Im Rheinland waren die Mosaiksteine rasch zusammengefügt worden. „Favre vor dem Aus. Pressekonferenz bei Hertha“ titelte die Online-Ausgabe der Rheinischen Post gestern Vormittag. Richtig daran ist: Der Fußball-Bundesligist hatte die Medien geladen. Wie jedes Mal vor einem Pflichtspiel, bekanntlich geht es am Mittwoch in der zweiten Runde des DFB-Pokals zu 1860 München. Der erste Teil der Meldung indessen war falsch. Michael Preetz war die Frage leid, beantwortete sie gestern aber noch einmal: „Wir haben uns klar positioniert. Lucien Favre hat in den zwei Jahren in Berlin phantastische Arbeit geleistet. Er war der richtige Trainer für Hertha BSC – und ist der richtige Trainer für die aktuelle Situation.“
Der Hauptstadt-Klub legt einen beispiellosen Absturz hin. Nach dem 0:4 im Kellerduell gegen den SC Freiburg ist der Vierte der Vorsaison nach sechs Runden Tabellenletzter. Ein Sieg, fünf Niederlagen, 5:12 Tore. „Hertha, die Hauptstadt-Schande“ titelt die „Bild“. Eine Situation, in der automatisch der Trainer in den Mittelpunkt der Kritik rückt. „Hertha spielt gegen Favre“, behauptet die „BZ“. Am Abend nach dem Debakel gegen Aufsteiger Freiburg gab es eine Krisensitzung. Am Tisch saßen die Entscheider von Hertha BSC: Präsident Werner Gegenbauer, die Geschäftsführer Preetz (Sport) und Ingo Schiller (Finanzen), Favre sowie Co-Trainer Harald Gämperle. Das Resultat des Treffens ist die Linie, die Preetz seit Tagen steuert: „Wir haben keine Trainer-Diskussion.“ Der Manager nimmt ausdrücklich die erfahrenen Spieler, allen voran Kapitän Arne Friedrich in die Verantwortung. „Sie müssen umgehen mit dem Druck, der auf ihnen lastet.“
Preetz und die Gremien sind weiter von den Fähigkeiten des Coaches aus der Schweiz überzeugt. Favre habe bewiesen, auch mit vergleichsweise kleinem Etat große Leistungen bringen zu können. Hertha, mit 33,5 Millionen Euro verschuldet, muss noch auf Jahre hinaus einen Sparkurs fahren. Vor Saisonbeginn hätten alle gewusst, dass dieses Jahr holperig werde. Gegenbauer und Preetz hatten im Trainingslager im Juli dem Trainer eine vorzeitige Verlängerung des Vertrags bis 2013 angeboten. Das Signal, das Preetz nun in die Öffentlichkeit senden will: Hertha weiß um die Zusammenhänge – und wirft beim ersten Sturm den Trainer nicht über Bord.
Zwei Wochen, um seinen Job zu retten
Gleichwohl kannte die Fünfer-Runde im VIP-Bereich des Olympiastadions die Automatismen der Branche. Es wurde nicht über Daten und Spiele gesprochen. Aber alle waren sich einig: Die Besserung muss rasch eintreten. Übersetzt heißt das: Favre, seit Juni 2007 im Amt, hat längstenfalls zwei Wochen, um seinen Job zu retten.
Hertha spielt Mittwoch im DFB-Pokal bei 1860 München, Sonntag in der Liga in Hoffenheim, in der Woche darauf bei Sporting Lissabon (Europa League) und gegen den HSV (Bundesliga). Ein Teilnehmer der Runde sagte der Morgenpost Online: „Jeder am Tisch wusste: Hertha steht nicht außerhalb der Gesetzmäßigkeiten der Branche.“
Langsam gehen Favre die Argumente aus. Die Magie der Vorsaison wirkt derzeit nicht. Beim 0:4 gegen Freiburg stand eine extrem verunsicherte Hertha auf dem Platz. Wenn die Mannschaft so weiterspielt, steht am Ende der ungebremste Fall in die Zweite Liga.
Das Projekt Hertha läuft aus dem Ruder
Die Liste der Probleme ist lang. Mittelfeldspieler Maximilian Nicu beschreibt die Situation so: „Es ist, als ob du im Treibsand steckst. Je mehr du versuchst, je mehr du strampelst, desto tiefer zieht es dich runter.“ Nach dem HSV-Spiel am 4. Oktober gibt es eine Länderspiel-Pause. Ist die Trendwende bis dahin nicht geschafft, wird Preetz eingreifen müssen. In Berlin kursieren bereits Namen: Etwa der von Hans Meyer (66). Der rettete Hertha 2004 vor dem Abstieg und ist im Moment frei.
Doch diesmal ist die Situation ungleich schwieriger. Es geht nicht nur um eine Trainer-Personalie. Hertha läuft auf eine historische Kreuzung zu – schon wieder. Gegenbauer, Preetz und Favre stehen für den Neuanfang nach 13 Jahren Dieter Hoeneß. Erst Anfang Juni war der langjährige Manager, versehen mit einer satten Abfindung, vorzeitig verabschiedet worden. Das Trio hat ein schweres Erbe übernommen. Die finanzielle Bürde der Hoeneß-Ära engt die Spielräume auf Jahre hinaus ein. Dem wollen Präsident, Manager und Trainer den Aufbruch einer neuen, jungen Hertha entgegensetzen.
Nur läuft dieses Vorhaben gerade dramatisch aus dem Ruder. Wenn Hertha sich mit Favre nicht aus der Abstiegsgefahr befreit, wird Preetz auf seiner ersten Manager-Station noch einen zweiten Trainer aussuchen dürfen. Aber der muss dann passen. Einen Gang in Liga zwei kann sich Hertha nicht leisten. Dann wäre das Projekt Neuanfang mit Gegenbauer und Preetz gescheitert, ehe es so richtig begonnen hat.



