Der Tabellenletzte empfängt den Vorletzten, eine klassische Anordnung, in der es ums Überleben geht. Allerdings hätte vor Saisonbeginn wohl niemand darauf gewettet, dass Hertha BSC am sechsten Bundesliga-Spieltag den Part des Schlusslichtes hat, der heute Heimrecht gegen den SC Freiburg genießt (17.30 Uhr, Olympiastadion). Hier geht es zum Live-Ticker

Die Talfahrt des Hauptstadt-Klubs, in der Vorsaison noch Vierter, ist rasant. Um den Abwärtstrend nach zuletzt vier Niederlagen in Folge zu stoppen, braucht es Führungsspieler, die die verunsicherte Mannschaft bei der Hand nehmen.

Da steht automatisch der Kapitän im Blickpunkt. Arne Friedrich (30), seit 2002 in Berlin, seit Jahren Herthas einziger deutscher Nationalspieler, 67 Länderspiele, EM- und WM-erfahren. Doch statt die Probleme zu lösen, ist Friedrich in dieser Saison Teil des Problems.

Sportlich ist er nur einmal vorangegangen, beim 3:1 in der Europa League gegen Bröndby IF. Häufiger jedoch waren Auftritte wie der am Donnerstag, als Friedrich beim 1:1-Ausgleich vom FK Ventspils eine schlechte Figur abgab. Nun passieren jedem mal Fehler. Aber bei einigen Teamkollegen kommt es schlecht an, dass Friedrich nach dem Spiel vor jeder TV-Kamera hält, ein besorgtes Gesicht auflegt und erklärt, warum wieder nicht gewonnen wurde. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt: Friedrich sei gar kein Kapitän, sondern ein blasser Selbstdarsteller.

Bei den Verantwortlichen wiederum kommt es nicht gut an, wenn Friedrich öffentlich räsoniert: "Es fehlt an Qualität in der Abwehr." Da mag er recht haben, aber der Kapitän sagt damit, dass einige Kollegen zu schwach sind.

Auch sein Argumentieren, er würde sich nach dem Abgang von Josip Simunic wohler fühlen, wenn es einen größeren Verteidiger als ihn (1,85 m) gäbe, kommt nicht gut an. Ebenso wenig, wenn er sagt, dass "die ganze Mannschaft verunsichert ist". Und auf die Frage, was zu verbessern sei, antwortet: "Alles." Bei der sportlichen Leitung um Manager Michael Preetz und Trainer Lucien Favre runzeln sie die Stirn. Friedrich kommt wehleidig und selbstgerecht rüber.

Was Hertha indessen in der kritischen Phase benötigt, ist ein Leitwolf. Einer, der die Kollegen führt. Da liegt nun das nächste Problem. Das Vertrauensverhältnis zwischen Friedrich und Trainer Favre ist, vorsichtig formuliert, schwer angeschlagen. Auch wenn beide Seiten beteuern, die Angelegenheit mit dem 33. und 34. Spieltag der Vorsaison sei ausgestanden: Richtig ist das Gegenteil. Seitdem Friedrich in den Schlüsselpartien gegen Schalke (0:0) und den KSC (0:4) nur auf die Bank gesetzt worden war, ist die Basis dahin.

Doch nun brauchen sich beide gegenseitig. Favre braucht einen starken Friedrich, der die labile Mannschaft zusammenhält. Friedrich muss vorangehen, damit die Mannschaft wieder gewinnt. Nur Siege beenden die latent im Raum stehende Trainer-Diskussion. Und Friedrich braucht einen Trainer, der ihn aufstellt. In der Nationalelf kämpft Friedrich um seinen Einsatz, am 10. Oktober steht das entscheidende WM-Qualifikationsspiel in Russland an.

Sein übergeordnetes Ziel heißt, den Sprung in den 22er-Kader für die WM 2010 zu schaffen. Dafür muss er in seinem Heimatklub regelmäßig Leistungen bringen. Chef einer Abwehr zu sein, die über Monate im Abstiegskampf steckt und viele Gegentore kassiert, so ein Szenario schadet Friedrich. Diesen Hebel hat Hertha. Aber es ist der einzige. Finanziell hat Friedrich ausgesorgt. Er ist mit einem Jahresgehalt von über drei Millionen Euro der Topverdiener im Team. Sein Vertrag läuft bis 2012 - mit der Option für ein weiteres Jahr.


Der Manndecker ist kein Effenberg, der notfalls einen Trainer über die Klinge springen lässt, um sich durchzusetzen. Man darf nach dem verpatzten Saisonstart und dem Fall auf den letzten Platz gespannt sein, ob der Trainer und sein Star die Kurve bekommen, um vernünftig im Sinne des Klubs zu arbeiten. Unter der Woche wurde viel geredet bei Hertha: Favre mit Friedrich, Preetz mit Friedrich, Friedrich mit den Schlüsselspielern. Mit dem einen oder anderen ist der Kapitän essen gegangen.

Heute gegen Aufsteiger Freiburg steht er wieder in der Innenverteidigung. Da Hertha es aber seit zwei Saisons versäumt hat, einen starken rechten Außenverteidiger zu holen, ist Friedrich immer noch der beste Spieler für diese Position. Schon im DFB-Pokalspiel am Mittwoch bei 1860 München kann es sein, dass der Trainer seinen Routinier bittet, zum Wohle des Ganzen auf der rechten Seite zu helfen. Und ist Friedrich nun ein echter Kapitän? Das wird sich daran zeigen, wie er die Mannschaft durch diese Krise führt.