Elf Jahre und 148 Tage sind eine lange Zeit. „Otto raus!“, forderten die Fans des 1. FC Kaiserslautern im September 2000, nun ist dieser einst geschmähte Otto Rehhagel wieder drin im Showgeschäft Fußball-Bundesliga.
Irrwitzige 4165 Tage nach einem finalen 1:1 des FCK gegen Energie Cottbus führte der Erfahrenste unter Deutschlands Fußballlehrern seinen neuen Klub Hertha BSC in seiner Paraderolle als gefeierter Heilsbringer ins Duell der Aufsteiger gegen den FC Augsburg.
Doch Teil eins der auf drei Monate befristeten Retteraktion des 73-Jährigen ist schon mal kräftig misslungen. Mit dem 0:3 (0:0) in Augsburg hat Hertha das halbe Dutzend an sieglosen Bundesligaspielen in Serie voll gemacht. „Wenn man gegen den Abstieg spielt, muss man in erster Linie auch kämpfen. Das haben uns die Augsburger vorgemacht. Sie haben um jeden Meter gefightet, wir haben versucht, die Dinge spielerisch zu lösen“, tadelte Rehhagel.
Herthas Bilanz der Rückrunde ist eine wahre Bilanz des Grauens: Sechs Spiele, sechs Niederlagen, 1:14 Tore. Als Konsequenz daraus ist der Elfte der Winterpause in der Tabelle erstmals in dieser Saison auf den Relegationsplatz 16 abgerutscht.
Über die geglückte „Majestätsbeleidigung“ von „König Otto“ sagte Augsburgs Jan-Ingwer Callsen-Bracker: „Rehhagels Comeback war eine große Motivation für uns. Wir wollten den Trainereffekt sofort zunichte machen.“ Prompt steht Hertha wieder vor einer unruhigen Woche.
Im Anschluss an das 0:5 in Stuttgart waren vor zwei Wochen am Tag danach rund 200 wütende Fans auf das Vereinsgelände marschiert. Droht ein solcher Aufstand nun erneut? Nach dem Schlusspfiff grölten die mitgereisten Fans „Absteiger, Absteiger!“ und „Wir sind Herthaner und ihr nicht!“
Dazu schwenkten sie bedrohlich mit Stangen, die hoffentlich nur aus Plastik waren. „Es ist sehr schwer, jetzt zu den Fans zu gehen“, sagte Stürmer Pierre-Michel Lasogga: „Sie haben ein Recht auf Erklärungen, aber uns fehlen momentan selbst die Worte.“ Zu Rehhagels gründlich verpatztem Einstand sagte Kapitän Andre Mijatovic: „Es könnten drei Rehhagels und zusätzlich Jose Mourinho (Trainer von Real Madrid – d.R.) auf der Bank sitzen. Spielen müssen letztlich wir Spieler.“
Preetz wollte zuerst Volker Finke
Der sichtbare Part von Rehhagels Arbeitstag hatte damit begonnen, dass sogar dieser erfahrene Mann einmal irrte. Im Kabinentrakt der Augsburger Arena wählte Rehhagel den falschen Weg und musste von kundigem Personal zum Berliner Umkleidebereich geleitet werden. Dort legte auch „König Otto“ seine edlen Kleider ab; den feinen Ausgehanzug tauschte er mit dem eher sportlichen Trainingsanzug. Einem Augsburger Auflaufkind tätschelte er im Spielertunnel väterlich die Wange.
„Positive Anspannung“ verspürte er, verriet er vor dem Anpfiff im Fernsehinterview. Angespannt waren auch die Fotografen, die Rehhagels Gang zur Berliner Trainerbank festhalten wollten. Hinter sämtlichen Spielern trat der Trainer als Letzter ins Freie. Um den Ansturm zu bewältigen, war eine Extraabsperrung errichtet worden, Sicherheitsbedienstete überwachten später das hektische Treiben der Fotografen. Und Otto? Der winkte. Aber nicht in die Kameras. Sondern ins Publikum.
Dabei wäre, das wurde am Spieltag bekannt, beinahe ja alles ganz anders gekommen – wenn, ja wenn nur Volker Finke dem Werben von Hertha nachgegeben hätte. Erst nach seinem Nein zur am Sonnabend vom 1. FC Köln offiziell bestätigten Anfrage aus Berlin kontaktierte Manager Michael Preetz schließlich Rehhagel, der so in Augsburg zu seinem Bundesligaspiel Nummer 821 als Trainer kam – Rekord.
Als (endlich) Fußball gespielt wurde, überraschte der vermeintliche Defensivfanatiker Rehhagel mit einer vergleichsweise offensiven Ausrichtung. Lasogga kehrte in die Startelf zurück, in der außerdem Adrian Ramos verblieb. Hinter diesen „zwei Angreifern“ (Rehhagel) agierte Raffael, vom neuen Trainer zum „Spiritus rector“ erhoben. Eine Aufstellung also ganz nach dem am ersten Diensttag proklamierten Motto: „Attack, attack – go!“
Es begann auch gut. Nach zehn Minuten war FCA-Torwart Simon Jentzsch sogar schon geschlagen, aber Verteidiger Verhaegh klärte Raffaels Schuss aus der Drehung noch vor der Linie – wer mochte da ahnen, dass es Herthas einziger Abschluss an diesem Nachmittag bleiben sollte. Nach einer halben Stunde verschoben sich die Kräfteverhältnisse. Nun hatten die Gastgeber ein optisches Übergewicht – und die Berliner Mühe, den Gegner vom Tor fern zu halten oder gar zu eigenen Chancen zu kommen.
Entscheidung binnen 99 Sekunden
Um 16.49 Uhr stand Hertha dann zum ersten Mal in dieser Saison in der gefährdeten Zone der Tabelle. Torsten Oehrl beförderte den Hauptstadtklub mit dem 1:0 in Minute 61 auf den Relegationsplatz – und ließ diesem ersten Tor exakt 99 Sekunden später prompt ein zweites folgen. Wie Hubnik und Bastians vor dem 2:0 verteidigten, war schlicht nicht Bundesliga-reif. Nebenbei: Vor dem Spiel hatte der Stürmer Oehrl ein Saisontor auf dem Konto – nun waren es deren drei.
Marcel Ndjeng machte in der Nachspielzeit Augsburgs höchsten Saisonsieg perfekt. Das hatte sich Rehhagel anders vorgestellt. Andererseits: Das erste Spiel unter „Retter“ Hans Meyer hatte Hertha 2003/04 sogar 0:4 verloren – in Bremen, dem kommenden Gegner der Berliner.
Lustenberger und Lell trainieren
Extraschicht: Parallel zum Spiel in Augsburg legten die verletzten Fabian Lustenberger (Fußprellung) und Christian Lell (Muskelbündelriss) eine Extraschicht in Berlin ein. Auch Andreas Ottl (Rotsperre) war dabei.
Training: Am Sonntag um 10 Uhr bittet Trainer Otto Rehhagel zum obligatorischen Auslaufen.
Reserve mit Profis: Zum Abschluss des 21. Spieltages in der Regionalliga Nord empfängt die U23 von Hertha BSC Sonntag, 14 Uhr, Tabellenschlusslicht Energie Cottbus II. Ohne Pal Dardai, der in den Trainerstab des Klubs gewechselt ist (U17). Dafür stehen die zur zweiten Mannschaft abkommandierten Nico Schulz, Jerome Kiesewetter, Abu Bakarr-Kargbo und John Brooks zur Verfügung.
Frau mit Pfiff: Geleitet wird diese Partie von Riem Hussein – einer Schiedsrichterin palästinensischer Abstammung. Die promovierte Apothekerin pfiff 2010 das DFB-Pokalfinale der Frauen, bei der Frauen-WM 2011 war sie für das ZDF als Expertin tätig.





