René Tretschok hatte genug gesehen. Rund 70 Minuten stand er nun schon an der Seitenlinie und hatte sich – wie immer – die Seele aus dem Leib gebrüllt. Er hatte seine Spieler motiviert und gelobt, Einzelkritik oder gar böse Worte kommen Herthas Co-Trainer in diesen schweren Zeiten auf dem Platz normalerweise nicht über die Lippen. Nun aber machte Tretschok ein paar Schritte auf den Platz, Patrick Ebert entgegen. Der war nach einem vollkommen harmlosen Foul von Adrian Ramos einfach liegen geblieben, weil seine Trainer das interne Spiel weiterlaufen ließen. „Was ist los, Patrick?“, fragte ihn Tretschok nun also, und als Ebert nur mit den Schultern zuckte, herrschte er ihn an: „Was machst du denn im Spiel, wenn der Schiedsrichter kein Foul pfeift? Bleibst du dann auch liegen?“ Ebert war es zu bunt, er nahm lieber einen Schluck aus der Wasserflasche – und pfefferte sie wutentbrannt auf den Boden.

Sondertraining an den Basics

Nun muss man solche Vorfälle normalerweise nicht zu hoch hängen. Im Fußball gehören Emotionen dazu. Bei Hertha ist derzeit aber gar nichts normal, es war Eberts erste Einheit nach wochenlanger Pause, er kämpft um einen neuen Vertrag, und vor allem sollte das Training am Montag doch die Wende einläuten. Hin zu mehr Teamgeist, zu mehr Engagement, kurz: zu einer verbesserten Arbeitseinstellung. Den sonst freien Tag hatte das Trainerteam gestrichen, statt Faulenzen in der Sonne hieß es: Um 10 Uhr antreten auf dem Schenckendorffplatz.

Ein Straftraining in bester Magath-Manier wurde es allerdings nicht, im Gegenteil, die ersten 45 Minuten agierten die Profis betont locker. Wieder mit dabei: Cheftrainer Otto Rehhagel, der Mann, dessen Pläne „immer richtig“ sind, wie er ausgerechnet nach dem 0:6 gegen den FC Bayernkundgetan hatte. Nun warteten also alle gespannt, welchen Plan er für diese wegweisende Woche in der Kabine aufgehängt hatte. Und ob er dieses Mal nicht nur richtig ist, sondern sogar funktioniert. Es war schließlich Rehhagels erster Arbeitstag nach dem Bayern-Debakel, am Sonntag hatte er in der Bundesversammlung den neuen Präsidenten Joachim Gauck gewählt. Der zog am Montag ins Schloss Bellevue ein – „König Otto“ tauschte Schlips und Kragen wieder gegen Töppen und Trainingsjacke.

Autogramm verweigert

Von seinem Plan allerdings war nicht viel zu erkennen. Sieht man von mehreren Schwätzchen mit Teamleiter Nello di Martino und vereinzelten Kurzgesprächen mit Spielern ab, stand der 73-Jährige weitgehend ruhig und mit mürrischem Blick am Rand. Seine Profis übten derweil an den grundlegendsten Grundlagen. Pässe standen auf dem Programm, und einmal, als es ihm zu bunt wurde, griff Tretschok ein und erklärte den Spielern gar die korrekte Fußhaltung bei der Ballannahme. Rehhagel dagegen denkt in größeren Dimensionen.

Er hatte am Tag zuvor lieber mit Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin für ein Foto posiert. Ausgerechnet Trittin, der vor drei Wochen für einen kleinen Eklat gesorgt hatte, als er Hertha eine „suizidal veranlagte“ Führung unterstellt und noch einmal nachgeschoben hatte: Hertha sei ganz einfach schlecht gemanagt. Diese Episode hätte auch Otto Rehhagel kennen können. Einer Frau dagegen, die beteuerte, extra wegen ihm zum Training gekommen zu sein, verweigerte der Trainer am Montag das Autogramm. Der Coach ließ nicht einmal durch ein flehendes „Och Mensch, Herr Rehhagel“ umstimmen. Und es ist ja nicht so, dass Hertha derzeit belagert würde von Fans, am Montag waren es eine Handvoll. Nein, es sind wahrlich nicht die sichersten Schritte, mit denen sich „König Otto“ durch sein Reich bewegt.

Dabei wäre es doch gerade für ihn, der von vielen noch immer mit einer Mischung aus Wohlwollen, Bewunderung und Respekt gesehen wird, so einfach, für eine positive Grundstimmung zu sorgen. Doch der Otto-Effekt schwindet, nicht erst seit kurzem gibt es Verwirrung um die Arbeitsweise des Trainertrios. Im Spiel gegen die Bayern, so heißt es, habe es in der Kabine widersprüchliche Anweisungen gegeben, weil jeder der drei Coaches mitmischte. Längst gibt es Spekulationen, Tretschok habe in Wirklichkeit das Kommando. Manager Michael Preetz sagt nur: „Die drei arbeiten gut zusammen, in dieser Konstellation müssen Antworten gefunden werden. Wir lassen uns nicht auseinander dividieren.“

Nur noch „Debakles“

Und doch: In der Stadt bröckelt Rehhagels Mythos, er macht nach nur einem Sieg aus vier Spielen und einer Tordifferenz von desaströsen 1:10 Platz für eine gehörige Portion Spott. Von „Debakles“ war da schon zu lesen, und dass seine Mission zu scheitern droht. Die wenigen Fans am Rand verbrachten ihre Zeit damit, ungeniert über den Sturz in Liga zwei zu diskutieren, Begriffe wie „Sauhaufen“ und „für immer weg“ fielen da. Ein Anhänger feuerte das Team gar an, es solle bitte nicht einschlafen.

Wobei es unfair ist, Rehhagel, der erst seit Kurzem in Berlin weilt, zu viel sportliche Verantwortung aufzuerlegen. Er trägt zwar die Verantwortung für Aufstellung und Taktik. Für das grundsätzliche Unvermögen seiner Spieler kann er dagegen nichts. Aber zumindest die Disziplin in der Truppe sollte er herstellen. Wie es der Klub, nicht er, bei Christian Lell tat, der nach dem Bayern-Spiel offen Kritik an der Vereinsführung geübt hatte. Am Sonntag ruderte er per Pressemitteilung zurück. Sein Auftreten wurde am Montag mit besonderer Spannung erwartet. Doch im Training fehlte er. Wie der Klub mitteilte, plagt ihn eine Entzündung am Schienbein.

Und Ebert? Direkt nach seinem Wutanfall beendete Tretschok die Einheit. Immerhin half Ebert seinen Kollegen noch beim Wegtragen des Tores, dann ging er als Erster und ohne seine Mitspieler eines Blickes zu würdigen vom Platz. Die weit über den Platz verstreuten Bälle ließ er einfach liegen, sollten die doch andere einsammeln. Es sieht so aus, als hätten zwei Stunden Aussprachenoch immer nicht ausgereicht, um die Ego-Trips in Herthas Team endgültig zu beenden.