nicht absteigen. Aber nach außen ist es wesentlich entspannter. In Städten wie Augsburg oder Freiburg entwickelt sich schnell eine Euphorie. So eine gute Stimmung im Stadion trägt die Mannschaft. Diese Euphorie müssen wir entfachen, sie ist momentan nicht da.

Morgenpost Online: Sie reden von den Fans?

Felix Bastians: Nein. Wir können ja nicht von den Fans erwarten, dass sie den ersten Schritt machen. Das muss schon von uns kommen. Man muss sehen, dass wir mit Leidenschaft spielen und für den Klub brennen.

Morgenpost Online: Ist es so, dass andere Städte die Bundesliga als Geschenk ansehen, während Berlin das als selbstverständlich hinnimmt?

Felix Bastians: Nein, das glaube ich nicht. Der Abstieg hat Berlin gezeigt, wie schnell es geht. Kein Klub ist davor gefeit. Natürlich ist Herthas Anspruch eigentlich ein anderer, aber darum geht es jetzt nicht. Das muss jeder abhaken. Es heißt „spielen um die Meisterschaft“ und „Abstiegskampf“. Da stecken nicht umsonst die Worte „spielen“ und „Kampf“ drin.

Morgenpost Online: Sie haben sich nicht nur sportlich, sondern auch als Mensch recht gut bei Hertha eingefügt. Entspricht es ihrem Naturell, Verantwortung zu übernehmen? Oder machen Sie das, weil es sonst keiner tut?

Felix Bastians: Letzteres sehe ich nicht so, wir haben schon einige Leader. Es muss nicht nach außen sein, sondern intern. Und da haben wir einige. Ob ich dazugehöre, müssen andere beurteilen. Ich vertrete meine Meinung, wenn mir etwas auffällt. Ich finde aber, dass man Verantwortung besonders durch Leistung auf dem Platz übernimmt.

Morgenpost Online: Dabei sind Sie erst ein paar Wochen in Berlin, wie haben Sie sich eigentlich eingelebt bei all dem Abstiegsstress?

Felix Bastians: Ganz gut, aber Sie haben schon recht: Es hätte sicherlich mehr Spaß gemacht bisher, wenn die Ergebnisse gestimmt hätten.

Morgenpost Online: Sie studieren nebenbei Sportjournalismus. Wie viel Energie können Sie in der aktuellen Lage darauf noch aufwenden?

Felix Bastians: Ich glaube es ist wichtig, dass man an manchen Tagen ein bisschen Abstand gewinnen kann, in dem man sich mit anderen Dingen befasst. In der jetzigen Situation ist das natürlich etwas schwierig, klar. Da versuche ich mich komplett auf den Fußball zu konzentrieren. Das kostet viel Energie.

Morgenpost Online: Es heißt immer, Berlin sei medial ein ganz schweres Pflaster. Können Sie das als angehender Journalist bestätigen?

Felix Bastians: Freiburg kann man mit Berlin einfach nicht vergleichen. Da gibt es im Wesentlichen eine Zeitung, hier unzählige. In Freiburg kommen die Jungs vom Boulevard alle zwei Monate mit dem Fahrrad vorbeigefahren (lacht). Da hat man als Spieler wie auch als Verein seine Ruhe. Das ist hier unbestritten anders. Es ist nicht immer leicht, aber ich weiß ja, das bestimmte Fragen gestellt werden müssen.

Ist Hertha BSC noch vor dem Abstieg zu retten, was muss sich ändern? Diskutieren Sie mit im Hertha-Blog unter www.immerhertha.de