Raffael muss viel gelitten haben in den vergangenen Wochen. Er ist nun einmal Brasilianer, und ein solcher, so geht das Vorurteil, hat nur den Fußball im Kopf. Egal ob am Strand, auf unmöglichen Betonplätzen oder auf den Dächern einer Großstadt – es wird gegen das Leder getreten, wann immer es die Zeit erlaubt. Zeit hätte auch Herthas Offensivkünstler gehabt, einzig – zaubern durfte er nur auf dem Trainingsplatz. Seit vier Spielen, dreimal in der Liga und einmal im Pokal, musste der 26-Jährige wegen zweier Roter Karten aussetzen. „Das war wirklich nicht schön für mich“, erzählt Raffael, „aber jetzt bin ich bereit für Mittwoch, ich habe gut trainiert.“ Dann steigt das emotional wie finanziell so wichtige Viertelfinale im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach. Herthas Bilanz ohne Raffael lässt erahnen, wie sehr sich Berlins Fußball-Bundesligist nach der Rückkehr des spielerisch besten Herthaners sehnt: Die letzten drei Spiele gingen samt und sonders verloren, einzig das Pokal-Achtelfinale vor Weihnachten konnte der Klub gewinnen. Spielerisch erlahmte die Offensive, vor allem Stürmer Pierre-Michel Lasogga war ohne die genialen Pässe seines Kollegen in der Spitze auf sich allein gestellt.
Nun darf es also Raffael wieder richten. Viel ist in den vergangenen Wochen geredet worden. Über Herthas Abhängigkeit von ihm. Davon, dass ohne den Brasilianer die guten Ideen fehlen. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass dies alles wahr ist. Die Zahlen belegen, wie selten Hertha Raffael zu ersetzen vermag. Seit seinem Wechsel im Winter 2008 nach Berlin hat er in der Bundesliga nur neun Partien versäumt. Und das ist auch gut so. Denn in diesen Spielen gewann Hertha insgesamt gerade einmal neun Punkte – das sind schlechte 0,3 Punkte pro Spiel. Zum Vergleich: In den restlichen Partien, in denen Raffael auflaufen konnte, sind es bisher 1,3 Punkte pro Spiel und damit ein ganzer Zähler im Schnitt mehr.
Raffael mag diese Fokussierung auf ihn nicht. „Die ganze Mannschaft muss funktionieren, auch Raffael kann nur gut sein, wenn die Mannschaft gut ist. Jeder muss eine Antwort parat haben“, sagt er bescheiden. Gleichwohl sind die Erwartungen an ihn hoch. Sogar Fabian Lustenberger, der seinen Part im offensiven Mittelfeld gegen Hannover sehr gut bekleidete, kommt nicht um ein Lob herum. Wohl wissend, dass er seinen eigenen Platz wohl an den Kollegen verlieren wird. „Natürlich sind wir alle froh, dass Raffael zurückkehrt“, sagt er, „er hat oft genug bewiesen, dass er den entscheidenden Unterschied machen kann.“ Für Lustenberger selbst bedeutet das, Abschied von seiner neuen Rolle zu nehmen, die ihm „auch sehr gut gefallen habe“, wie er sagt.
Trainer Michael Skibbe hat derlei Gedanken nicht, er freut sich schlicht aufs Raffael-Comeback. „Er bringt uns sicher ein paar Prozent mehr an Leistung, die dafür sorgt, dass wir Spiele wie gegen Hannover auch mal gewinnen“, sagt er. So gesehen hat Peter Niemeyer recht, wenn er nach dem Hannover-Spiel etwas angesäuert feststellte: „Er hat sich diese Sperren ja auch selber eingebrockt.“ Und dem Team, das stand unausgesprochen im Raum, einen Bärendienst erwiesen. Ja, sagt Raffael am Sonntag, er habe jetzt dazugelernt. In Zukunft wolle er sein Temperament, das eben immer dann aufblitzt, wenn er sich provozieren lässt, besser zügeln. „Diese beiden Platzverweise habe ich jetzt überlebt“, sagt er, „ich weiß, dass ich in solchen Situationen in Zukunft nicht mehr reagieren darf.“ Auf seine sportliche Reaktion im Spiel gegen Gladbach aber sind sie bei Hertha mehr als gespannt.
mkl





