Da sage einer, Otto Rehhagel freue sich nicht auf die Termine mit Journalisten. Auf der obligatorischen Pressekonferenz vor der Partie am Sonnabend gegen Werder Bremen (15.30 Uhr, Olympiastadion) ergriff der neue Cheftrainer von Hertha BSC das Wort, noch ehe die erste Frage gestellt worden war. „Wie heißt Ihr Hund“ fragte er einen sehbehinderten Medienvertreter, der regelmäßig in Begleitung eines schwarzen Blindenführhundes erscheint. Die Antwort lautete: Der Hund sei eine sie und höre auf den Namen „Voice“. Dann entspann sich ein Frage-Antwort-Pingpong zwischen Trainer und Medienvertretern. Nach zwölf Minuten reichte es Rehhagel: „Jetzt ist aber genug. Ich möchte ‚Voice' noch streicheln.“ Sprach's und erhob sich, um im Blitzlichtgewitter der Fotografen, die schwarze Hündin zu liebkosen.

Hertha BSC und Rehhagel, das wirkt, als sei der Verein ein wenig außerhalb der Zeit gefallen. Alle wissen, dass der Aufsteiger in der Saison 2011/12 in akuter Abstiegsgefahr schwebt. Nach sechs Niederlagen in Folge ist der Hauptstadt-Klub auf Platz 16 abgerutscht. Es bleiben nur noch elf Runden, um den Klassenerhalt zu sichern. Doch bei Fragen nach den aktuellen Problemen gibt es von Rehhagel (73) Antworten aus der Frühzeit der Bundesliga. Auf die Taktik angesprochen, ob für Hertha ein 4-2-3-1-System besser sei oder ein 4-4-2 dribbelt Rehhagel ins Wolkige: Verliert man, war die Taktik schlecht. Gewinnt man, war sie gut. Rehhagel: „Wenn wir mit einem dreifachen Doppel-Stopper spielen und damit die Klasse halten könnten, würde ich das machen.“

Da müssen selbst langjährige Beobachter nachschauen und finden beim Internet-Lexikon Wikipedia: „Die Bezeichnung Vorstopper kam in den 1960er-Jahren auf, als die klassische Mittelläuferposition, auch Stopper genannt, zur Libero-Position wurde. Der Libero spielte im Raum, der Vorstopper in Manndeckung gegen den Mittelstürmer.“

Die Sechziger Jahre, das war die Zeit als Rehhagel etwa von 1963 bis 1966 für Hertha BSC einen beinharten Verteidiger spielte. Das ist lange her. Vor zwei Wochen hat sich Rehhagel als Helfer in der Not für Hertha zur Verfügung gestellt. Aber er muss die Aufgaben von 2012 lösen.

Hertha sucht die Balance

Etwa wer auf der Schlüsselposition im modernen Fußball, der sogenannte Doppel-Sechs im defensiven Mittelfeld, für Hertha spielen soll. Auf dieser Position, da waren sich alle Experten vor der Saison sicher, ist der Aufsteiger gleich dreifach bundesliga-tauglich aufgestellt. Bitter für Rehhagel: Mit Andreas Ottl (Rot-gesperrt), Peter Niemeyer (Gelb-gesperrt) und Fabian Lustenberger (verletzt) fallen sämtliche Spezialisten für die Position aus. Auf der Doppel-Sechs wird der Rhythmus des Spiels bestimmt. Dort gilt es, gegnerische Angriffe zu ersticken und Bälle zu erobern. Und blitzschnell muss entschieden werden: Selbst einen schnellen Konter starten? Oder das Spielgeschehen beruhigen und den Ball erstmal hintenrum spielen? Hertha hat Probleme in der Scharnierstelle des Spiels: Die Berliner haben in 23 Saison-Begegnungen 338 Torschüsse zugelassen (nur der HSV/340 und Köln/372 sind noch schlechter). Und im Gegenzug mit 246 Schüssen auf das gegnerische Tor den zweitschlechtesten Wert der Bundesliga (Köln/193).

Die Balance bei Hertha muss besser werden. Am Sonnabend verlangt die Bremer Offensive mit ihren Hochkarätern wie Pizarro, Marin oder Arnautovic eine funktionierende Doppel-Sechs bei den Gastgebern. Nur, wer soll da spielen? Rehhagel antwortet: „Ich weiß es noch nicht. Wir werden bis Samstag eine Lösung finden.“

Klar ist nur, dass Levan Kobiashvili (34), der etatmäßige Linksverteidiger, auf die Doppel-Sechs vorrücken wird. Der Georgier ist nicht mehr der Schnellste, mit 328 Bundesliga-Einsätzen aber der erfahrenste im Kader. Zudem spielt er die Position in seinem Nationalteam. Ein weiterer Kandidat ist Christoph Janker, der in den letzten beiden Spielen als rechter Außenverteidiger seinen Dienst versah. Doch am Donnerstag war nicht klar, wo Janker am meisten benötigt wird: im defensiven Mittelfeld? Oder rechts in der Abwehrkette, falls die Zeit für Rückkehrer Christian Lell, der vier Wochen ausgesetzt hat, nicht reicht? Oder als Manndecker für Roman Hubnik, der Tscheche musste an einer Risswunde am Zeh genäht werden, am Donnerstag konnte er lediglich Fahrrad fahren.

Somit bleibt als weitere Option Raffael. Der Spielmacher aus Brasilien kann einen listigen Abfangjäger vor dem eigenen Strafraum spielen. Allerdings wird der Weg aus der eigenen Hälfte bis zum gegnerischen Tor weit für Raffael, der damit um eine seiner Stärken, die Torgefährlichkeit, gebracht würde. Als Jugend-Variante steht mit Alfredo Morales (21) ein interessanter Spieler im Kader. Zugegeben, außer 20 Minuten in der Vorwoche in Augsburg hat Morales auf dieser Position noch nicht in der Bundesliga gespielt. Aber er war in der Nacht zu Donnerstag im Mittelfeld der U23-Nationalmannschaft der USA im Einsatz. Das Team gewann in Dallas/Texas gegen Mexiko mit 2:0. Damit ist aber auch schon ein Punkt genannt, der gegen den Herthaner spricht. Morales wird nach seinem Interkontinental-Rückflug erst am heutigen Freitag zum Kader stoßen.

Rehhagel weiß, dass Hertha rasch Lösungen braucht. Seine eigene Motivation ist kein Problem. Cotrainer Rene Tretschok sagte: „Für Rehhagel ist das ein Prestigeduell, weil er früher bei beiden Klubs aktiv war. Er ist sehr emotional. Natürlich verbindet ihn viel mit Bremen, aber momentan wäre ein Sieg mit Hertha das Schönste für ihn.“ Aber die Last mit dem Kampf um den Klassenerhalt müssen die Spieler schultern. „Das sind junge Menschen. Es ist doch klar, dass sie in so einer Situation verunsichert sind“, sagte Rehhagel. 50.000 Fans werden im Olympiastadion erwartet. Dennoch findet er: „Etwas mehr Einsatz, mehr Leidenschaft kann man geben“ als beim 0:3 in Augsburg. Andrerseits weiß Rehhagel, „darf man nicht überdrehen. Man muss klug spielen.“ Fragen über Fragen. Rehhagel stand da, streichelte „Voice“ – und wirkte wie jemand, der noch auf der Suche nach Antworten ist. Mitarbeit M. Kleinemas