Hertha BSC

Skibbes verpatzter Einstand soll ein Ende haben

Herthas nächster Gegner Hannover 96 hat es vorgemacht, wie man sich aus einer Krise zurückkämpft. Nun sind die Berliner dran. Denn nach dem verpatzten Rückrundenstart stehen Trainer und Spieler unter Druck: Ein Sieg muss her.

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Seit 25 Jahren ist Michael Skibbe Trainer. Bei aller Erfahrung, die Herausforderung bei Hertha BSC ist neu für ihn: Zwei Niederlagen aus den ersten beiden Spielen unter seiner Leitung. Damit setzt sich der Abschwung unter dem neuen Trainer fort, der bereits unter Vorgänger Markus Babbel begonnen hat. Seit mittlerweile acht Spielen wartet der Aufsteiger auf einen Sieg und ist nach der Winterpause von einem relativ komfortablen Mittelfeldplatz (elf) auf Rang 15 abgerutscht. Dazu hatte unter der Woche ein „Maulwurf“ aus der Mannschaft Teile der Trainer-Kritik aus einer internen Besprechung an Medien weitergereicht.

„Tja, manchmal wäre es besser, wenn die Vorbereitung holprig verläuft und der Start in der Liga dann gelingt“, sagte Skibbe. Hertha hatte mit dem neuen Übungsleiter ein gutes Trainingslager in der Türkei bestritten. „Es ist schade, dass wir nach der guten Vorbereitung nicht gut gestartet sind. Besonders ärgert mich die schlechte erste Hälfte gegen Hamburg.“

Hertha hatte das Heimspiel in der Vorwoche 1:2 verloren . Am Sonnabend empfängt Hertha, erneut im Olympiastadion, Hannover 96 (15.30 Uhr). Mirko Slomka, Trainer der Niedersachsen, hat mit seiner Mannschaft in einer weit dramatischeren Situation vorgemacht, wie es trotz Startschwierigkeiten klappen kann. Slomka hatte im Januar 2010 in Hannover eine nach dem Freitod von Robert Enke völlig verunsicherte Mannschaft übernommen. Nach den tragischen Ereignissen hatte 96 unter Slomkas Vorgänger Andreas Bergmann nur einen Punkt aus zwölf Spielen geholt. Aber auch unter Slomka hielt der Absturz an: Der Neue startete mit sechs Niederlagen in Folge. Rückblickend sagte Slomka: „Es war damals keine einfache Situation – ohnehin ist es immer schwierig für einen Trainer, wenn man mitten in der Saison übernimmt. Bei Hannover war es doppelt schwer, weil ich bei den Spielern nach dem tragischen Tod von Robert Enke, also dem Verlust eines Mitspielers und auch Freundes, die Sinne für den sportlichen Alltag schärfen musste. Das war ein Spagat. Auf der einen Seite stand die Trauer, auf der anderen der Alltag, in dem es galt, alles für den Klassenerhalt zu tun.“

Disput mit Lell ausgeräumt

Nun ist die Lage in Berlin insofern einfacher, als es sich um eine sportliche Krise handelt. Skibbe teilte auf der obligatorischen Pressekonferenz am Donnerstag mit, dass neben dem üblichen Training auch im direkten Gespräch intensiv gearbeitet werde. So setzte er sich gestern mit Ersatzkapitän Christian Lell zusammen. Eben die Kritik des Trainers an Lell war öffentlich geworden („Sei froh, dass du die fünfte Gelbe Karte bekommen hast. Du hättest sowieso nicht mehr gespielt“). Skibbe dementiert nicht, dass er vor der Mannschaft Klartext geredet habe, bestreitet aber, dass das Zitat so gefallen sei. „Das ist inhaltlich verfälscht.“ Mit der Unterredung „haben wir die Dinge ausgeräumt“, sagte der Trainer. „Es ist uns beiden nicht recht, so wie es passiert ist. Auf der anderen Seite sieht Christian das jetzt auch so, dass es nicht nur das Recht eines Trainers ist, sondern seine verdammte Pflicht, Dinge in der Kabine anzusprechen, die er für wichtig hält.“

Skibbe legte ausführlich dar, warum er grundlegende Probleme vor der gesamten Gruppe anspreche. Ja, wenn er stattdessen 14 Einzelgespräche führen würde, um auf Fehler hinzuweisen, sei das für den einen oder anderen Spieler angenehmer, „weil er nicht vor den Kollegen blöd dasteht. Aber das bringt der Mannschaft nichts, vor allem, wenn es um grundlegende taktische Zusammenhänge geht. Ich muss das so formulieren, dass es alle verstehen.“

Vertrauen der Mannschaft zum Trainer

Gleichwohl ist dem Hertha-Coach bewusst, dass es Grenzen gibt. Schließlich spricht er vor den Spielern, die die Dinge für Hertha BSC zum Besseren wenden sollen. Dafür braucht es Geschlossenheit. Deshalb falle seine Analyse nach den Spielen vor TV-Mikrofonen allgemeiner aus, er blamiere in der Regel niemanden mit individuellen Schuldzuweisungen. „Das ist wichtig. Weil eine solche Kritik Vertrauen zwischen dem Trainer und der Mannschaft braucht. Und das kann eigentlich nur in der Kabine sein.“

Ähnlich hatte es Kollege Slomka vor zwei Jahren in Hannover versucht, um die Krise zu durchbrechen. Er hatte die öffentliche Trauer um Enke (in Absprache mit den Vereinsverantwortlichen) für beendet erklärt. Slomka griff seine Spieler zum Teil heftig an, „um ihre Sinne im Überlebenskampf zu schärfen“, wie er später sagte. Slomka hatte mit seiner Gratwanderung Erfolg. Hannover rettete am letzten Spieltag den Klassenerhalt. Und der so gefundene Zusammenhalt war Grundstein für die folgende beste Bundesliga-Saison, die 96 je gespielt hat und die den Verein in die Europa League führte.

Auch Skibbe ist zuversichtlich, dass Hertha trotz des Fehlstarts das Saisonziel Klassenerhalt erreicht. „Wir wollen 40 Punkte erreichen. Das wird schwer. Damit wollen wir am Samstag beginnen. Ich hoffe, dass sich nicht nur die Fans wegen der Witterung warm anziehen. Sondern auch Hannover 96 wegen unseres Spiels.“