Mit dem Newtonschen Axiom sei es so eine Sache, klärt uns der Fußballlehrer und studierte Naturwissenschaftler Bernd Schröder auf. Allergrößten Respekt hat der 69-Jährige vor der Lebensleistung seines alten Kumpels Otto Rehhagel (73) – aber die Gesetze der Physik, sagt Schröder, könne nun mal auch der Trainer von Hertha BSC nicht außer Kraft setzen. Eingedenk des Newtonschen Axiom verhalte es sich mit Rehhagels im freien Fall befindlicher Mannschaft stattdessen wie mit einem 250.000-Tonnen-Tanker auf Kollisionskurs: Wenn er gestoppt werden soll, sorgt die Trägheit der Masse dafür, dass er erst einmal noch einige Kilometer weiterfährt.

Auch Rehhagel werde demnach „ein bis zwei Spiele brauchen“, sagt Schröder, ehe der aktuelle Irrlauf des Hauptstadtklubs durch die Fußball-Bundesliga gestoppt werden kann. Das Problem an der Sache ist nur, dass Hertha keine Zeit mehr hat für irgendwelche Naturgesetze. Schon das eine Spiel ohne Rehhagel-Effekt, das 0:3 am vergangenen Wochenende in Augsburg, war eines zu viel. Nach einem Dutzend Spiele ohne Sieg muss am heutigen Sonnabend gegen Werder Bremen (15.30 Uhr, Olympiastadion, hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ) die „13“ für Rehhagel zur Glückszahl werden.

Nur ein Sieg hilft Rehhagel

So absurd es klingt: In diesen schnelllebigen Tagen ist der Fortbestand von Rehhagels Rettermission nur garantiert, wenn spätestens im zweiten Spiel sein Wirken auf positive Weise spürbar wird – und das ausgerechnet gegen Bremen, wo Rehhagel als Trainer zur Legende wurde. „Das Spiel gegen Werder ist für ihn ein spezielles Spiel und wegweisend für Otto. Wenn Hertha am Samstag verliert, wird es schwer für Rehhagel seine Spieler in den kommenden Wochen noch zu erreichen und zu motivieren“, dräut es Bremens Torhüterlegende Dieter Burdenski (siehe Interview). Nur ein Sieg hilft Hertha und Rehhagel, unter dem die Mannschaft zum Einstand gleich mal auf den Relegationsplatz 16 der Tabelle abgerutscht ist..

Doch wie, und diese Frage stellen sich viele, soll diese Mannschaft überhaupt mal wieder ein Spiel gewinnen? In Widerspruch zu Burdenski macht Marco Bode das Wohl oder Wehe von Rehhagels Mission nicht in erster Linie von ihm, dem Trainer, abhängig: „Sondern von der Mannschaft, die in eine tiefe Krise geraten ist“. Aus der Ferne diagnostiziert der ehemalige Rehhagel-Schüler „ein psychologisches Problem“ bei den Spielern, das ursächlich sei für „viele individuelle Fehler“.

Mit Otto Rehhagel versucht sich Trainer Nummer fünf in der laufenden Saison an einer Mannschaft, bei der gar nicht auszumachen ist, an welcher Stelle zuerst Probleme behoben werden sollen. Der letzte Sieg datiert von Ende Oktober (3:2 in Wolfsburg). Alle sieben Pflichtspiele des Jahres 2012 wurden verloren, dies bei 1:16 Toren. Seit Mitte Oktober hat Hertha kein Spiel mehr ohne Gegentor absolvieren können. Umgekehrt bedeuten aktuell vier Spiele hintereinander ohne eigenes Tor Vereinsrekord.

In Heimspielen ist Hertha sogar chronisch erfolglos. Von den 28 Bundesliga-Partien, die seit August 2009 im Olympiastadion stattgefunden haben, konnten die Berliner nur deren drei gewinnen. Der gefährliche Trend des Abstiegsjahres setzt sich im Jahr der Rückkehr nahtlos fort: Wo es heißt, die Basis für den Klassenerhalt werde in Heimspielen gelegt, hat Hertha in dieser Saison in elf Spielen kümmerliche neun Punkte (zwei Siege, drei Remis) gesammelt – kein anderer Bundesligist ist in dieser Hinsicht schlechter.

Wie also soll diese Mannschaft mal wieder ein Spiel gewinnen? Vielleicht genügte es schon, wenn die Spieler sich ihrer fürwahr großartigen kämpferischen Leistung im Hinspiel besinnen. Da kassierte Hertha denkbar unglücklich erst in der Nachspielzeit das entscheidende 1:2 – und das trotz zwei Mann Unterzahl, nachdem nacheinander Adrian Ramos und Christian Lell per Gelb-Roter Karte des Feldes verwiesen worden waren.

Im Falle einer weiteren Niederlage droht die Lage nicht nur sportlich, sondern insgesamt außer Kontrolle zu geraten. Bereits im Februar statteten rund 200 wütende Fans der Mannschaft am Tag nach dem 0:5 in Stuttgart einen so nicht vorhergesehenen Besuch auf dem Vereinsgelände ab. Es war dies der erste spürbare Ausbruch ihrer Angst, Hertha könne nach 2010 ein weiteres Mal aus der Bundesliga absteigen. Jetzt haben viele Fans sich erneut einerseits schon mit dem Schlimmsten abgefunden, aber wollen gleichzeitig doch nicht wahrhaben, dass es tatsächlich so kommen könnte. Hoffen, bangen, beten, fluchen – auch dieser Sonnabend wird wieder für Zehntausende das große Gefühlskino bereithalten.

Fragezeichen hinter Lell und Hubnik

Kritisch beäugt haben sie in dieser Woche, wie ihre Lieblinge sich auf die Herausforderung am Wochenende vorbereitet haben. Der Montag war auf dem Weg dorthin frei, was nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß. Dienstag wurde wie vorgesehen zweimal trainiert und Mittwoch ausnahmsweise auch. Zweikämpfe wurden geübt und Torschüsse. Den schönsten schaffte, mit zehn Euro vom Trainer prämiert, Andreas Ottl.

Ungünstigerweise ist der Kunstschütze vom Mittwoch jedoch Teil der Probleme des Sonnabend. Ottl sitzt gegen Bremen das letzte Spiel seiner Rotsperre ab, Peter Niemeyer ist Gelb-gesperrt, und die Nummer drei im zentralen defensiven Mittelfeld, Fabian Lustenberger, fällt mit geprellter Zehe weiterhin verletzt aus. Die Lücke schließen könnte Christoph Janker – so er denn nicht noch dringender rechts hinten in der Abwehr benötigt wird. Für das diesbezügliche Fragezeichen sorgt Lell, der nach auskurierter Muskelverletzung am Mittwoch erstmals wieder mit den Kollegen übte. Reicht die Zeit, um gegen Bremen schon wieder in die Startelf zurückzukehren? Ungewiss ist außerdem, ob Roman Hubnik (Risswunde am Zeh) wird spielen können.