Es ist dieses Lachen, von dem sie alle so schwärmen. Es ist schon da, wenn sie morgens auf dem Vereinsgelände ankommen, Andreas Ottl ist es sofort positiv aufgefallen, Peter Niemeyer auch. Die Profis von Hertha BSC lachen wieder, dem 1:0 gegen Bremen sei Dank. „Im Fußball geht nichts über so einen Sieg“, erklärt Niemeyer das so einfache und gerade deshalb manchmal doch so komplizierte Seelenleben von Sportlern. „Es ist eine Befreiung“, sekundiert Ottl, „wenn in der Kabine wieder Scherze gemacht werden.“ Man freut sich wieder mehr auf das Training und die Kollegen, vergessen sind prompt die Zweifel, die die Serie von einem Dutzend siegloser Spiele in jedem Einzelnen hat aufkommen lassen. „Deshalb“, sagt Ottl, „waren die drei Punkte zu Hause so wichtig.“
Mit frischem Selbstvertrauen geht das noch immer schlechteste Team der Rückrunde nun die Aufgabe am Sonnabend in Köln an (15.30 Uhr, Sky live). „Auch da wollen wir jetzt was mitnehmen“, formuliert Ottl den Wunsch nach einem, besser drei weiteren Punkten. Ihre Zuversicht ziehen sie aus den Wochen mit dem jetzigen Trainerstab um Otto Rehhagel. In dieser Zeit habe sich schon abgezeichnet, sagt Niemeyer, „dass wir bald wieder ein Spiel gewinnen würden“.
Lustenberger muss noch passen
Kurios ist, dass dieser Sieg ohne die hier so forsch vorsprechenden Spieler gelang. Zumal, da Ottl und Niemeyer im Mittelfeld bislang eine der wenigen Konstanten in dieser aus Berliner Sicht von ständigem Wandel geprägten Saison darstellten. Die so genannte Doppelsechs ist ihr Zuhause, die Schaltzentrale im modernen Fußball. Als sie diese wegen Gelb- bzw. Rotsperre gegen Bremen komplett verwaist zurückließen und in Fabian Lustenberger auch der Dritte im defensiven Bunde verletzt fehlte (der Schweizer fällt mit Zehenprellung noch weitere zwei Wochen aus), gebar Rehhagel aus der Not heraus das Duo Levan Kobiashvili und Fanol Perdedaj.
Die beiden machten ihre Sache derart gut, dass Perdedaj in Köln zwar kaum spielen wird, aber immerhin in dem guten Gewissen weiterarbeiten darf, sagt Rehhagel, „dass ich ihn nicht vergessen werde“. Anders Kobiashvili. Der Älteste unter Herthas Feldspielern „bleibt jetzt erst mal im Mittelfeld“, hat der Älteste unter Deutschlands Fußballlehrern verfügt. „Prädestiniert als Leader“, sei der 34-Jährige mit seiner Erfahrung, „Levan ist ein Superprofi, geht mit vorbildlichem Einsatz voran“, schwärmt Rehhagel. Soweit zur einen Hälfte der Doppelsechs. Über deren zweiten Teil, sagt der Trainer, denke er „Tag und Nacht“ nach; mit diesem vorläufigen Stand: „Ich habe Ideen.“
Eine davon könnte sein, gibt Niemeyer zu bedenken, „mit drei Leuten auf der Sechs“ zu spielen. So oder so, der Außenseiter unter den Bewerbern heißt Perdedaj. Der 20-Jährige mit dem für Rehhagel unaussprechlichen Namen („Bei mir heißt er nur ‚Paradise'“) durfte sich in dieser Woche nicht öffentlich äußern. Bodenhaftung ist angesagt, nicht Anspruchsdenken. Es steckt ein Funke Wahrheit dahinter, wenn Rehhagel süffisant sagt: „Er darf sich bedanken, dass ich ihn einmal aufgestellt habe.“ Mag Perdedaj auch Herthas Zukunft als Abräumer sein – im Abstiegskampf ist Gegenwartsdenken angesagt.
Kobiashvili lobt auch Perdedaj
Platzhirsch Kobiashvili enthält sich einer Wertung, ob er – so es denn nur einer von beiden sein soll – den Kämpfer Niemeyer oder eher den Strategen Ottl an seiner Seite bevorzugt. „Das ist die Entscheidung des Trainers“, sagt er, und dass es aber auch gegen Bremen gut funktioniert habe mit ihm und Perdedaj: „Der eine“, er selbst nämlich, „mit Auge und Erfahrung. Der andere, indem er 90 Minuten marschiert ist und Gas gegeben hat.“
An ein Szenario, in dem Perdedaj spielt und sie selbst mit Bank oder gar Tribüne vorliebnehmen müssen, verschwenden die bisherigen Stammspieler Ottl und Niemeyer keinen Gedanken. Die Frage, ob er spielen wolle, „kann sich jeder selber beantworten“, sagt der Letztgenannte. „Kobi und Fanol haben es gut gemacht. Nichtsdestotrotz haben wir auch über die Saison hinweg unsere Leistung gebracht. Ich denke, meine kämpferischen Qualitäten sind hier jedem bewusst. Mit diesen Stärken versuche ich der Mannschaft zu helfen.“ Ottl formuliert seine Ansprüche deutlicher, er sagt: „Ich gehe immer davon aus, dass ich spiele. Ich versuche mich anzubieten, das habe ich bis jetzt immer gut getan, deswegen habe ich auch immer gespielt.“ Stimmt, in 21 von 21 möglichen Fällen in dieser Saison stand der im Sommer vom FC Bayern gewechselte Ottl bei Spielbeginn auf dem Platz; in Summe verpasste er durch (drei) Auswechslungen weniger als 30 Einsatzminuten.
Erst eine Rotsperre, deren auslösendes Foul am Mittelkreis der Sünder selbst freimütig in den Bereich „Dummheit“ einordnet, bereitete der Serie ein Ende. „Es war hart“, erzählt Ottl von der Zwangspause, und dass er sich „ungemein auf Sonnabend freue, da nach der Rotsperre wieder auf dem Platz zu stehen“. Spricht so jemand, der Zweifel an seiner Nominierung für die Startelf hat? Noch nicht mal von der Sorge sei er befallen, in den Wochen der Verhinderung für den Ernstfall ins Hintertreffen geraten zu sein. Zwar hatte Rehhagel so noch keine Gelegenheit, sich einen konkreten Eindruck von Ottl zu verschaffen, „aber wir sprechen ja trotzdem miteinander“, sagt der Spieler: „Ich habe keine Angst, etwas verpasst zu haben.“




