Gerade war noch Mai, wonnig schunkelten Spieler von Hertha BSC und dem FC Augsburg Arm in Arm in die Bundesliga. Als Aufsteiger beklatscht von 77.116 Zuschauern im Olympiastadion. Die Erinnerung an das 2:1 der Berliner vor vier Monaten, an den emotionalen Schlusspunkt unter das ungeliebte Zweitligajahr, wollte Hertha-Trainer Markus Babbel am liebsten ganz weit wegschieben vor dem Wiedersehen der beiden Teams an selber Stelle. Diesmal nämlich trafen sich diese „unter Wettkampfbedingungen“, sagte Babbel, und er wusste schon, weshalb er im Vorfeld so vehement gewarnt hatte. In dem zum „Charaktertest“ ausgerufenen Spiel verpassten die Berliner mit einem 2:2 (0:1) den dritten Sieg in Folge und damit auch den Sprung in noch höhere Regionen der Tabelle.
An einem goldenen Septembertag hatten die Akteure 45 Minuten lang auf einen zünftigen Herbststurm verzichtet. War das von Augsburger Seite auch kaum anders zu erwarten, so enttäuschten die Berliner die diesmal 48.385 Zuschauer umso mehr. All das, was sie noch vor einer Woche beim 2:1 in Dortmund ausgezeichnet hatte, ließen sie nun vermissen. Schon die Körpersprache war eine andere, allzu lässig trabten sie über den Rasen. Das führte zu Schlampereien im eigenen Spiel und auch zu Nachlässigkeiten in der Zweikampfführung.
Den Augsburgern sollte es recht sein. Mangels Struktur im Berliner Spiel blieben infolge Anspielstationen und folglich auch Torchancen nahezu vollständig aus; einzig Raffael kam in Minute 39 mal aussichtsreich zum Abschluss. Doch drosch Herthas Spielmacher, von Pierre-Michel Lasogga bedient, den Ball aus zehn Metern hoch über das Tor – der allzu laxe Abschluss stand sinnbildlich für das Spiel der Gastgeber vor dem Seitenwechsel.
Lell trifft zum ersten Mal
Die Gäste waren kaum besser, doch immerhin hatten sie mit ihrer einzigen Möglichkeit zum 0:1 getroffen. Nach einer Ecke stand Hajime Hosogai im Fünfmeterraum frei, reichlich ungelenk dirigierte er den Ball per Aufsetzer ins Netz (20. Minute).
Nach dem zigsten Fehlpass ließ sich das gewöhnlich äußerst geduldige Publikum in der Ostkurve sogar zu Pfiffen hinreißen, und gleichfalls lautstark dürfte Trainer Babbel in der Halbzeitpause die Seinen an ihre Absprachen vor Spielbeginn erinnert haben. Denn wie umgekrempelt kehrten sie anschließend aufs Feld zurück. Vom Anstoß der Augsburger weg bedrängten sie ihre Gegenspieler derart vehement, dass der Ball alsbald bei Patrick Ebert landete, der erspähte und bediente den aufgerückten Rechtsverteidiger Christian Lell. Dessen Abschluss klatschte noch an den linken Innenpfosten, flog von da aber ins Netz – 1:1, gespielt waren da gerade mal wieder 20 Sekunden.
Für Lell war es das erste Pflichtspieltor im Hertha-Trikot und sein zweites im 97. Bundesliga-Spiel seiner Karriere. Zum bislang einzigen Mal hatte er im April 2008 gegen Bochum getroffen, damals noch im Auftrag des FC Bayern.
Mit seinem Ausgleich waren sie im Spiel angekommen, die Berliner. Andreas Ottl schoss aus 18 Metern (53.), Simon Jentzsch parierte. Drei Minuten später war Augsburgs 35 Jahre alter Torwart, der in seiner Karriere gegen Hertha schon zwölf Mal und damit so oft wie gegen keinen anderen Bundesligisten verloren hat, aber erneut machtlos. Lasoggas Balleroberung gegen Gibril Sankoh nutzte Tunay Torun mit einem humorlosen Flachschuss zum 2:1 für Hertha, die Partie war gedreht (57.). Augsburgs Trainer Jos Luhukay tobte an der Seitenlinie. Als „Lohn“ für seine Stümperei nahm er Sankoh sofort vom Platz, womit der Verteidiger aus Sierra Leone das Olympiastadion ab sofort wohl als Ort des Grauens im Gedächtnis haben wird. Am Tag des Zweitliga-Finales war er wegen einer Notbremse des Feldes verwiesen worden.
Raffael patzt in der Defensive
Aber auch Hertha leistete sich in Person von Raffael noch eine allzu läppische Zweikampfführung nahe des eigenen Strafraums. Der Brasilianer eskortierte Bellinghausen nur halbherzig, nach dessen Hereingabe entschied Defensivspieler Jan-Ingwer Callsen-Bracker das Duell gegen Roman Hubnik für sich – 2:2 (64.).
Eine weitere Wendung hätte nur noch Ronny dem Geschehen geben können, Raffaels viel gescholtener Bruder. Für harte Arbeit an seiner Fitness war Herthas Pralinchen von Babbel erstmals mit einem Platz im Kader belohnt worden, nach 79 Minuten kam er anstelle von Ebert zum Bundesliga-Debüt. Sieben Minuten später lag der Ball aussichtsreich für den Linksfuß bereit. Sebastian Langkamp hatte Brüderchen Raffael umgerempelt, Platzverweis und Freistoß. Doch Ronny bolzte den Ball unplatziert in die Mauer, manifestiert war so die unerfreuliche Punkteteilung unter Aufsteigern.


