Fünf Punkte, letzter Platz in der Bundesliga-Tabelle - Hertha BSC in Existenzangst, es brodelt im Verein. Und am kommenden Montag (30. November) steht ein Schlüsseltermin abseits des Fußball-Platzes an: die Mitgliederversammlung im Saal 1 des ICC. Erstmals wurden Anträge auf Abwahl des Präsidiums und des Aufsichtsrates eingereicht. Votieren die Mitglieder gegen die Führung, steht Hertha vor dem totalen Chaos. Über die wichtigsten Themen der wegweisenden Versammlung sprach Morgenpost Online auch mit Bernd Schiphorst (66), dem Vorsitzenden des Hertha-Aufsichtsrates.

Fürchtet Aufsichtsratschef Schiphorst um seinen Posten?

Ob es um den Aufsichtsrat oder das Präsidium geht: Um angenommen zu werden, braucht ein Abwahlantrag eine Mehrheit von 75 Prozent der anwesenden Mitglieder. Schiphorst sagt: „Die Mitgliederversammlung ist der Souverän. Dies ist nicht die erste Krisensituation, die wir erleben. Aber bei den Wahlen haben die Mitglieder immer sehr abgewogen gestimmt. Ich habe Vertrauen.“

Kann es passieren, dass die Bosse abgewählt werden und Hertha führungslos ist?

Theoretisch ja. Nach Paragraf 11 der Satzung ist die Mitgliederversammlung unter anderem zuständig für „die Abberufung von Mitgliedern des Präsidiums“ sowie auch „die Abberufung von Mitgliedern des Aufsichtsrates“. Wie eine Satzungslücke mutet an, dass eine gleichzeitige Abwahl beider Gremien möglich ist. In der Konsequenz wäre Hertha führungslos. Praktisch vertraut Bernd Schiphorst darauf, „dass die Mitglieder sehr gut abwägen können, was für die Situation von Hertha hilfreich ist. Wir in den Gremien sind alle ehrenamtliche Leute. Wir setzen seit Jahren Arbeitskraft und unseren guten Namen für Hertha ein, allen vorweg Werner Gegenbauer, der ein angesehener Bürger dieser Stadt ist. Die Mehrheit der Mitglieder weiß das.“


Wird über alle eingereichten Anträge abgestimmt?

Nein. Der Versammlungsleiter wird zum Beginn begründen, welche Anträge laut Satzung korrekt sind. Dazu gehören die auf Abwahl des Präsidiums sowie des Aufsichtsrates. Keine Chance haben Anträge von Mitgliedern, die die Satzung nicht gelesen oder verstanden haben. Weder lassen sich einzelne Mitglieder aus dem Ältestenrat kegeln, weil dessen Amtsperiode ohnehin endet. Noch ist es Aufgabe der Mitglieder zu beschließen, ob Ingo Schiller Geschäftsführer bleiben soll – was der Fall ist.

Setzt sich Hertha endlich mit dem Sturz von Dieter Hoeneß und dessen Folgen auseinander?

Ja. Es ist Aufgabe von Präsident Gegenbauer, sowohl die Veränderungen in der Geschäftsführung (von Hoeneß zu Michael Preetz) zu erklären als auch die Kontinuität (mit Schiller wurde der Vertrag gerade bis 2013 verlängert). Zwar wurde bei der Vertragsauflösung mit Hoeneß im Juni Vertraulichkeit vereinbart. Doch lassen sich Gegenwart und Zukunft von Hertha nur erklären, wenn man sich auch kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzt.

Muss sich Michael Preetz über Dieter Hoeneß äußern?

Muss er nicht. Seitdem er Geschäftsführer Sport geworden ist, hat sich Preetz mit keiner Silbe dazu geäußert, was er von Hoeneß geerbt hat. Schiphorst rät Preetz, das nun zu ändern. Zwar sagt Bernd Schiphorst, als Mann der Wirtschaft empfinde er es als schlechten Stil, in Personalfragen öffentlich nachzukarten. Um aber vor allem die finanzielle Misere zu verstehen, die Hertha auf Jahre hinaus die Hände binden wird, rät er zu Führungsstärke: „Michael Preetz muss in der Tat schildern, was er im Sommer vorgefunden hat. Ja, das ist seine Aufgabe.“ Dazu gehört auch, dass die Rolle von Gegenbauer und Schiller, die den Hoeneß-Kurs über Jahre mitgetragen haben, thematisiert wird.

Wie wichtig ist die Versammlung für Michael Preetz?

Sehr wichtig. Neben der Erklärung, wie Hertha als Vorjahres-Vierter so dramatisch abstürzen konnte, wird von Preetz erwartet, dass er Vertrauen in die Zukunft verbreitet. Wie will er dafür sorgen, dass Hertha die Klasse hält? Wie ist es im Winter um Verstärkungen bestellt? Die Mitglieder wollen einen Manager, der Stärke ausstrahlt.

Wie ehrlich wird die Fehleranalyse der Verantwortlichen?

Ein ganz zentraler Punkt. Damit die Mitglieder ihrer Führung künftig vertrauen, ist es wichtig, dass die Analyse im Beisein der Basis ehrlich ausfällt. Es wird nicht reichen, den schwarzen Peter nicht mehr beteiligten Personen zuzuschieben (Hoeneß, Ex-Trainer Lucien Favre). Auch Preetz, Schiller, Gegenbauer und Schiphorst haben ihren Anteil.


Verabschiedet sich Hertha von allen internationalen Zielen?

Eine Schlüsselfrage: Seit über zehn Jahren zerreißt der Spagat zwischen den Erwartungen in der Hauptstadt und dem, was Hertha bezahlen kann, den Verein beinahe. Schiphorst ist dafür, reinen Wein einzuschenken: „Für uns ist die Champions League unrealistisch, solange die Bundesliga in dieser Erlösstruktur arbeitet.“ Will sagen: Ohne neues Geld (strategischer Partner, Investor), das derzeit nicht in Sicht ist, kann Hertha die Königsklasse nicht bezahlen. Gleichzeitig wissen alle im Klub, dass solides Mittelmaß in Berlin nicht zu verkaufen ist. Ein Dilemma.

Steht Hertha mit den Finanz-Sorgen allein?

Nein. „Der Mittelbauch der Liga, also das Gros der Klubs zu dem auch Hertha gehört, läuft in ein Finanzierungsproblem“, sagt Schiphorst. „Da kommt auf die DFL eine große Aufgabe zu. Die TV-Verträge der Liga sind beachtlich. Aber im Vergleich zu den Topligen liegt Deutschland gnadenlos zurück hinter den anderen vier großen Ligen in England, Spanien, Italien und Frankreich. Es gibt keine Sportart, die so erfolgreich im Fernsehen ist wie Fußball. Das ist keine Kritik an der DFL, aber da muss mehr rausgeholt werden.“

Hertha am Ende – ist der Abstieg überhaupt noch zu verhindern?

Schiphorst schiebt das Schreckensszenario beiseite: „Ich will das nicht. Die Zweite Liga kann mir keiner schönreden. Wer sagt, da hätten wir dann Zeit für eine Restrukturierung – das ist Tinnef. Wir können den Klassenerhalt schaffen und wir müssen das auch.“