Saisonauftakt

Aufwachen Hertha, das ist die Bundesliga!

Eine mehr als harmlose Hertha muss sich zum Saisonstart gegen Nürnberg geschlagen geben. Trainer Babbel ist von der Leistung seines Teams schwer enttäuscht.

Manager Michael Preetz klatschte Kapitän Andre Mijatovic ab, tröstete Maik Franz und gab Raffael einen aufmunternden Klaps auf den Rücken. Hertha BSC braucht Rückenstärkung. Der Aufsteiger kassierte im ersten Saisonspiel der Fußball-Bundesliga eine ebenso bittere wie verdiente Niederlage, 0:1 hieß es am Ende gegen den 1. FC Nürnberg. „Im Vorfeld war viel von Euphorie und Lust die Rede“, sagte der Manager, „ich habe nur Last gesehen.“ Das Tor des Abends erzielte Tomas Pekhart (80.).

Ein Jahr und drei Monate ohne Erstliga-Fußball zeigten am Sonnabend Wirkung. Der Liga-Neuling begann nervös. Gäste-Trainer Dieter Hecking hatte seinem Team auf den Weg gegeben, dass die Berliner es nicht mögen, vom Moment der Balleroberung an konsequent unter Druck gesetzt zu werden. Dieses Stilmittel setzte die Nürnberger Offensive über weite Strecken der Partie ein. Ob Herthas Innenverteidiger Maik Franz oder Mijatovic, Andreas Ottl oder Tunay Torun – es gab keine Sekunde Ruhe, um den Ball anzunehmen. Die Folge waren viele ungenaue Zuspiele der Herthaner, so dass das Spielgerät gleich wieder verloren war. Und viele Foulspiele der Gäste, die so jeglichen Spielfluss bei Hertha unterbanden.

Die Hausherren kamen während des gesamten Spiel kaum in die Nähe des Nürnberger Tores. Was Trainer Markus Babbel zu der lapidaren Analyse veranlasste: „Wer nicht aufs Tor schießt, kann nicht gewinnen.“ Der Raum zwischen der Defensive und dem Sturm war vor der Pause viel zu groß. Vor allem Torun war die Nervosität anzumerken. Undankbar war es für die Stürmer Pierre-Michel Lasogga und Adrian Ramos, die entweder gar nicht angespielt wurden oder auf Brusthöhe, so dass sie die Pässe nicht verwerten konnten. Für Aufmerksamkeit in der Gäste-Hälfte sorgte lediglich ein angetrunkener Fan, der übers Spielfeld rannte, aber rasch von den Ordnern eingefangen wurde (27.). Er hatte 1,4 Promille Alkohol im Blut und erhielt noch am gleichen Abend ein bundesweites Stadionverbot bis Juni 2015.

Zugutezuhalten ist Hertha, eine Stärke der Zweiten Liga mit in die neue Saison genommen zu haben. Die Defensive stand stabil. Auf der Doppelsechs lieferte Peter Niemeyer ein starkes Spiel ab, im Abwehrzentrum standen Franz und Mijatovic sicher, bis auf eine, allerdings spielentscheidende Ausnahme. Dahinter war Thomas Kraft ein sicherer Rückhalt bei seiner Liga-Premiere im Hertha-Tor.

Für die 61.118 Zuschauer jedoch ergab sich aus dieser Konstellation eine niveauarme Partie. Dauernde Unterbrechungen und kaum Torchancen. Im zweiten Durchgang änderte Babbel Personal und Taktik. Für Torun kam Raffael, somit wurde das 4-4-2-System in ein 4-2-3-1 getauscht. Ramos wechselte von der Sturmposition ins linke offensive Mittelfeld.

Die Intensität nahm zu, das bekam sogleich Raffael zu spüren. Der Brasilianer donnerte mit dem Kopf auf die Schulter von Nürnbergs Timm Klose und trug eine blutende Platzwunde am Kopf davon, konnte aber nach kurzer Behandlungspause mit einem großen blau-weißen Turban weiterspielen.

Durch die Umstellung kam Hertha besser ins Spiel, verlegte das Geschehen mehr in die Hälfte der Gäste. Die heimischen Fans bedachten Club-Torwart Raphael Schäfer bei jedem Ballkontakt mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert. Allein, der Torwart hatte kaum einmal den Ball. Hertha erarbeitete sich schlicht und einfach keine Möglichkeiten.

So war es eine Einzelaktion, die die Partie letztendlich entschied. Maik Franz ließ sich im eigenen Strafraum erstaunlich mühelos vom Sekunden zuvor eingewechselten Jens Hegeler überlaufen, der von der Grundlinie zurückpasste, Andre Mijatovic hatte das Nachsehen gegen Tomas Pekhart, der Nürnberger Stürmer schoss den Ball aus fünf Metern ein, 0:1 (80.) – das ging zu einfach. „Beim Tor komme ich einen Schritt zu spät. So ein Gegentor darf uns nicht passieren“, sagte Franz. „Das ist ein blödes Gefühl. Es war so eine tolle Stimmung, aber wir konnten das nicht erwidern.“

In der Schlussphase warf Hertha alles nach vorn. Doch ohne Ideen kein Druck, ohne Druck keine Möglichkeiten. Nürnberg reichte eine wahrlich durchschnittliche Leistung für drei Punkte.

Herthas Trainer war hinterher enttäuscht: „ „Wir hatten zu viel Respekt vor dem Gegner. Ich hatte mehr Mut erwartet“, sagte Babbel. Dennoch war er weit entfernt davon, grundsätzlich zu werden. „Ich werde jetzt den Teufel tun und alles verdammen. Ich habe schon im Vorfeld gespürt, dass sich die Mannschaft sehr stark unter Druck gesetzt hat. Sie wollte es zu gut machen.“

Damit steht der Aufsteiger vor einem schweren Saisonstart. Es folgen zwei Auswärtsspiele, beim Hamburger SV (13. August) sowie eine Woche später bei Hannover 96. Verteidiger Christian Lell warnt vor Hektik: „Wir stehen nicht nur in Hamburg unter Druck. Als Aufsteiger werden wir die gesamte Saison über unter Druck stehen.“ Manager Preetz wurde noch deutlicher: „So dicht wie die Bundesliga beisammen ist, spielt man entweder ums internationale Geschäft oder gegen den Abstieg. Wir werden gegen den Abstieg spielen.“

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