Ein wenig wird Christian Ziege schon enttäuscht gewesen sein, dass kein persönliches Gespräch zustande kam. Die Leitung war frei, es tutete ein paar Mal, aber der Angerufene, Markus Babbel, ging nicht ran. Nur per Mailbox war für den Trainer von Arminia Bielefeld am Mittwoch die Stimme des Trainers von Hertha BSC vernehmbar. Babbel erzählte am Tag danach von dem Anrufversuch und kleidete den Anlass in einen Scherz: „Bestimmt wollte Christian die Aufstellung abgleichen, wer am besten zu wem passt.“ Wahrscheinlicher ist, dass Ziege dem seit Mittwoch 38 Jahre alten Babbel nur zum Geburtstag gratulieren wollte.

Die beiden sind viel mehr als bloß Trainerkollegen. „Er ist ein Freund“, sagt Babbel über Ziege, mit dem er zwischen 1990 und 1997 vier Jahre beim FC Bayern München und 2000/01 auch eine Saison beim FC Liverpool gespielt hat. „Er war in England mein Nachbar. Wir haben eine Menge zusammen erlebt.“ Wobei das gemeinsame Leben nicht nur die Sonnenseiten des Daseins als Profifußballer beinhaltet, mit dem Gewinn der Europameisterschaft 1996 als Höhepunkt, sondern auch schwere Zeiten. Babbel erkrankte in England am Guillain-Barré-Syndrom, einem Nervenleiden, das ihn zeitweise in den Rollstuhl zwang. Ziege hätte wegen eines Blutgerinnsels fast das Bein amputiert werden müssen.

Riskanter Schritt in Liga zwei

Im Hier und Jetzt erfreuen sich beide wieder bester Gesundheit. Und sie, die so vieles eint, stehen in ihrer Karriere nach der Karriere noch ziemlich am Anfang – aber doch schon an recht unterschiedlichen Punkten. Babbel möchte in Berlin beweisen, dass er viel mehr kann, als sein hoffnungsvoll begonnenes, letztlich aber doch gescheitertes Erstlingswerk beim VfB Stuttgart dokumentierte. Er möchte beweisen, dass er zu Recht in die Schublade „junger Trainer mit Perspektive“ eingeordnet worden ist. Dazu hat er den risikovollen Schritt von der Champions League hinab in die Zweite Liga gewagt, der ihm dann eine glänzende Perspektive verschafft, wenn er in dieser Saison mit Hertha die angestrebte Rückkehr in die Bundesliga meistert. Dann liegt eine interessante Aufgabe in der Hauptstadt vor ihm. Zieges Anfänge sind gänzlich anders gelagert, seine Ausgangslage in Bielefeld ist es ebenso. Er war erst Manager von Borussia Mönchengladbach, dann, im Oktober 2008, interimsweise für ein Spiel Cheftrainer, ehe er sich selbst zum Assistenten von Hans Meyer reduzierte, wofür er als Manager zurücktrat, ehe er im Dezember auch als Assistent aufhörte – aus, wie es hieß, „privaten und persönlichen Aspekten seinerseits“.

Die selbstverordnete Auszeit dauerte bis Ende Mai diesen Jahres und führte Ziege eben nach Bielefeld. Dorthin also, wo es beinahe überhaupt nicht mehr weitergegangen wäre. Weiß Ziege, was er da tut? Er weiß es: „Ich wurde für verrückt erklärt, aber mir ist egal, was die Leute denken.“

Zehn Millionen Euro Verbindlichkeiten hätten die Arminia fast die Lizenz gekostet. Regionale Unternehmen halfen, weil die Stadt keine Bürgschaft übernehmen konnte oder wollte. Trotzdem mussten Leistungsträger gleich im halben Dutzend abgegeben werden: Federico, Lamey, Katongo, Kirch, Kucera und auch Andre Mijatovic, der jetzt Hertha als Kapitän dient. „Diese schwierige Situation hat mich gereizt“, sagte Ziege bei seinem Amtsantritt, und deshalb übernahm er in bester Felix-Magath-Manier neben dem Cheftrainer- auch gleich noch den Managerposten; nach inzwischen etwas mehr als 100 Tagen in diesen Funktionen sagt er nun: „Es ist genauso schwierig geworden, wie ich es erwartet hatte.“ Zum „Tüftler am Abgrund“ erhob die „Süddeutsche Zeitung“ Ziege. Trotzdem strahlt der früher oft so introvertierte Ziege dieser Tage große Zufriedenheit mit sich und seinem Weg aus. Mit großer Energie geht er seine Aufgaben an, sein Lachen ist herzlich, seine gute Laune fast schon ansteckend. Ziege kommt in Bielefeld so gut an wie Babbel in Berlin.

Die Favoritenrolle ist klar vergeben

Nur die Ergebnisse könnten besser sein. Nicht erst seit zwei Niederlagen zum Saisonauftakt (1:2 beim FSV Frankfurt, 1:2 gegen Energie Cottbus) ist Bielefelds Perspektive eine Saison irgendwo im Niemandsland der Zweiten Liga – bestenfalls. „Und wenn du nicht vorne mitspielst“, ahnt Ziege, „spielst du in der Zweiten Liga fast schon gegen den Abstieg.“

Wenn Babbel trotzdem „großen Respekt“ vor Bielefeld äußert, hat das in erster Linie mit Ziege zu tun – und damit, dass Babbel genauestens weiß, weshalb er „Ziege und seinen Co-Trainern sehr großes Knowhow“ attestiert: Gemeinsam, was sonst, erwarben die Ex-Profis das Fußball-Lehrer-Diplom an der Hennes-Weisweiler-Akademie der Deutschen Sporthochschule Köln. Aber auch Zieges Assistenten Mario Himsl und Ralf Santelli waren im April diesen Jahres unter den 24 Absolventen.

Doch auch diese geballte Kompetenz an der Seitenlinie kann kaum verhindern, dass die Favoritenrolle am Sonntag klar auf Babbels und Berliner Seite liegt. Nach zwei Siegen zum Start hat Hertha die Tabellenspitze im Visier. Abseits der branchenüblichen Freundlichkeiten im Vorfeld einer jeden Partie („Es wird sicherlich ein schweres Spiel“), sagt Babbel: „Wir wollen nach der Länderspielpause unsere Serie ausbauen und den nächsten Dreier einfahren.“ Deutlich bescheidener ist, was Ziege sich bei der Rückkehr in seine Geburtsstadt Berlin verspricht: „Wir wollen alles versuchen und werden alles geben, um es der Hertha so schwer wie möglich zu machen. Und wir nehmen alles mit, was wir bekommen können. Wenn es zu einem Unentschieden reicht oder sogar mehr, wäre das für die Mannschaft natürlich super.“

Solchen Avancen kann Babbel einen Kader entgegensetzen, der so top besetzt ist wie noch nicht in seiner Amtszeit zuvor. Gerade in der Offensive kann er im Duell mit seinem Kumpel Ziege regelrecht aus einem Überangebot an Kräften auswählen.