Morgenpost Online: Herr Müller, als Sie Hertha im Jahr 2000 verlassen haben, spielte der Klub in der Champions League, heute ist er abgeschlagen Letzter. Was ist da schiefgelaufen?
Walter Müller: Extremer geht es scheinbar kaum, aber beide Male handelt es sich um Hertha BSC. Das zeigt die emotionalen Höhen und Tiefen, die unser Verein durchläuft. Damals war es mutig, das Ziel Champions League zu formulieren. Heute ist es mutig, den Klassenerhalt als real zu bezeichnen. In beiden Fällen geht es im Prinzip um das gleiche: man muss Ziele formulieren, auch wenn einem das nur wenige zutrauen. Wichtig ist, dass die Spieler der Trainer, der Manager, die Vereinsführung und die Fans gemeinsam daran glauben und alles dafür tun, um es zu erreichen.
Morgenpost Online: Was kann man daraus lernen?
Müller: Es braucht ein Ziel. Heute scheint es so, als sei Hertha bereits abgestiegen. Und selbst wohlmeinende Freunde, wie mir unlängst passiert, drücken einem ihr ehrlich empfundenes Mitgefühl aus. Dies sollte uns nicht ruhen lassen, jetzt erst recht. Wir haben die Kraft, wir müssen den Glauben haben, die Fähigkeit, den unbedingten Siegeswillen ein Ziel zu erreichen: den Klassenerhalt.
Morgenpost Online: Sie haben damals versucht, mehr wirtschaftliches Denken bei Hertha zu verankern. Lässt sich ein Fußballverein nach strikt wirtschaftlichen Kriterien führen?
Müller: Ohne solide wirtschaftliche Grundlage kann man in keinem Profisport auf Dauer erfolgreich sein. In der Liga stehen Vereine vorn, die wirtschaftlich ordentlich geführt sind wie der FC Bayern, Werder Bremen und der Hamburger SV. Das ist kein Zufall, das ist das Resultat harter Arbeit. Bei Hertha darf es kein Gegensatz sein, finanziell solide zu arbeiten und den sportlichen Erfolg zu suchen.
Morgenpost Online: Im Sommer hat Hertha die Ära Dieter Hoeneß beendet. Was sind die Chancen eines solchen Wechsels, was die Gefahren?
Müller: Wenn ein Manager die Geschicke des Vereins über so viele Jahre wesentlich mit bestimmt hat, hat er auch Menschen und deren Denkweise beeinflusst. Vielleicht hat man deshalb zu spät erkannt, in welch schwierige Situation der Verein geraten ist. Hertha musste zweifelsohne den ursprünglich geplanten Kurs ändern. Es ist nicht mein Thema, die Ära Dieter Hoeneß zu bewerten. Fest steht, dass Hertha BSC nach reiflicher Überlegung konsequent gehandelt hat, weil man den alten Kurs nicht mehr mittragen konnte, ohne Gefahr zu laufen, den Verein irreparabel zu beschädigen.
Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Arbeit von Manager Michael Preetz?
Müller: Das kann man noch nicht endgültig einschätzen. Es bringt nichts, Michael Preetz mit Dieter Hoeneß zu vergleichen, denn er steht für einen eigenständigen Kurs. Er hat bei Hertha als Spieler und als Mensch überzeugt. Er hatte Gelegenheit das Handwerk eines Managers von der Pieke auf zu lernen – jetzt hat er unser Vertrauen verdient. Das Erbe, das er angetreten hat, ist zweifelsohne ein schweres.
Morgenpost Online: Kritiker haben Abwahlanträge gegen den Präsidenten eingereicht. Begründung: Gegenbauer und Preetz haben Hertha als Vierter übernommen, jetzt ist der Klub Letzter. Die können es nicht.
Müller: Natürlich muss man sich mit der Kritik enttäuschter Vereinsmitglieder auseinandersetzen und sie ernst nehmen. Aber es wäre zu kurz gedacht, nur den Tabellenstand der letzten Saison und von heute zu betrachten. Mit Lucien Favre war Hertha auf Empfehlung des Managers in eine neue Zukunft aufgebrochen. Die Vision ein Team aufzubauen, mit dem Hertha auf europäischem Niveau spielen kann, war löblich, hat sich aber nicht erfüllt. Deshalb muss man sich der Kritik der Mitglieder stellen und klar machen, dass es gar nicht anders ging, als die Reissleine zu ziehen, um den Verein vor schlimmerem Schaden zu bewahren.
Morgenpost Online: Was sagen die Abwahlanträge über den Zustand von Hertha?
Müller: Was mir an der Diskussion bislang nicht gefällt, ist, dass es offenkundig Leute gibt, die die derzeitige sportliche Misere nutzen wollen, um eine Palastrevolution anzuzetteln. Vor allem wird das Konzept von Präsident Werner Gegenbauer in Frage gestellt, der die finanzielle Konsolidierung als Basis für die sportliche Zukunft sieht. Wir sollten allen, die diese schwierige Phase nutzen wollen, um sich selbst zu profilieren, eine klare Absage erteilen. Es geht um Hertha BSC und nicht um das Ego einzelner.
Morgenpost Online: Die Mitglieder wollen nicht zuschauen, wie ihr Klub abstürzt.
Müller: Das kann ich verstehen. Auch die Sorge einzelner kann man nachempfinden. Das Aufarbeiten der Fragen von Vorgestern, die vorgestern hätten gestellt werden sollen, bringt Hertha heute in der aktuellen Situation keinen Schritt weiter. Es geht vielmehr um die Frage: Hat Hertha jetzt den richtigen Kurs eingeschlagen?
Morgenpost Online: Was ist daran richtig, Letzter zu sein?
Müller: Letzter in der Bundesliga zu sein, ist grundsätzlich falsch. Dies führt ins sportliche Abseits. Deshalb darf man diese Situation auch nicht als unausweichlich und Gott gegeben akzeptieren. Aus der Erfahrung der nahen Vergangenheit lernen, in schwierigen Zeiten Kurs halten, den Verein nicht finanziell unkalkulierbaren Risiken aussetzen und Vertrauen in die Verantwortlichen bei Hertha BSC haben. Ich sage, Werner Gegenbauer, Michael Preetz, Friedhelm Funkel und der Mannschaft: Ihr arbeitet hart an der Lösung der Probleme, geht euren Weg konsequent weiter. Glaubt an eure Chance, dann werdet ihr Erfolg haben.
Morgenpost Online: Die Mitglieder leiden mit ihrem Verein.
Müller: Na klar leiden die. Die Mitglieder, wir alle sind enttäuscht, das geht doch jedem unter die Haut. Auch mir tut das weh, aber all die Besserwisser, die auf der Mitgliederversammlung, die jetzige Führung stürzen wollen, muss man fragen: Was wäre denn ihre Alternative? Keiner hat doch auch nur annähernd die Fähigkeit, einen Verein wie Hertha BSC zu führen.
Morgenpost Online: Wo sehen Sie die Ursachen für den Niedergang?
Müller: Vielleicht hat Hertha zu lange gewartet, bis personelle Konsequenzen gezogen wurden. Aber das kann man leicht sagen, wenn man aus der Kirche kommt…
Morgenpost Online: ...bei Trainer Favre oder bei Dieter Honeß?
Müller: Lassen Sie uns bitte nicht nachkarten. Es geht nicht darum, im Nachhinein aufzurechnen. Das lenkt von dem eigentlichen Ziel nur ab. Es geht vielmehr um die neue Richtung, die Hertha jetzt eingeschlagen hat und die nach meiner festen Überzeugung gut ist. Dies sollen die Verantwortlichen in der Mitgliederversammlung erläutern. Einen selbstkritischen Umgang mit der Vergangenheit setze ich voraus. Aber erlauben Sie mir den Appell: Revolution ist jetzt bestimmt nicht angesagt. Gemeinschaftsgefühl, Zusammenhalt in schwierigen Zeiten muss die Herthaner einen.
Morgenpost Online: Was ist dran an dem Vorwurf, der Präsident spare mit seiner Politik Hertha kaputt.
Müller: Werner Gegenbauer ist ein Unternehmer durch und durch. Er führt ein großes internationales Unternehmen und weiß mit Chancen und Risiken umzugehen. Er steht voll zu seinem Verein, aber er ist kein Phantast. Ich rechne es dem Präsidenten hoch an, dass er eben nicht auf die vage Hoffnung setzt, dass irgendein Heilsbringer Hertha vielleicht rettet und dafür die mittelfristige finanzielle Perspektive von Hertha opfert. Er weiß, was er der Zukunft des Vereins schuldig ist.
Morgenpost Online: Bisher ist es immer irgendwie weiter gegangen
Müller: Hertha ist heute zum Sparen gezwungen, weil in den zurückliegenden Jahren nicht so gewirtschaftet worden ist, wie man das hätte tun sollen. In den guten Jahren wurde eben kein Geld auf die Seite gelegt. Dieses Problem erreicht uns jetzt zur Unzeit. Wer jetzt sagt, Hertha müsse sich noch stärker verschulden, kennt die Gegebenheiten der Liga nicht. Um eine Lizenz bei der DFL zu bekommen, müssen sie nicht sagen, was sie wollen. Sie müssen belegen, was sie können, und die Rahmenbedingungen der DFL zwingend einhalten.
Morgenpost Online: Mit welchen Pfunden kann ein Tabellenletzter wuchern?
Müller: Zuerst mit seinen Fans. Treuer wie in der Kurve geht es kaum. Außerdem ist Hertha im Geschäftsumfeld gut aufgestellt. Das Trainingszentrum, wo die Topspieler von morgen heranreifen, verliert doch nicht seinen Wert, weil Hertha vier Monate ohne Erfolg ist. Für die Zukunft von Hertha ist das Internat genauso wichtig wie das Olympiastadion.
Morgenpost Online: Sie haben den Umbau des Olympiastadions durchgesetzt. Bedauern Sie das beim Blick auf die Konkurrenz, die in modernen Event-Arenen spielt?
Müller: Das bedauere ich keine Sekunde. Wo gibt es das denn: Dass das Land Berlin und der Bund einem Verein derart helfen? Hertha hat ein Fünf-Sterne-plus-Stadion zu einem wirklich akzeptablen Preis bekommen. Wir hätten uns doch gar nichts anderes leisten können. Die Geschäftsidee damals war: Dort so viel Geld zu verdienen, dass Hertha sich ein eigenes Stadion leisten kann. Allerdings muss man dafür begeisternden Fußball spielen. Und: Sie müssen einen Teil des Geldes dann auch für künftige Investitionen zur Seite packen. Wenn Sie das für Abenteuer verpulvern, bleibt die Idee vom eigenen Stadion ein Traum.
Morgenpost Online: Wie sehen Sponsoren die Krise?
Müller: Die schauen sich das genau an. Hertha steht auf dem Prüfstand. Wie geht der Verein mit einer schwierigen Situation um? Sponsoren werden sich zurückziehen, wenn Hertha auf der Mitgliederversammlung den Schulterschluß nicht packt. So etwas akzeptieren Sponsoren heute nicht mehr.
Morgenpost Online: Berlin wird weltweit als Metropole mit Potenzial wahrgenommen. Wie kann Hertha davon profitieren?
Müller: Wir haben das in den zurückliegenden zehn Jahren nicht ausreichend genutzt. Berlin hat eine große Zukunft vor sich. Viele Menschen von außerhalb kommen in unsere Stadt und sehen Berlin als ihre Wahlheimat. Diese Menschen gilt es für Hertha zu gewinnen. Dazu muss man Klinken putzen und kontakten, kontakten, kontakten. Wenn dann noch begeisternder Sport dazu kommt, haben sie große Chancen die Fangemeinde zu erweitern. Ausruhen auf dem Erfolg von gestern geht gerade in Berlin bei der vielen Konkurrenz auf allen möglichen Gebieten gar nicht. Und Hertha muss sein wie Berlin: Aufregend, international, aufgeschlossen, tolerant und nicht zu vergessen seriös.
Morgenpost Online: Warum hat Hertha so einen Investor wie Schalke mit der Gazprom bisher nicht gefunden?
Müller: Vielleicht weil wir diesem Thema bisher zu wenig Bedeutung beigemessen haben. Das ist auch nicht unbedingt das wichtigste Thema auf der Mitgliederversammlung. Tatsache ist, dass kann nur von der Spitze aus bewegt werden. Sie benötigen dafür nationale und internationale Kontakte, ein hohes persönliches Renommee und ein Umfeld das voll mitzieht. Auch deshalb ist Werner Gegenbauer für Hertha BSC so wichtig.
Morgenpost Online: Was heißt es, falls das Schreckensszenario wahr wird und Hertha absteigt.
Müller: Sollte das eintreten, weinen wir alle zusammen dicke Krokodilstränen. Das würde unheimlich weh tun. Aber das habe ich in Berlin gelernt. Wenn man am Boden liegt, muss man aufstehen – in der gleichen Sekunde würden wir mit dem Wiederaufstieg beginnen. Zur Kenntnis nehmen sollten wir, die Fußballwelt würde sich weiter drehen. Aber ich finde sie sehr viel schöner, wenn Hertha Bundesliga spielt.
Walter Müller, geboren 1948 in Weinheim an der Bergstraße, studierte Mathematik und Physik in Heidelberg. Nach Lehrjahren als LKW-Verkäufer und Assistent der Geschäftsleitung in München wechselte er zu BMW. Seit April 1996 leitet Müller die Mercedes-Niederlassung in Berlin. Hertha-Mitglied wurde er am 23. September 1998 - einen Tag, bevor er als neuer Präsident vorgestellt wurde. 2000 räumte der Hobby-Golfer sein Amt bei Hertha. Sein Unternehmen hat seit 2000 eine VIP-Loge im Olympiastadion gemietet. Müller versäumt kaum ein Heimspiel von Hertha BSC. Seit April 2008 ist Müller Präsident des ADAC Berlin-Brandenburg.


