Neuer Hertha-Trainer

Rehhagels "Mission Klassenerhalt" beginnt

Otto Rehhagel leitet seine erste Trainingseinheit bei Hertha BSC. Zeit zum Entspannen wird es kaum geben, denn der neue Trainer muss an sieben Baustellen gleichzeitig arbeiten.

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Frühmorgens kam Otto Rehhagel auf das Hertha-Gelände gebraust. Sogleich Folge leisten wollte er schließlich seiner Ankündigung vom Tag zuvor, er sei zum Arbeiten hier, „auf der Geschäftsstelle oder auf dem Fußballplatz“. Die Profis hatten frei am Montag – ihr 73 Jahre alter Chef führte einige Gespräche mit seinen künftigen Mitstreitern, allen voran natürlich den beiden Co-Trainern René Tretschok und Ante Covic. Zu dritt werden sie am Dienstag um 10 und um 15 Uhr die ersten Einheiten der ihnen überantworteten „Mission Klassenerhalt“ leiten. Jetzt gilt auch für Rehhagel: „Attack, Attack – Go“, wie er sich bei seinem Antritt ausdrückte.

Geht es nach den Fans von Hertha BSC, erwartet seine Profis gleich mal ein schwerer Auftakt: 75 Prozent der Abstimmungsteilnehmer auf „ immerhertha.de “, dem Blog der Berliner Morgenpost, forderten: Rehhagel solle seine Jungs sofort „richtig hart rannehmen.“ Zu tun ist so oder so genug, gleich sieben Problemfelder hat Rehhagel zu beackern.

Tore schießen: Eine der Marschrouten für die kommenden Wochen hat der neue Trainer schon vor einigen Jahren selbst geprägt. Angesichts der überbordenden Erklärungsversuche im Fußball sagte Rehhagel: „In diesem Geschäft gibt es nur eine Wahrheit: Der Ball muss ins Tor.“ Diese Wahrheit schmerzt derzeit keinen Klub so sehr wie Hertha. Nur ein Tor hat die Mannschaft in bislang sechs Pflichtspielen im Kalenderjahr 2012 erzielt (beim 1:2 gegen den Hamburger SV). In Summe stellen die Berliner mit nur 25 Toren einen der schwächsten Angriffe der Bundesliga, nur vier Teams trafen seltener. „Attack, attack, go“ – dazu muss Rehhagel rasch Zugang finden zu den sensiblen Offensivkräften Raffael und Adrian Ramos. Vor allem der Kolumbianer agierte vor dem Tor zuletzt in erschreckender Weise verunsichert und harmlos. Und Pierre-Michel Lasogga, mit nur 20 Jahren bisher Herthas bester Schütze (sieben Treffer), läuft wegen anhaltender Kniebeschwerden derzeit, so Tretschok, „auf der letzten Felge“.

Abwehr stärken: Hertha hat aber nicht nur ein Sturmproblem, inzwischen sind auch die Sorgen in der Defensive groß. Ständige Ausfälle aus Gründen von Verletzungen oder Sperren haben den Trend nur noch verstärkt, dass die anfänglich zu beobachtende Stabilität gründlich abhanden gekommen ist. Zwar wurden Meister Dortmund am Sonnabend nur sechs Chancen gestattet. Doch in unschöner Regelmäßigkeit führen individuelle oder kollektive Patzer zu mindestens einem Gegentor – jetzt schon 14 Spiele in Folge. Zuletzt stand die Null Mitte Oktober, beim 0:0 gegen Mainz genauso wie vier Tage später im Pokal beim 3:0 in Essen – übrigens mit dem Augenzeugen Rehhagel als Tribünengast. 37-mal schlug es hinter Torwart Thomas Kraft und Kollegen in der Bundesliga schon ein; immerhin elf Teams kassierten weniger Gegentreffer. Rehhagel, für seine auf Torsicherung bedachten Spielsysteme bekannt, wird an dieser Baustelle wohl mit Freude zuerst arbeiten.

Die Mannschaft disziplinieren: „Attack, attack“ – aber mit fairen Mitteln. Vier Platzverweise, wie Berliner Spieler sie in sieben Spielen zuletzt anhäuften, wird der Disziplinfanatiker Rehhagel nicht tolerieren. Zumal, wenn sie das Ergebnis von Frust sind, wie die Tätlichkeiten von Raffael und Roman Hubnik und auch Andreas Ottls grobes Foulspiel in Stuttgart. Einzig Sebastian Neumann sah eine „normale“ Gelb-Rote Karte. „Jeder muss sein Ego in den Hintergrund stellen“, warnt Rehhagel – diese Worte richten sich zugleich gegen den Kabinen-„Maulwurf“, der zuletzt fleißig Interna (Lells Krach mit Skibbe) nach draußen schaufelte.

Spieler stark reden: Neben solchen nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Details waren von den Spielern zuletzt bedenklich oft Sätze zu hören wie: „So ist das, wenn du unten drin stehst.“ Eine von Rehhagels Stärken ist es, seine Schützlinge an ihre Stärken zu erinnern. Auch Tretschok bemühte sich kaum zufällig vor dem Dortmund-Spiel um Aufbruchstimmung, als er sagte: „Wir verlangen nichts, was die Jungs nicht können, sondern nur das, was sie bereits gezeigt haben.“

Die schwarze Serie beenden: Elf Ligaspiele in Folge ohne Sieg, inklusive Pokal sogar sechs Niederlagen im Jahr 2012 am Stück und 1:13 Tore – „eine schwierige Situation“ nennt Rehhagel das ein wenig euphemistisch. Immerhin: Noch steht Hertha nicht auf einem Abstiegsplatz, auch wenn Tretschok sagt: „Es ist höchste Zeit, dass wir mit dem Gewinnen anfangen.“ Da würde ein Sieg zu Rehhagels Einstand in Augsburg eine gute Grundlage bilden: Von den 20 für die Rückrunde zum Ziel gesetzten Punkten fehlen schließlich noch exakt 20 auf der Habenseite – und bei einer Niederlage gegen den Tabellenvorletzten würde Hertha unweigerlich zum ersten Mal in dieser Saison auf einen Abstiegsplatz abrutschen.

Heimschwäche beenden: Gelingt in Augsburg der angestrebte Premierensieg, kann die Mannschaft anschließend mit Werder Bremen ausgerechnet gegen den Klub nachlegen, bei dem der Trainer Rehhagel zur Legende wurde. Doch gerade im Olympiastadion führte die Kombination aus zu wenigen eigenen Toren und zu vielen des Gegners zu vielen Niederlagen. Hertha ist das heimschwächste Team der Bundesliga und die einzige Mannschaft, die auswärts mehr Punkte geholt hat – und die Statistik (siehe Grafik) belegt: Seit zehn Jahren ist die heimschwächste Mannschaft grundsätzlich abgestiegen. Also kommt es darauf an, den Spielern vor eigenem Publikum die Hemmungen zu nehmen, Rehhagel muss das Bewusstsein vermitteln: Dies ist unsere Festung, hier gibt es für den Gegner nichts zu holen. Gewiss wird er nicht wie Ex-Trainer Markus Babbel über den Druck sinnieren, den ein volles Olympiastadion erzeugt.

Ruhe in den Verein bringen: Sollte Otto Rehhagel diese sechs sportlichen Probleme gelöst kriegen, hat er beste Chancen, abseits des Platzes auch mit dem siebten und schwerwiegendsten Dilemma fertig zu werden: Erst belastete das in Ex-Trainer Babbels Rauswurf gipfelnde Hickhack um dessen Vertragsverlängerung Verein und Mannschaft, dann wurde Skibbe in Rekordzeit geheuert, dann gefeuert – mit dem Ergebnis, dass Hertha bundesweit wieder das schon überwunden geglaubte Image vom Chaosklub anhaftete. Um den zuletzt mit Spott und Satire überschütteten Hauptstadtklub aus den Schlagzeilen zu holen, ist Rehhagel der ideale Trainer: Alles fokussiert sich auf ihn. Rehhagel wird sich für drei Monate ins Rampenlicht stellen und arbeiten – parallel dazu ist es an Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer, die Zeit danach zu gestalten.

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