Der Sonnabend Nachmittag wird als schwarzer Samstag in die Geschichte von Hertha BSC eingehen. Nicht nur wegen der sportlichen Misere, die mit dem 1:2 (1:0) gegen den 1. FC Nürnberg den Tiefpunkt erreicht hat. Die Tatsache, dass der Fußball-Bundesligist gegen einen Mitkonkurrenten im Abstiegskampf eine Führung nicht behaupten kann (siehe Seite 24), der drohende Sturz in die Zweite Liga, der seit gestern Nachmittag unmittelbar bevorsteht und Hertha BSC von der Karte des großen Fußballs verschwinden lassen wird - das alles war für einige "Fans" zu viel.
Unmittelbar nach dem Schlusspfiff sprangen erst einige, dann immer mehr Leute aus dem Block der Ostkurve über den drei Meter tiefen Betongraben, der die Ränge und das Spielfeld trennt. Hatte der Jubel von Nürnbergs Keeper sie noch rasender gemacht? Schäfer hatte sich nach dem 2:1 in Richtung Hertha-Kurve gedreht und gestenreich gejubelt. Aber es entschuldigt kaum den Ausbruch der Gewalt.
Erst war es ein Dutzend, am Ende rannten rund 150, zum Teil vermummte Gestalten über den Rasen. Gespenstische Szenen spielten sich ab. Kanonenschläge detonierten. Einige schlugen mit Latten zu, wo auch immer die hergekommen sein mögen. Andere traten zusammen, was im Weg stand. Hüfthohe Sponsorentafeln, flache Werbebanden, alles wurde eingetreten. Wie von Sinnen malträtierten einige die Trainerbank von Hertha: mit Händen, Füßen, Stangen. Der ganze Frust, die ganze Enttäuschung ob des bevor stehenden Abstiegs entlud sich in diesem Moment.
Der Spuk dauerte drei, vielleicht vier Minuten. Dann trabten auf dem Rasen rund 20 Polizisten in Kampfmonturen mit ihren weißen Helmen heran. Hektisch rannte der Mob zurück in die Ostkurve, über den Betongraben, einige rutschten herunter.
Endlich bekamen auf dem Feld die Staatsmacht und die Ordner in ihren neongelben und orangenen Leibchen die Oberhand. In der Ostkurve war die Stimmung hektisch und aggressiv. Wütende Sprechchöre gab es, Wurfgeschosse wurden in Richtung der Polizisten geworfen. Nun schickte die Polizei, mit 300 Beamten vor Ort, von außen Einsatzgruppen in die Fankurve. Pfefferspray kam zum Einsatz. Es gab 30 Festnahmen, vier Polizisten wurden verletzt.
Die große Frage: Wieso waren angesichts der angespannten Lage, die schon vor dem Spiel bekannt war und in Fanforen ausgiebig diskutiert wurde, kaum Polizisten im Stadion? Warum standen vor der Fankurve nur Ordner? Bereits am Freitag hatten die Fans am Trainingsgelände ein Plakat an einen Zaun gehängt, auf dem stand: " Das Spiel eures Lebens." Sie hatten sogar die Adressen der Spieler herausbekommen und wollten vor der Tür jedes Profis ein solches Transparent anbringen. Weil das Team sich aber im Trainingslager in Potsdam auf die Partie vorbereitete, legten sie die Plakate auch am Trainingsgelände ab.
Video auf Youtube: Fans stürmen Spielfeld
Bei den Verantwortlichen herrschte Entsetzen. "Das ist sehr ärgerlich, für Hertha BSC und den Fußball", sagte Hertha-Präsident Werner Gegenbauer. "Alles, was hier in den letzten Jahren aufgebaut worden ist, hat eine Schramme bekommen." Er spielt darauf an, dass der Hauptstadt-Klub rund zwanzig Jahre gebraucht hat, um das Image von den rechtsgerichteten Hertha-Fröschen loszuwerden, die Ende der 1970er Jahre ihr Unwesen getrieben haben.
Erst in den zurückliegenden 13 Bundesliga-Jahren hatte sich Hertha das Image erarbeitet, ein Klub zu sein, wo die gesamte Familie beruhigt zum Fußball gehen kann. Randale oder andere gewalttätige Vorkommnisse im Stadion, wie sie bei anderen Vereinen passieren, hatten die Berliner über viele Jahre nicht zu beklagen. Das hat sich mit den Ereignissen dieses schwarzen Samstags geändert.
Hertha-Trainer Friedhelm Funkel hatte von den Geschehnissen nichts mitbekommen. Er war ebenso wie seine Mannschaft unmittelbar nach dem Abpfiff in den Katakomben verschwunden. "Ich habe mir das Ganze erzählen lassen", sagte Funkel. "Das geht überhaupt nicht. So etwas hat in deutschen Fußballstadien nichts zu suchen. Das ist eine kleine Gruppe von Gewalttätigen, die diese Bühne nutzt, um auf sich aufmerksam zu machen. Dagegen muss man mit aller Entschiedenheit und Härte vorgehen." Die Randale wird verschiedene Auswirkungen haben. Hertha erwartet eine Geldstrafe wegen unzureichender Sicherheitsvorkehrungen. Die kleine Gruppe der Rowdies hat sämtlichen Hertha-Fans darüber hinaus einen Bärendienst erwiesen. Der Imageverlust ist riesig.









