Es geht auch leise und unaufgeregt. Levan Kobiashvili war mit dem Ball am Fuß energisch angetreten, sein Gegenspieler konnte sich nur mit einem Foul helfen. Ein Pfiff, Freistoß für Hertha im Test gegen den FC Thun. Und die ganze Mannschaft der Berliner konnte sich 20 Meter nach vorn schieben, wieder ein paar Sekunden Zeitgewinn bei einer beruhigenden 4:2-Führung. „Gut gearbeitet, Männer“, lobte Andreas Ottl die Kollegen und trat den Freistoß.
Das Klischee besagt, dass Führungsspieler laut sein müssen. In engen Situationen auch mal aufgeregt und aggressiv wie es Stefan Effenberg oder Thorsten Frings früher waren. Die Hierarchie bei Hertha BSC funktioniert anders. Ottl (26) ist einer, der sich in nur einer Hinrunde im Klub weit nach oben gespielt hat im Ansehen der Kollegen. Ähnlich wie Kapitän Andre Mijatovic bevorzugt er einen verbindlichen, aufbauenden Tonfall. Im Business-Deutsch heißt so etwas moderne Mitarbeiterführung. Ottl sagt: „Eine gesunde Hierarchie ist wichtig und die haben wir. Wir haben keine Schreihälse, aber wir haben Spieler, die ihren Mann stehen, wenn es drauf ankommt und dann sagen, was gemacht werden muss. Das fällt nicht so groß auf. Aber intern reden wir durchaus auch Tacheles.“
In der Chefetage haben sie in der Rückrunden-Vorbereitung genau hingeschaut, wie der neue Trainer Michael Skibbe mit dem Gefüge umgeht, das er zum Jahresbeginn vom entlassenen Markus Babbel übernommen hat. Die Führung der Mannschaft gehörte zu den Stärken von Babbel. Und es gab leise Befürchtungen, wie sich kompliziertere Charaktere wie Patrick Ebert oder Änis Ben-Hatira in die neuen Verhältnisse einfinden würden. Und wie geht das vom FC Bayern geholte Trio Thomas Kraft, Christian Lell und Ottl mit dem Verlust ihrer wichtigsten Bezugsperson um? Das Vorgehen von Skibbe lässt sich am Beispiel Ottl erklären. Der ehemalige Münchener macht keinen Hehl daraus, dass Babbel „einer der Gründe war, warum ich nach Berlin gekommen bin. Wir haben gut zusammengearbeitet. Jetzt haben wir mit Michael Skibbe einen neuen Trainer, so etwas passiert im Fußball. Ich habe mit ihm gute Gespräche gehabt, ich gehe optimistisch in die Rückrunde.“
Skibbe ist als erstes auf die erfahrenen Spieler zugegangen und hat Einzelgespräche geführt. Es ging dem Coach darum, Vertrauen zu geben. Zu hören, was den Spieler bewegt. Und auch darum, als Vorgesetzter Erwartungen zu formulieren.
Offenbar ist der Neue gut angekommen. Die Belastung unter sehr unterschiedlichen Bedingungen an der Mittelmeerküste war hoch. Doch die Mannschaft hat mitgezogen, die Stimmung war gut in Belek. Ob Ebert oder Ben-Hatira, Ronny oder Torun, Morales oder Neumann – so gut wie jeder Spieler versuchte, sich zu zeigen.
Entsprechend fiel das Fazit vom Trainer am letzten Tag in Belek aus: „Ich bin sehr zufrieden, die Mannschaft hat gut mitgezogen.“ Viele Spieler haben ihm gefallen, Skibbe nannte Ronny („den lobe ich aber nicht noch mehr, damit er mir nicht zu ballverliebt wird“), Alfredo Morales, Christoph Janker und die Jungen insgesamt.
Bangen um den Kapitän
Dennoch ist die Hierarchie auch in der Rückrunde in Bewegung. Der gute Teamgeist war ein Faustpfand in der Aufstiegssaison 2010/11. Kapitän Andre Mijatovic (32) steht weiter ganz oben im Ansehen. Doch der Manndecker hatte zum Ende der Hinrunde sportliche Probleme. Aktuell ist Mijatovic auch noch am Sprunggelenk verletzt, er konnte in der Türkei lediglich am letzten Tag ein reguläres Mannschaftstraining absolvieren. Wie rasch er den Rückstand aufholen kann, ist fraglich – am kommenden Sonnabend startet Hertha in Nürnberg in die Rückrunde.
Die Mannschaft allerdings funktioniert auch ohne Mijatovic. Bei der extremen Auswärtspartie in Hoffenheim (1:1), als die Trainer-Diskussion eskalierte, lag Hertha 0:1 zurück und war durch die Rote Karte für Raffael in Unterzahl. „Es war damals eine unheimlich Unruhe außerhalb“, erinnert sich Ottl, „dann sind zwei, drei Spieler vorangegangen und wir haben uns zusammengerauft und als Team bewiesen.“ Christian Lell gehört mit in die erste Reihe der Schlüsselspieler. Dahinter gibt es eine Gruppe, zu der Levan Kobiashvili (34) gehört. Er ist kein großer Redner, sagt nur: „Die Mannschaft hat einen tollen Charakter.“ Aber mit seiner profihaften Einstellung und Erfahrung ist er Ruhepol in hektischen Situationen.
Während in der Hinrunde die einstigen Platzhirsche vom Schlage eines Oliver Kahn oder Effenberg sich über mangelnde Führungsqualitäten beim FC Bayern amüsiert hatten (gemeint waren Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm), treten die Profis von heute den Heroen der Vergangenheit selbstbewusst entgegen. Peter Niemeyer (27) etwa hat sich in Berlin erstmals in seiner Karriere Einfluss im Team erarbeitet: „Die Alleinunterhalter auf dem Rasen sterben aus. Heute leben erfolgreiche Mannschaften davon, dass sie ein echtes Team sind. Wir haben eine junge, attraktive Mannschaft, in der niemand Lust darauf hat, einem anderen den Hintern pudern zu müssen“, sagt er.
Maikel Aerts (35) ist weiter wichtig, aber natürlich ändert sich die Rolle, wenn der Aufstiegstorwart der Vorsaison nicht mehr auf dem Platz steht. Als Jüngster hat sich Thomas Kraft (23) in den Kreis der Meinungsführer vorgeschoben, die Basis ist also breit. Gleichwohl beschrieb Willy Sagnol, einst Titelsammler mit dem FC Bayern und heute Sportdirektor des französischen Fußball-Verbandes, im „Kicker“ die tatsächliche Herausforderung: „Was sind Führungsspieler? Man sieht sie in schwierigen Phasen.“ Bei gerade vier Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz kann man das, was sich mit neuem Trainer und einer flachen Hierarchie in der Vorbereitung so positiv darstellt, also erst wirklich werten, wenn die Rückrunde gespielt ist.




