Hertha-Präsident Gegenbauer

"Bei Lucien Favre haben wir uns geirrt"

Mit nur vier Punkten steht Hertha am Abgrund der Fußball-Bundesliga. Für Präsident Werner Gegenbauer aber ist die Zweite Liga kein Thema, ebenso wie die Rückkehr von Manager Hoeneß. Morgenpost Online sprach mit ihm über Ex-Trainer Favre, Herthas Kampf um den Klassenerhalt und Verstärkungen im Winter.

Foto: Reto Klar

Morgenpost Online: Die öffentliche Meinung außerhalb Berlins ist: Dieter Hoeneß ist weg, Hertha BSC ist Tabellenletzter. Warum holen Sie den Mann nicht einfach zurück?

Werner Gegenbauer: Die Personalie Dieter Hoeneß ist abgehakt, seit wir Anfang Juni uns einvernehmlich auf einen Aufhebungsvertrag geeinigt haben. Auch Dieter Hoeneß hat zuletzt gesagt: Das Kapitel Hertha BSC ist beendet.

Morgenpost Online: Brauchen Sie nicht jetzt einen Retter?

Gegenbauer: Ich bin überzeugt davon, dass wir personell gut aufgestellt sind. Wir haben eine temporäre sportliche Delle. Aber ich halte es für absurd, deshalb personelle Änderungen in der Geschäftsführung vorzunehmen.

Morgenpost Online: Man bekommt den Eindruck, Hertha sei auf einmal der ärmste Verein der Liga. Können Sie das erklären?

Gegenbauer: Wir haben immer gesagt, dass Hertha sich eine Gehaltssumme von 28 bis 29 Millionen Euro leisten kann. Damit sind wir offen und ehrlich umgegangen. Als Saisonziel haben wir einen einstelligen Tabellenplatz ausgegeben. Daran soll man uns messen. Von dem sind wir derzeit weit entfernt. Deshalb werden wir im Moment zu Recht kritisiert.

Morgenpost Online: Hertha hat mit der Bahn und Nike mit die wertvollsten Sponsoren, die es in der Liga gibt. Warum reicht das Geld dennoch nicht?

Gegenbauer: Wir bekommen deutlich nicht das meiste Geld in der Liga. Wir erlösen rund 28 Millionen Euro aus dem Marketing und haben einen Etat zwischen 65 und 75 Millionen. Verglichen mit dem, was Bayern, Schalke, der HSV, Dortmund oder Wolfsburg haben, spielen wir nicht in deren finanzieller Liga. Wir bemühen uns, nicht mehr auszugeben als einzunehmen.

Morgenpost Online: Auf der Mitgliederversammlung am 30.November wird es Fragen geben. Etwa, ob die Wahl von Michael Preetz als Manager eine gute war.

Gegenbauer: Ich habe keinen Zweifel, dass unabhängig von der derzeitigen sportlichen Situation gute Arbeit gemacht wird.

Morgenpost Online: Hertha ist Letzter.

Gegenbauer: Leider haben wir eine Phase mit sportlichem Misserfolg durchzustehen. Deshalb sind kritische Fragen in Ordnung. Aber insgesamt wird so gearbeitet, wie das in einem Profiklub in dieser schwierigen Lage notwendig ist.

Morgenpost Online: Sie waren im Sommer im Trainingslager, um den Vertrag mit Lucien Favre bis 2013 zu verlängern. Acht Wochen später hat Hertha den Trainer entlassen. Haben Sie sich in Favre getäuscht?

Gegenbauer: Bei einer Niederlagenserie kann es immer passieren, dass die sportliche Leitung der Meinung ist, der Trainer würde die Wende nicht mehr schaffen. Zu dieser Erkenntnis ist Michael Preetz gekommen, übrigens nach einer unmissverständlichen Ansage von Lucien Favre, dass es so nicht mehr weitergehe. Deshalb musste man handeln. Daraus zu folgern, dass wir uns bei Favre geirrt haben, akzeptieren wir.

Morgenpost Online: Berlin macht eine rasante Entwicklung durch. Halten Herthas Perspektiven damit stand?

Gegenbauer: Als Erstes müssen wir die sportliche Krise bewältigen. Wenn wir das schaffen, müssen wir so aufgestellt sein, dass wir Berlin als das begreifen, was es ist: eine Riesenchance für Hertha BSC. Wir müssen uns davon befreien, Berlin als eine Last zu sehen.

Morgenpost Online: Zuletzt wurde eher gejammert: Das Stadion habe keine Atmosphäre, der Berliner käme nur, wenn es um den Titel ginge.

Gegenbauer: Da müssen wir rauskommen aus dieser Jammer-Haltung. Berlin ist nicht nur die Hauptstadt Deutschlands, sondern international der Trendsetter schlechthin. Beim Olympiastadion müssen wir die Vorteile ausspielen: Dass das ein geschichtsträchtiges Stadion ist, eines, das die Besucher immer wieder verblüfft. Die Stärken der Stadt Berlin müssen wir in neue Hertha-Konzepte einfließen lassen. Ein Quantensprung in der Entwicklung gelingt uns nicht, indem wir den Personaletat von 28 auf 31 Millionen erhöhen. Ein Quantensprung gelingt uns nur, wenn wir uns zusätzlich auf völlig neue Füße stellen.

Morgenpost Online: Sie reden von einem Investor oder strategischen Partner?

Gegenbauer: Um bei der Einnahmeseite in eine neue Dimension zu kommen, brauchen wir eine neue Konzeption. Es muss einen deutlichen Nutzen für denjenigen geben, der Hertha unterstützt. Daran arbeiten wir.

Morgenpost Online: Schöne Pläne, aber im Moment gilt es, den Abstieg zu vermeiden. Warum soll das gelingen?

Gegenbauer: Weil ich überzeugt davon bin, dass Michael Preetz, Trainer Friedhelm Funkel und die Mannschaft den Rückstand wettmachen. Wenn wir so spielen wie beim 0:0 gegen Wolfsburg, werden wir sicher nicht absteigen.

Morgenpost Online: Wie groß sind die finanziellen Möglichkeiten, im Winter noch mal auf dem Transfermarkt tätig werden zu können?

Gegenbauer: Wir arbeiten daran, uns diesen Spielraum zu verschaffen. Aber das Präsidium wartet ab, mit welchen Wünschen die sportliche Leitung an uns herantritt.

Morgenpost Online: Wie sieht es im schlechtesten Fall, dem Abstieg, aus: Bekommt Hertha eine Lizenz für die Zweite Liga?

Gegenbauer: Mit Ausnahme der vergangenen Saison, als wir Vierter waren, haben wir in den Jahren davor regelmäßig die Lizenz für Bundesliga und Zweite Liga beantragt. Wir werden sie, wie in der Vergangenheit, für beide Ligen genehmigt bekommen.