Am Sonntag hat der Fußballprofi Christian Lell sich in einer von seinem Arbeitgeber hübsch formulierten Mitteilung entschuldigt. Er hat darin erklärt, dass er tags zuvor nach dem 0:6 seiner Mannschaft Hertha BSC gegen seine Ex-Mannschaft Bayern München „voller Enttäuschung und Emotion“ war. Aber dass er natürlich „nichts und niemanden kritisieren“ wollte: „Es tut mir leid, dass dieser Eindruck entstanden ist.“

Lell ist 27 Jahre alt, er hat 112-mal in der Bundesliga und einige Male auch in der Champions League gespielt. Es darf entgegen seinen klärenden Worten also angenommen werden, dass Lell jedes einzelne Wort genau so gemeint hat, wie er es nach dem Spiel gegenüber mehreren Medien beinahe deckungsgleich ausgesprochen hat: Dass auf die Mannschaft so einiges einprassele, und diese „immer alles ausbaden“ müsse; dass sich intern „einige Sachen“ ändern müssten. Und zuletzt noch dies: „Es gelingt zurzeit nicht, uns richtig einzustellen“.

Damit hat Lell vor seiner Entschuldigung nichts anderes als fundamentale Kritik am Verein angedeutet und fundamentale Kritik am Team der Trainer um Chef Otto Rehhagel formuliert. Das ist sein Recht als Ersatzkapitän und Mitglied des Mannschaftsrates. Entscheidend ist aber Lells späte Einsicht: Er hätte seine Kritik „intern äußern müssen“.

Otto Rehhagel wählt Joachim Gauck

Stattdessen erweckt das Fußballunternehmen Hertha BSC den Eindruck von Anarchie in Blau und Weiß: Jeder tut, was er will, aber niemand, was er soll. Selbst auf den Trainer trifft das zu. Otto Rehhagel zog es der Krise zum Trotz vor, am vorgefassten Plan festzuhalten und am Tag nach dem Bayern-Spiel Joachim Gauck ins Amt des Bundespräsidenten zu heben. Während zeitgleich auf dem Vereinsgelände eine zweistündige Aussprache von Mannschaft, Trainerteam und Manager Michael Preetz stattfand, trat Rehhagel in der CDU-Fraktion ans Mikrofon und reimte launig: „Denk' ich an Bayern in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“

Ähnlich entrückt hatte der 73-Jährige am Abend zuvor starr zu Protokoll gegeben, sein Plan gegen die Bayern sei mitnichten falsch gewesen: „Meine Pläne sind immer richtig.“ Subtext: Die Spieler können meine Pläne nur nicht auch umsetzen. Tatsächlich hatten Rehhagel und sein Stab das Desaster gegen die Bayern mit abenteuerlichen taktischen Experimenten (Perdedaj Rechtsverteidiger gegen Ribery, Lell im zentralen Mittelfeld, Raffael als Stoßstürmer) regelrecht herbeigeführt. Am Ende betraf Trainer wie Spieler gleichermaßen diese Feststellung des Rehhagel-Assistenten Rene Tretschok: „Wir haben auch in dieser Höhe verdient verloren.“

Nach vorn gerichtet sind in den verbleibenden acht Saisonspielen noch 24 Punkte zu verteilen. „Aber wenn wir spielen wie gegen Bayern, werden wir keine Chance haben“, sagt Tretschok. Zum zweiten Mal im dritten Jahr der Ära Preetz taumelt ein von diesem Manager zusammengestellter Kader haltlos dem Abstieg entgegen. Zur Lachnummer ist Hertha schon jetzt verkommen. Es mag respektlos gewesen sein, wie Franck Ribery und Toni Kroos beim Stand von 3:0 die Ausführung eines Freistoßes per Schnick-Schnack-Schnuck unter sich ausknobelten. Sie taten es für ein Millionenpublikum sichtbar gegen allem Anschein nach von ihnen nicht ausreichend respektierte Berliner Klassenkameraden.

Als Triebfeder des Absturzes, der nicht zufällig just mit Beginn der zweiten Saisonhälfte seinen Anfang genommen hat, erscheint immer deutlicher die Trennung von Ex-Trainer Markus Babbel. Diese hatte Sport-Geschäftsführer Preetz pünktlich zum Ende der ersten Saisonhälfte betrieben. Offiziell wegen eines zerstörten Vertrauensverhältnisses zwischen Trainer und Vereinsführung.

Entscheidend ist jedoch, dass zwischen Trainer und Mannschaft das Gegenteil der Fall war. Seine Spieler standen zu Babbel – Missstände abseits der reinen Berufsausübung hin, Abschiedsankündigung zum Saisonende her.

Babbel geht, der Absturz setzt ein – zwei Erkläransätze machen einen Zusammenhang vorstellbar. Entweder haben in der Folge vier Trainer, die vier verschiedene Philosophien artikulier(t)en, restlos Verwirrung gestiftet. Oder eine Mannschaft, die unter Babbel 20 Punkte gesammelt und ein Torverhältnis von 24:26 erzielt hatte, lebt offen ihre Ablehnung gegen das aus, was bei Hertha seit Ende Dezember geschehen ist. „Ich glaube das nicht“, sagt Preetz, weil er nichts anderes sagen kann. Für die eine wie die andere These spricht eine Bilanz derselben Mannschaft von einem Sieg aus zehn Pflichtspielen im Jahr 2012 bei 2:23 Toren.

Kein freier Montag für die Profis

Die Frage, ob die Entlassung von Babbel richtig war, sei durch ihn „hinlänglich beantwortet“, findet Preetz. Eine Neubeurteilung der damaligen Entscheidung im Lichte der Entwicklung seitdem betreibe er nicht. Lieber sagt Preetz: „Wir müssen das wieder zusammenfügen, was schon mal da war: die Grundstabilität – dazu gehört die gesamte Mannschaft. Das wird die Aufgabe in dieser Woche sein.“ Dazu ist nach dem soundsovielten Debakel in kurzer Folge zum ersten Mal der freie Montag gestrichen worden. Ab 10 Uhr wird – öffentlich zugänglich – trainiert.

Fraglich nur, ob eine solche Maßnahme die offensichtliche Erosion stoppen kann. Macht bei Hertha denn ein jeder, was er will – zu viele Merkwürdigkeiten haben sich in dieser Hinsicht angehäuft, als dass nicht vielleicht tatsächlich ein Zusammenhang besteht. Da ist der in seinem zweiten Berliner Jahr inzwischen bestens vernetzte Babbel-Vertraute Lell, dessen Kabinenkrach mit Babbel-Nachfolger Michael Skibbe prompt öffentlich bekannt wurde. Da ist der Babbel-Vertraute Andreas Ottl, von dessen Platzverweis für eine hemmungslose Grätsche beim 0:5 in Stuttgart das Signal ausging: So kann es nicht weitergehen. Anderntags war Skibbe nicht mehr Trainer. Da ist der Kapitän Andre Mijatovic, der anschließend nach dem 0:3 in Augsburg bei Rehhagels Einstand freimütig einräumt, dass auch „drei Otto Rehhagel und ein Mourinho“ nicht helfen können, „wenn wir Spieler so spielen“. Und da ist aktuell noch Patrick Ebert, der sich mit Knieschmerzen selbst aus der Vergabe der Plätze im Spieltagskader ausgeschlossen sehen möchte.

Spekulativ ist, inwieweit das eine mit dem anderen zu tun haben könnte. Die von einer solchen Möglichkeit ausgehende Gefahr ist deshalb so groß, weil Hertha im Existenzkampf eines zuallerletzt verträgt: Protagonisten im Selbstzerstörungsmodus. Am Sonntag sah Preetz sich zum Zwecke der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls daher dazu veranlasst, nach zweistündiger Krisensitzung beim Auslaufen der Spieler voranzutraben. Doch nicht gute Absichten wie diese werden Hertha vor dem Abstieg retten. Sondern nur Taten, zuvorderst solche auf dem Fußballplatz. So sie denn nur endlich auch folgen.