Die Sonne war verschwunden, die Quecksilbersäule im Thermometer zeigte minus 9 Grad an. Alfredo Morales (21) stand in seiner dünnen Trainingskleidung am Rand des Spielfeldes und fror. 90 Minuten hatte die Übungseinheit gedauert, jetzt musste er, das große Ballnetz über die Schulter gehängt, warten. Bis Teamkollege Peter Niemeyer sein Interview beim Bezahlsender Sky beendet hatte und er an der Reihe war. Seit zwölf Jahren kickt er für Hertha BSC, bisher haben sich die Medien wenig bis gar nicht um den Nachwuchsspieler gekümmert. Doch das ändert sich am Sonnabend. Durch die Verletzung von Christian Lell, der zudem nach seiner fünften Gelben Karte gesperrt gewesen wäre, wird Morales sein Debüt in der Startelf von Hertha geben, wenn es ab 15.30 Uhr gegen Hannover 96 geht.

Am Mikrofon des TV-Senders erzählt Morales mit leiser, aber klarer Stimme: „Ich freue mich unheimlich darauf, ins Olympiastadion einzulaufen. Auf die Fans. Und auf das Spiel.“ Die Frage, ob er Angst habe, verwundert ihn. „Ich habe etwas Lampenfieber, aber das gehört dazu.“

Greenhorn-Alarm beim Aufsteiger: Morales bringt die Erfahrung von gerade 52 Bundesliga-Minuten, verteilt auf zwei Einwechslungen mit. Sein letzter Einsatz datiert vom 15. Oktober (0:4 beim FC Bayern). Und jetzt soll der Youngster helfen, die kriselnde Hertha-Defensive zu stabilisieren. Neben Morales wird es in der Innenverteidigung einen weiteren Neuling geben. Abwehrchef Andre Mijatovic muss nach seiner fünften Gelben Karte aussetzen. Entweder erhält Sebastian Neumann (20) seine Chance. Der U 21-Nationalspieler durfte bisher in der Bundesliga noch gar nicht ran. Oder Felix Bastians gibt seinen Einstand. Der ist immerhin schon 23 Jahre, hat nach seinem Wechsel vom SC Freiburg vor acht Tagen noch kein Hertha-Spiel bestritten.

Im Kampf um den Klassenerhalt setzen Trainer häufig auf den Faktor Erfahrung. Hertha BSC beschreitet den entgegengesetzten Weg. Trotz der Verletzten-Misere – neben Lell fallen Christoph Janker (Jochbein-Operation) und Maik Franz (Kreuzbandriss) aus – haben sich Trainer Michael Skibbe und Manager Michael Preetz in den letzten Transfertagen gegen Nachverpflichtungen entschieden.

Die Sehnsucht nach Berliner Jungs

Skibbe weiß um die kritische Lage bei Hertha nach acht Spielen ohne Sieg: „Wir sind mit Misserfolgen gestartet. Es liegt jetzt an uns, das umzukehren.“ Und der Trainer vertraut auch in der Drucksituation seinen Jungen. Skibbe: „Wenn ich es ketzerisch ausdrücke, kann man sagen: Es wird den einen oder anderen Nachwuchsspieler treffen, der jetzt spielen muss. Richtiger ist aber, dass jetzt die Zeit endlich da ist, wo sich der eine oder andere aus dem Nachwuchs zeigen kann.“ Unter den Profis ist Morales ein Sonderfall. Nicht nur, weil er in den vergangenen Monaten den größten Sprung gemacht hat. Er kann Stürmer spielen, Zehner oder im defensiven Mittelfeld. In der Innenverteidigung. Oder, wie derzeit, als Außenverteidiger. Der Junge aus dem Wedding mit dem Vater aus Peru, der deutschen Mutter und der amerikanischen Staatsbürgerschaft wurde nicht zufällig im vergangenen November von Nationaltrainer Jürgen Klinsmann erstmals zur US-Nationalmannschaft eingeladen.

Skibbe sagt nach vier Wochen der Zusammenarbeit: „Alfredo ist ein junger, aufstrebender Spieler, der fußballerisches Potenzial hat. Er ist ein ordentlicher Zweikämpfer, ein ordentlicher Kopfballspieler. Ich bin überzeugt, dass er gegen Hannover eine gute Leistung bringen wird.“ Morales versteht die Frage nach seiner Person. Aber ihm ist die Mannschaft wichtiger. „Wir müssen mal wieder ein Spiel gewinnen. Damit wollen wir gegen Hannover anfangen.“ Auch der Weg, wie das funktioniert, ist ihm klar. „Es heißt nicht von ungefähr Abstiegskampf. Wir müssen mit dem zweiten Teil des Wortes anfangen: Wir wollen bedingungslos kämpfen.“

Innenverteidiger Neumann wirft seinen Hut ebenfalls in den Ring. „Ich bin bereit“, sagt er nach Ende des Abschlusstrainings. „Ich würde gerne spielen, aber der Trainer hat sich noch nicht festgelegt.“

Neumann hat ebenso wie Morales Herthas Nachwuchsabteilungen durchlaufen, seit 2001 ist der Junge aus Kreuzberg im Klub. Ihm ist durch die Verpflichtung von Felix Bastians unerwartete Konkurrenz erwachsen. Bastians ist eigentlich gelernter linker Verteidiger. Kann aber ebenso den linken Manndecker spielen wie den rechten Außenverteidiger. „Das ist alles kein Problem“, grinst Bastians, der einen Vertrag bis 2016 erhalten hat.

Mit Tannenbaum-Taktik

Der Trainer bittet die Anhänger ausdrücklich um eine wohlwollende Begleitung des Debütantenballs.

„Ich hoffe, dass unsere Fans besonders die Jungen unterstützen“, sagte Skibbe. „Und mal den einen oder anderen Fehler verzeihen, sollte ein Pass nicht ankommen, weil der Fuß vielleicht etwas wacklig ist.“

Die Sehnsucht nach Berliner Jungs ist groß in der Stadt. Dass der Fokus zu dieser Partie sich auf die Talente richtet, kommt Hertha durchaus gelegen. Denn auch gegen Hannover muss Skibbe ein letztes Mal ohne den Rot-gesperrten Spielmacher Raffael auskommen.

Nach zuletzt neun Spielen, in denen Hertha jeweils Gegentore kassiert hat, ist die Taktik darauf ausgerichtet, endlich defensiv stabil zu stehen. Für dieses Ziel ist der Trainer sogar bereit, eine andere Taktik zu probieren. So ist es gut möglich, dass Hertha statt dem üblichen 4-2-3-1-System mit der sogenannten Tannenbaum-Taktik 4-3-2-1 antritt, also mit drei defensiven Mittelfeldspielern.

Auch der Gast aus Hannover beteiligt sich am Premierenfieber im Olympiastadion. 96-Trainer Mirko Slomka setzt nicht nur auf seine bekannten Stars wie Jan Schlaudraff oder Mohammed Abdellaoue. Slomka schwärmt von seinem Neuen, dem Senegalesen Mame Biram Diouf (24), einer Leihgabe von Manchester United: „Er ist gefährlich, dynamisch, schnell, wuchtig und kopfballstark.“ Mögen Herthas Debütanten in der Abwehr diese Stärken erfolgreich bekämpfen.