Wirklich Zeit um sich von seinen Hamburger Kollegen zu verabschieden hatte Änis Ben-Hatira nicht. Seit etwas mehr als einer Woche musste er wegen einer langwierigen Sommergrippe schon beim Training des HSV aussetzen. Und auch als der 23-Jährige am Mittwochabend einen Vertrag bei Hertha BSC unterschrieb und damit beim Hauptstadtklub zum fünften Zugang der Saison avancierte, war er noch immer verschnupft. Nachdem Ben-Hatira in Hamburg letzte private Sachen regelte, wird er fortan von den neuen Kollegen in Berlin erwartet. Am Abend könnte er im Test beim TSV Sudheim (18 Uhr) das Hertha-Trikot tragen. Nicht erstmals, aber zum ersten Mal seit langer Zeit.
Änis Ben-Hatira ist zurück bei Hertha BSC, seinem selbsternannten Wunschklub, und weil auch Trainer Markus Babbel schon länger ein Auge auf den Offensivallrounder geworfen hatte, stellt sich die Frage: Warum war der gebürtige Weddinger, der das Fußballspielen zwar bei den Reinickendorfer Füchsen erlernte, dann aber bald acht Jahre lang die Jugendabteilungen von Hertha BSC durchlief, eigentlich weg? Letztlich lautet die Antwort darauf wohl: Weil er sich erst verändern und lernen musste, worauf es im harten Fußballgeschäft wirklich ankommt.
Vielversprechendes Jugendtalent
Als Riesentalent galt Ben-Hatira in der Jugend. Er gehörte dem Jahrgang mit den Halbbrüdern Jerome und Kevin-Prince Boateng und Patrick Ebert an, die 2003 Deutscher Meister der B-Jugendlichen wurden. „Er hat mit 13 Jahren schon bei den Älteren mitgespielt. Technisch war er einfach überragend, er konnte am Ball alles und hatte in jedem Dribbling eine Idee. Änis konnte jederzeit seinen Gegner ausspielen“, erinnert sich sein damaliger Trainer Wolfgang Damm: „Er war fußballerisch und technisch der Beste. Kevin ist ein Leader, mehr als Änis. Kevin lebt von seiner Art, Änis von seinem Talent.“
Dieses Talent allerdings wurde für den aufstrebenden Spieler schnell zum Nachteil. Das Wissen, es jederzeit mit jedem Gegenspieler aufnehmen zu können, ließ ihn satt werden, beklagt Damm rückblickend: „Er wusste, dass er ein guter Kicker ist, und dachte, dass das ausreicht.“ Motto: Den Ball aus dem Mittelkreis verteilen, die Kollegen werden es vorne schon richten.
Auch Patrick Ebert, der als einziger der damaligen Clique noch im Klub ist, erzählt: „Änis war damals wohl nicht so ehrgeizig wie jetzt, vielleicht hat er damals nicht alles gegeben.“ Die Folge: Nach der B-Jugend wurde das Talent aussortiert und lief bis 2005 für TeBe auf, ehe der Hamburger SV auf Ben-Hatira aufmerksam wurde. Es folgte die bislang erfolgreichste Zeit des Angreifers: Nach einem Jahr bei den Amateuren erhielt er einen Profivertrag, avancierte zum U19-Nationalspieler, zwei Jahre später war er Teil der U21-Europameister-Mannschaft, der auch sein alter und neuer Teamgefährte Ebert angehörte. Der erinnert sich: „Wir hatten eine schöne, aber auch schwierige Zeit bei der U21, weil wir nur Einwechselspieler waren. Wir habe aber nicht rumgemeckert, sondern an einem Strang gezogen.“
Nicht immer ein Musterprofi
Und doch: Ben-Hatiras Karriere bekommt nach der Aussortierung bei Hertha einen zweiten Knick. Beim HSV genügte er den Ansprüchen nicht mehr, zweimal wurde er an den MSV Duisburg verliehen. Danach kam er vorerst nur in der zweiten Mannschaft zum Einsatz – und kämpfte sich wieder nach oben, kam vergangene Saison auf 18 Bundesligapartien; in der Rückrunde war er Stammspieler. „Ich habe seine Entwicklung verfolgt, wie er sich beim HSV durchgesetzt hat, war à la Bonheur“, sagt Hertha-Trainer Markus Babbel, und fügt an: „Er hat eine gute Entwicklung genommen, die ich ihm so nicht zugetraut hätte.“ Auch er spielt darauf an, dass Ben-Hatira eben nicht immer ein Musterprofi war. Das allerdings, so sagen alle Beobachter, ist längst vorbei. Mittlerweile hat er sich eine Top-Einstellung zugelegt und legt jeden Tag Extraschichten im Kraftraum ein. Inzwischen, so scheint es, gesellt sich zum fußballerischen Talent auch eine gute Fitness. „Bei Konditionsläufen lief er beim HSV immer in der ersten Gruppe“, erinnert sich Tunay Torun, auch er wie Ebert ein alter und neuer Kollege, nur eben aus Hamburger Tagen.
Vielleicht liegt der Wertewandel auch daran, dass ihm vor Augen gehalten wurde, wo der Rest seiner damaligen Clique inzwischen spielt. Und welchen Weg er nahm. Jerome Boateng kickt inzwischen beim deutschen Rekordmeister FC Bayern, sein Halbbruder Kevin beim AC Mailand. Beide sind Nationalspieler. Ebert etablierte sich zur festen Größe bei Hertha, Ashkan Dejagah wurde mit dem VfL Wolfsburg Deutscher Meister.
Ben-Hatira selbst war in Hamburg zuletzt wieder nur Ersatz. Beobachter des HSV wissen um die vertrackte Situation, dass der Klub und sein Spieler über eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft stritten. Zuletzt hielt Ben-Hatira mit seinem Ärger darüber nicht mehr hinter dem Berg. Umso mehr freute sich über den Last-Minute-Transfer jetzt umso mehr. „Tief in mir drin war die Hoffnung noch da. Es waren anstrengende Stunden“, gesteht er.
Nun muss sich der Deutsch-Tunesier dem harten Konkurrenzkampf in Herthas offensivem Mittelfeld stellen. Hier herrscht ein Überangebot, auch wenn Babbel sagt: „Zu viele Spieler kannst du gar nicht haben“, und zudem darauf verweist, dass Ben-Hatira auch als Stoßstürmer agieren könne. Doch alleine schon durch Ben-Hatiras Kumpels Torun und Ebert ergibt sich eine Konkurrenzsituation. Hinzu kommen noch Raffael und Adrian Ramos. Sie werden die Posten hinter den Spitzen unter sich ausmachen, denn in Babbels aktuellem System können nur drei von ihnen auflaufen. Ebert zumindest glaubt nicht, dass er in Konkurrenz zu seinem Freund steht: „Wir können beide spielen, wenn wir hart trainieren.“ Änis Ben-Hatira hat das gelernt.



