Für Momente trug der herbstliche Wind den Klang der großen Fußballwelt über das Vereinsgelände. Im Amateurstadion von Hertha BSC ermittelte der DFB gestern den Deutschen Meister der Altersklasse Ü40, da ertönte auf einmal die Hymne der Champions League. Von der Königsklasse des europäischen Fußballs hat Berlins Bundesligist vor gar nicht allzu langer Zeit noch geträumt. Gerade vier Monate ist es her, dass Hertha im Schlussspurt der vergangenen Saison die Champions-League-Teilnahme noch verspielte – vier Monate, die vor dem Hintergrund der aktuellen Ergebniskrise des Hauptstadt-Klubs wie eine Ewigkeit erscheinen.
Parallel zu den pulstreibenden Klängen von „Zadok the Priest“ saßen Geschäftsführer Michael Preetz und Trainer Lucien Favre mit den Führungsspielern Arne Friedrich, Jaroslav Drobny und Pal Dardai zusammen. Es galt, das 1:2 (0:0) gegen Aufsteiger Mainz 05 aufzuarbeiten, und nicht nur das, sondern insgesamt nun schon vier Niederlagen aus den ersten fünf Spielen der neuen Saison. Gerade drei von 15 möglichen Punkten holte der Vorjahres-Vierte – da droht Abstiegskampf. „Natürlich sind wir nicht zufrieden“, sagte Preetz. Denn es stellt sich die Frage: Ist Hertha ein Abstiegskandidat?
Fatale Trendwende
Im Fußball entscheiden Tore und Gegentore über Siege und Niederlagen. Vom einen hat Hertha zu viel, vom anderen zu wenig – eine fatale Trendwende. „Die Spiele, die wir vergangene Saison 1:0 und 2:1 gewonnen haben, verlieren wir jetzt 1:2 und 0:1“, klagt Preetz. Favre sagt: „Wenn du verlierst, gibt es zwangsläufig auch Defizite. Aber wir dürfen nicht übertreiben: Wir waren gegen Mönchengladbach, Bochum, Bremen und erst recht Mainz niemals die schlechtere Mannschaft. Das bedeutet, dass es an Kleinigkeiten fehlt. Wir müssen uns fragen, wo wir uns verbessern können und intensiv an diesen Details arbeiten.“
Der Reihe nach: Der Defensive fehlt es im Jahr eins nach Josip Simunic am Vermögen, über die volle Dauer eines Spieles konzentriert zu bleiben. Gegen Mainz hatten die Verteidiger das Geschehen zwar immerhin 70 Minuten im Griff. Dann aber kam es zum Ausgleich – und anschließend dem kollektiven Zusammenbruch, der dem Gegner noch das Siegtor gestattete.
Der Offensive fehlt es nach dem Abschied der Torjäger Marko Pantelic und Andrey Voronin schlichtweg an Qualität. Der auch nach acht Pflichtspielen (529 Einsatzminuten) noch torlose Artur Wichniarek verbreitet beim Gegner ebenso wenig Furcht und Schrecken wie sein polnischer Landsmann Lukasz Piszczek und der Bulgare Valeri Domovchiyski.
Über Wichniarek, der auch bei seinem zweiten Anlauf in Berlin zu scheitern droht, sagt Ex-Stürmer Preetz: „Er hat den Zuspruch von Mannschaft und Verantwortlichen. Den Rest muss er sich auf dem Platz selbst erarbeiten.“ Und wenn er schon nicht trifft, ist von dem 32-Jährigen mit der Erfahrung aus genau 200 Bundesligaspielen wenigstens zu erwarten, dass er anderen abseits des Spielfelds ein Vorbild in der Krise ist. Doch auch da taucht Wichniarek ab.
Ist Favre entzaubert?
Kürzlich sprach Marko Pantelic im serbischen Fernsehen ein paar Sätze, die wie eingeflüstert klangen. Die Kernaussage war: Favre werde „überbewertet“, jedenfalls was seinen Anteil am Gesamtwerk der vergangenen Saison angeht. Kurz vor seiner vorzeitigen Vertragsauflösung im Juni prophezeite Ex-Manager Dieter Hoeneß in halbvertraulichen Gesprächen Hertha ein blau-weißes Wunder – weil eine von Favre verantwortete Personalpolitik zum Scheitern verurteilt sein werde.
Pantelic und auch Hoeneß irren. Nicht zufällig wurde der Trainer vergangene Saison vielfach für sein taktisches Gespür gefeiert – und bewies es auch diese Saison, als er im Europa-League-Play-off gegen Bröndby in kritischer Lage die richtigen Entscheidungen traf. Was die Möglichkeiten der Personalplanung angeht: Hier tragen Favre und Preetz die Last des Hoeneß-Erbes. Mit 29,5 Millionen Euro Personaletat ist eine Qualifikation für internationale Wettbewerbe quasi unmöglich. Andererseits ist die Summe groß genug, sich in der Liga deutlich in sicheren Gefilden zu bewegen.
Das Vertrauen seiner Spieler, den ins Schlingern geratenen Hertha-Dampfer wieder in ruhigere See zu steuern, hat Favre. Die Stimmung ist den Ergebnissen entsprechend gedrückt, aber die Moral der Mannschaft ist ebenso intakt wie das Betriebsklima. Mittelfeldspieler Maximilian Nicu sagt sogar: „Der Trainer ist nicht schuld an unserer Lage. Es sind wir Spieler. Wir sind zu brav, zu naiv.“
Rückkehrer geben Hoffnung
Die Formation gegen Mainz hatte wenig mit einem möglichen Idealzustand zu tun. Mit Kapitän Arne Friedrich, Gojko Kacar und Raffael fehlte eine komplette Achse; Zugang Florian Kringe musste nach wenigen Minuten ausgewechselt werden und fehlt nun viele Wochen (siehe Extratext). Rasmus Bengtsson und der eingewechselte Adrian Ramos spielten zum ersten Mal für Hertha.
Erst nach Rückkehr der Verletzten und vollzogener Integration der Neuen wird zum ersten Mal die potenziell stärkste Formation auflaufen – doch die Zeit drängt. Mangels Alternativen wird der Ende August verpflichtete Kolumbianer Ramos wohl schon am Donnerstag erstmals in der Startelf stehen, wenn Hertha zum Auftakt der Gruppenphase in der Europa League den lettischen Meister FK Ventspils empfängt.
Bei ihrem gestrigen Krisengespräch nahm Preetz die erfahrenen Spieler in die Pflicht, „unsere junge Mannschaft zu führen“. Alle müssten nun „eng zusammenstehen“ und „mit aller Macht und Nachhaltigkeit die Negativdynamik durchbrechen“. Gegen Ventspils soll der Anfang gemacht werden. Wirklich wichtig wird es aber am Sonntag im Liga-Heimspiel gegen den SC Freiburg, einen weiteren Aufsteiger. Danach warten ungleich schwerere Gegner: Hoffenheim und der Hamburger SV.





