Erwin Hermandung fühlte sich von der Kleidung seines Trainingspartners herausgefordert. Jeden zweiten Tag fährt er mit zwei Bekannten Rad, manchmal sogar über 50 Kilometer. In der vergangenen Woche hatte einer von ihnen zu einer Tour schwarz-gelbe Stutzen angezogen - er ist Fan von Borussia Dortmund. "Bei unserer nächsten Fahrt habe ich dann meine blau-weißen Hertha-Stutzen bis über die Knie gezogen und aus Spaß gesagt: Das ist ein großer Verein", sagt Hermandung augenzwinkernd.

Von Hertha hatte er zu seinem 60. Geburtstag vor fünf Jahren Trikot, Hose und Stutzen geschenkt bekommen. In Berlin hat eben niemand vergessen, was Hermandung für den Verein geleistet hat. Mit 34 Toren belegt er in der Liste der besten Hertha-Torschützen gemeinsam mit Karl-Heinz Granitza den sechsten Platz. Von 1971 bis 1977 absolvierte er für den Klub 192 Spiele in der Bundesliga. "Ich habe bei Hertha viel erlebt", sagt der 65-Jährige.

Heute wohnt er mit seiner Lebensgefährtin in Hückelhoven-Baal, einem Ort zwischen Mönchengladbach und Aachen. Dort genießt er seinen Ruhestand - und erhält noch heute viel Autogrammpost. "Vor allem aus den neuen Bundesländern, aber auch aus Aachen."

Angebote aus Eindhoven und Hamburg

Für die Alemannia hat er sieben Jahre gespielt und war nach seiner Karriere als Spieler bis 1990 Co-Trainer. Wegen einer Netzhautablösung am linken Auge musste er die Tätigkeit beenden. "Auf dem Auge sehe ich nur noch hell und dunkel." Zudem macht ihm ein Bandscheibenvorfall zu schaffen. Radfahren kann er, Joggen oder gar Fußballspielen nicht. Hermandung bezieht totale Erwerbsunfähigkeitsrente. Im Aachener Stadion ist er dennoch hin und wieder anzutreffen. "Meine ehemaligen Vereine verfolge ich natürlich besonders intensiv."

Von Alemannia war er vor 38 Jahren nach Berlin gewechselt. Seiner Unterschrift bei den Blau-Weißen ging ein wahrer Verhandlungs-Marathon voraus. Damals gehörte Hermandung zu den begehrtesten Spielern des Landes. Neben Hertha, dem Hamburger SV und dem MSV Duisburg war auch der PSV Eindhoven an ihm interessiert. "Das wäre für mich von meiner Heimat nur eine Stunde Fahrt gewesen, und außerdem hat Eindhoven damals im Europapokal gespielt und mir viel Geld geboten."

Hermandung konnte sich nicht entscheiden. Zum einen war da das attraktive Angebot aus den Niederlanden, zum anderen hatte er ein großes Ziel: "Ich wollte es unbedingt in die Nationalmannschaft schaffen. Und dafür sah ich bei einem deutschen Klub bessere Chancen." Sein Entschluss fiel im Losverfahren. Er nahm gemeinsam mit seiner Familie sechs Zettel zur Hand und schrieb auf drei Hertha, auf die anderen drei Eindhoven. "Wir haben dann gezogen. Und es kam immer Hertha."

Schnell kamen erste Zweifel

Für eine Ablöse von rund 300.000 Mark wechselte er zu den Blau-Weißen. Allerdings kamen ihm schnell Zweifel an seiner Entscheidung. 1972 sperrte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wegen des Bundesliga-Skandals 15 Hertha-Spieler. Sie hatten sich bestechen lassen und absichtlich 0:1 gegen Arminia Bielefeld verloren. Die Mannschaft der Berliner zerbrach. "Das war eine ganz bittere Zeit", erinnert sich Hermandung. Er habe Berlin verlassen wollen und ein Angebot von Borussia Mönchengladbach vorliegen gehabt.

Doch Hertha wollte ihn unbedingt halten. Und nach dem 13. Platz in der Saison 1972/1973 und dem achten Rang ein Jahr später unter Trainer Helmut Kronsbein gelang es dessen Nachfolger Georg Kessler, den Verein wieder zum Erfolg zu führen. 1975 wurden die Berliner Zweiter hinter Borussia Mönchengladbach und qualifizierten sich für den Uefa-Pokal.

Immer wieder Rückschläge

Hermandungs Mitspieler waren damals unter anderem Uwe Kliemann, Michael Sziedat und Hans "Hanne" Weiner. In dem internationalen Wettbewerb siegte Hertha in der ersten Runde nach Hin-und Rückspiel 6:2 gegen HJK Helsinki, verlor eine Runde später aber 2:4 gegen Ajax Amsterdam.

Oft denkt er auch noch an die DFB-Pokalspiele gegen Schalke 04 in der Saison 1971/1972 zurück. Damals gab es noch Hin- und Rückspiel. "Das erste Spiel verloren wir 1:3, das zweite gewannen wir 3:0.

Im Weihnachtsurlaub erfuhren wir dann, dass wir disqualifiziert wurden." Der Ungar Zoltan Varga war damals nicht spielberechtigt. Der DFB hatte ihn wegen seiner Verwicklung in den Bundesligaskandal zwar noch nicht verurteilt, aber bereits gesperrt.

Spitzname "Pferdelunge"

Auch in den folgenden Jahren hatte Hermandung im DFB-Pokal kein Glück. 1977 verlor Hertha das Finale im Wiederholungsspiel gegen den 1. FC Köln 0:1, 1978 unterlagen die Berliner im Endspiel Fortuna Düsseldorf 0:1 nach Verlängerung. "Ich bin leider der ewige Zweite. Mit Hertha Vizemeister und Zweiter im Pokal, und mit Aachen 1965 auch der Verlierer im Pokalendspiel gegen Borussia Dortmund."

Größer sei aber seine Enttäuschung, nie für Deutschland gespielt zu haben. "Das ärgert mich bis heute." Schließlich war er einer der torgefährlichsten Mittelfeldspieler der Liga. "Das Mittelfeld mit Erwin Hermandung, Erich Beer und Holger Brück ist der beste Mannschaftsteil Herthas", schrieb 1972 das "Hamburger Abendblatt".

Fans und Mitspieler nannten Hermandung die "Pferdelunge". Er lief von allen Herthanern am meisten. Lorenz Horr habe ihn aus Verwunderung über seine Kondition mal gefragt, was seine Frau ihm koche. "Gut bürgerlich", habe er geantwortet.

Hart an der Ausdauer gearbeitet

Neben der Hausmannskost sei ein besonderes Training sein Erfolgsrezept gewesen. "Ich habe schon immer sehr, sehr viel für meine Ausdauer getan. Das war mir wichtig."

1977 verließ er Hertha und ließ seine Laufbahn bei Eintracht Trier und der SpVgg Bayreuth ausklingen. Beer habe vergeblich versucht, ihn in Berlin zu halten. Mit dem Stürmer und Hans Weiner telefoniert er noch heute. Gesprächsthema ist dann auch die aktuelle Situation von Hertha.

"Ich bin von der Mannschaft total enttäuscht." Als Grund für den 18. Tabellenplatz hat er die finanzielle Lage des Klubs ausgemacht. "Hertha hat schon immer Geldprobleme gehabt. Das darf aber keine Ausrede sein."

Morgen beginnt er mit seiner Lebensgefährtin eine Donau-Kreuzfahrt. Er freue sich seit langem auf Urlaub. "Und wenn ich wieder da bin", sagt Hermandung, "möchte ich Hertha auf einem besseren Tabellenplatz sehen."