Sein gegenwärtiger Status muss Artur Wichniarek schmeicheln. Der Rücken schmerzt unverändert, das ja. Doch weil dennoch Aussicht besteht, dass er im Play-off-Rückspiel von Hertha BSC in der Europa League gegen Bröndby IF heute (18.15 Uhr, DSF live) mitspielen kann, wird Wichniarek die seltene Rolle als Hoffnungsträger zuteil - wann hat es das in Berlin schon mal gegeben.

Zumal, da der stürmende Pole auch bei seinem zweiten Anlauf im Hertha-Trikot eine noch recht übersichtliche Bilanz vorzuweisen hat: Vier Spiele, null Tore.

Am Mittwoch konnte der 32-Jährige wegen der anhaltenden Beschwerden wieder nicht mit der Mannschaft trainieren, sondern weiter nur ein Spezialprogramm absolvieren. Die Probleme rühren von einer im Hinspiel erlittenen Blockade im Rücken. Erst unmittelbar vor Spielbeginn wird Klarheit herrschen, ob Wichniarek im Schicksalsspiel gegen den zehnfachen dänischen Meister dabei sein kann. Hertha muss das Spiel gewinnen, unbedingt. Und je höher der Sieg, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der angestrebte Einzug in die Gruppenphase des Uefa-Cup-Nachfolgers gelingt. Es wäre ein Erfolg hinsichtlich Prestige und Erfahrung. "Dort können wir auf Top-Teams treffen. Das wäre für die Entwicklung der Mannschaft sehr wichtig", sagt Favre.

Auch die finanzielle Komponente ist für einen klammen Klub wie Hertha verlockend. Immerhin 600.000 Euro beträgt die Bonuszahlung der Uefa für das Überstehen der Play-off-Runde. In der Gruppenphase gibt es allein 300.000 Euro an Antrittsprämien. Jeder Sieg in den sechs Spielen ist 120.000 Euro, jedes Remis noch 50.000 Euro wert. Noch nicht eingerechnet in diese - im Idealfall - rund 1,5 Millionen sind Einnahmen aus Ticketverkäufen, Marketing und der seit diesem Jahr zentral gesteuerten TV-Verwertung.

Es geht um viel, viel Geld. Dazu fehlt: ein Sieg. Doch wer schießt die Tore? Trainer Lucien Favre wünscht sich Wichniarek wenigstens auf der Bank; einfach, um je nach Bedarf eine zusätzliche Option zu haben. Von Beginn an scheint für die zentrale Stelle im Angriff derweil Valeri Domovchiyski (23) gebucht. Dessen Geschichte erzählt im Kleinen die von Hertha im Gesamten. Der Bulgare steht symbolisch für die Situation des Klubs: Er hat Qualitäten - aber reicht es für die Europa League?

Die Frage ist rhetorischer Natur, ein Nein darf es nicht geben. An Domovchiyskis Torinstinkt hängt Herthas Hoffnung für das internationale Geschäft. Dass er in brenzliger Lage treffen kann, hat der Stürmer schon bewiesen. In der Verlängerung der Erstrundenpartie gegen Regionalligist Preußen Münster ersparte er Hertha in der Schlussminute ein Elfmeterschießen. Fast noch wichtiger war aufgrund der speziellen Europapokal-Arithmetik womöglich sein Auswärtstor beim 1:2 im Hinspiel gegen Bröndby. Denn dieses Ergebnis lässt Hertha nach dem Rückspiel gegen Kopenhagen schon bei einem 1:0 in die Gruppenphase einziehen.

Domovchiyski kann es also - genau dieses Theoretische hat bei Hertha dieser Tage System. Sie können es, alle; sie müssen es nur einmal kollektiv auf den Punkt bringen. Verteidiger Marc Stein weist den Weg in die Gruppenphase: "Ein Tor schießen, hinten zu null stehen. Fertig." Vorne treffen, hinten ohne Gegentor verteidigen - es könnte in der Tat so einfach sein. Doch so viel Zuversicht steht die Realität entgegen. Inklusive der Testspiele (acht/elf Gegentore) haben die Berliner in 13 Partien dieser Saison schon 17 Gegentore kassiert; selbst deutlich unterklassige Konkurrenz kam gegen Hertha meist zu Toren.

Zuletzt drei Niederlagen binnen sieben Tagen gegen Borussia Mönchengladbach, Bröndby (beide 1:2) und zuletzt VfL Bochum (0:1) haben das ohnehin fragile Gebilde weiter beschädigt. Schon prophezeien Experten wie TV-Analyst Lars Ricken: "So eine Saison wie die vergangene wird Berlin nicht noch mal spielen. Ich befürchte, dass Hertha farblos im Mittelmaß verschwinden wird."

Sie wüssten alle, sagt Kapitän Arne Friedrich kleinlaut, "dass wir bisher nicht das gespielt haben, was wir uns jeweils vorgenommen hatten." Daraus folgt die Frage: Fehlt, wie Friedrich und sein Kapitänsstellvertreter Jaroslav Drobny beklagt haben, Qualität? Oder ist es vielmehr so, wie Michael Preetz, einst selbst Profi und seit dieser Saison Geschäftsführer, moniert: "Alles zu geben, ist keine Frage von Qualität, sondern der Einstellung. Bei totaler Einsatzbereitschaft kommt der Erfolg zurück."

Gegen Bröndby fordert Preetz von der Mannschaft, "dass sie sich in diese Aufgabe hineinfrisst. Ein probates Mittel, um uns zu befreien, ist Präsenz auf dem Platz, die totale Hingabe und Einsatzbereitschaft." Die Worte scheinen wohl gewählt, denn nicht zufällig waren es genannte Attribute, die Hertha auf dem Platz zuletzt vermissen ließ. Heute können sie es besser machen. Nein, sie müssen.