Das Verfahren war bewährt, der Ablauf immer gleich. Heinz Striek (92) und seine Ehefrau Ilse konnten sich auch bei Wind und Wetter noch darauf verlassen: Hat Hertha BSC ein Heimspiel, wird Wolfgang Holst sie mit seinem Wagen abholen und ins Olympiastadion chauffieren. Heute aber, wenn die Blau-Weißen den FC Erzgebirge Aue zum Spitzenspiel in der Zweiten Liga erwarten, weiß das Ehepaar Striek noch nicht genau, wie es ins Stadion kommen soll. Wolfgang Holst wird sie nicht mehr abholen. Am Freitag ist er im Alter von 88 Jahren plötzlich und unerwartet verstorben.

Von dem Todesfall erfuhr Striek, der Vorsitzende des Ältestenrates von Hertha BSC, vom aktuellen Präsidenten des Klubs, Werner Gegenbauer. „Er rief mich zur Mittagszeit an, und ich glaubte, ich würde zusammenbrechen“, erzählte Striek Morgenpost Online. Nichts konnte Striek danach mehr tun, er saß einfach in seiner Wohnung in Zehlendorf, und hing Erinnerungen nach. Erinnerungen an über ein halbes Jahrhundert gemeinsamer Erlebnisse.

Letzter Ausflug nach Mecklenburg

Erst sechs Wochen ist es her, dass Holst seine Freunde Heinz und Ilse an einem Sonntag ins Auto packte und mit ihnen bis nach Mecklenburg fuhr, wo er 1922 in Rostock zur Welt gekommen war. „Er wollte uns die Schönheiten seiner Heimat zeigen, an der er so sehr hing“, sagt Striek. Für das kommende Frühjahr hatten die drei noch einmal eine solche Tour geplant. Sie wird nicht mehr stattfinden. „Viele Episoden“, sagt Striek, sind ihm seit Freitagmittag durch den Kopf gegangen, und er ahnt, dass noch viel Zeit vergehen wird, ehe er über den Verlust eines treuen Weggefährten hinweg sein wird. „Wolfgang und ich waren seit Ende der 1960er-Jahre Freunde, aber daraus erwuchs mehr als Freundschaft. In den letzten Jahrzehnten waren wir wie Brüder.“ Täglich telefonierten sie, meist war es Holst, der anrief. Fast immer war der Fußball das Thema ihrer Unterhaltung, und natürlich stand ihr Verein Hertha BSC immer im Mittelpunkt. Sie redeten über diesen oder jenen Spieler, den gerade aktuellen Trainer, die Arbeit der Gremien, das leidige Thema Finanzen. Aber kein einziges Mal sprachen sie über den Tod. „Wolfgang hat das Thema nie angeschnitten, und ich auch nicht“, sagt Striek: „Jetzt, im Rückblick, bin ich froh, dass wir es nie getan haben.“

Ihm war freilich bekannt, dass Holst Probleme mit dem Herzen hatte. Eine Herzklappe hatte amputiert werden müssen, und mit Blick auf sein hohes Alter verweigerte Holst die Anbringung einer künstlichen Herzklappe. Umso mehr bewunderte Striek seinen Freund für seine Energie und sein bis in die letzten Tage hinein gelebtes Engagement. Etwas anderes blieb ihm auch nicht übrig. Mehrmals gemahnte er Holst zu mehr Rücksicht auf seine Gesundheit – vergebens. Was immer der umtriebige Holst tat, er tat es zu 100 Prozent. Morgens um sieben Uhr stand er auf, spätestens um zehn Uhr fuhr er los, hinaus ins Umland, wo er bis zuletzt Gastwirte besuchte, sechs bis sieben an einem Tag. Mit ihnen sprach Holst über die zweite große Leidenschaft seines Lebens: Glücksspielautomaten. „Er lebte in diesem Milieu“, sagt Striek. So ganz verstanden hat er seinen Freund dabei nie. Auch, ob die Fahrten noch irgendeinem finanziellen Zweck dienten oder ob er es aus reinem Vergnügen und gelebter Erinnerung an sein früheres Geschäftsleben tat, weiß der Hinterbliebene nicht. „Über Geld“, sagt Striek, „haben wir nie geredet, jedenfalls nicht über unser privates.“

Dafür umso mehr über das von Hertha BSC, beziehungsweise den ewigen Mangel daran. Auf diese Weise hatten der Multifunktionär Holst und der Berliner Finanzsenator Striek sich auch kennen gelernt. „Er war ein permanenter Bittsteller“, sagt Striek sanft und schwärmt über eines der großen Talente seines einstigen Gegenüber und späteren Partners: „Er besaß die Gabe, die ich nicht habe: Die Gabe, auf Menschen zuzugehen und sie mit Worten zu umarmen.“ Holst vereinnahmte die Menschen für seine Belange, seine markante Stimme und das stark rollende „R“ waren dabei gewiss kein Nachteil. „Keiner konnte ihm widerstehen, jedenfalls nicht sehr lange“, erzählt Striek und lächelt. „Wenn er etwas wollte, hat er einfach so lange geredet, bis der andere gesagt hat: Aufhören! Wo muss ich unterschreiben?“ Auch der SPD-Politiker Striek gab, „was ich an finanzieller Hilfe verantworten konnte“

Als 1971 der Bundesliga-Skandal Hertha fast um die Existenz brachte, musste der Verein sein Stadion am Gesundbrunnen („die Plumpe“) verkaufen. Striek fädelte den Deal mit einem Münchner Wohnungsbauunternehmen ein, 1974 wurde die Spielstätte abgerissen, um 440 neuen Wohnungen Platz zu machen. Hertha kassierte 6,2 Millionen Mark und war so fast vollständig entschuldet. Striek überlegte lange, ob er es mit seinem Gewissen, auch seinem politischen, vereinbaren konnte und durfte, zu helfen: „Ich stand vor der Entscheidung, Nein zu sagen.“ Aber Holst, der an dem Skandal nur mittelbar beteiligt war, redete auch in diesem Fall so lange, bis wieder einmal zu Herthas Wohl verfahren wurde. „Er war sehr aktiv in der Wiedergutmachung des Schadens“ sagt Striek. Unmittelbar war Holsts Anteil am Zwangsabstieg 1965, als er als Klub-Vize 30000 statt der damals nur erlaubten 10000 Mark Handgeld gezahlt hatte – zum Wohle einer personell stark besetzten Mannschaft. Selbst Striek gelang es damals wie auch noch sehr viel später kaum, Holst das gefährliche Ausmaß seiner Taten nahe zu legen. „Er glaubte, er würde Hertha damit helfen, und hat nicht begreifen wollen, dass er Hertha mit solchen krummen Geschichten geschadet hat.“

„Beste Phase“ zum Schluss

Auch Striek kann nur annehmen, dass das insgeheime Wissen um Verfehlungen in der Vergangenheit Holst dazu angetrieben hat, sein Leben fast vollständig in den Dienst von Hertha BSC zu stellen – und auch im hohen Alter nicht nachzulassen. Hertha, sagt Striek, habe in Summe „einen ungewöhnlich großen Nutzen aus diesem Menschen“ gezogen; erst recht zuletzt. In den letzten fünf, sechs Jahren, glaubt Striek, „hatte Wolfgang seine als Vermittler an vielen Fronten beste, seine stärkste Phase. Er war abgeklärter und gereifter. Deswegen wiegt sein Verlust auch für Hertha doppelt schwer.“ Als der Klub in der vergangenen Abstiegssaison dem Abgrund entgegentaumelte, regte sich an der Basis Widerstand, der zwar nicht mehr an Substanz hervorbrachte als populistische Parolen. Dennoch fürchtete Holst die Führungslosigkeit nach einer unbedachten Abwahl des Präsidiums um Gegenbauer; also zog er wieder los und redete und redete und redete. Stundenlang, tagelang. Jetzt schweigt diese Stimme. Seinem Freund Striek fehlt sie besonders.

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