Hertha gegen Union

René Unglaube erinnert sich an sein großes Spiel

Die Wiedervereinigung hat auch auf dem Fußballfeld stattgefunden. Am 27. Januar 1990 spielte Blau-Weiß das erste mal gegen Rot-Weiß. Am Mittwoch begegnen sich Hertha und Union erneut - in der frisch renovierten Alten Försterei. René Unglaube war beim ersten Spiel dabei. Er erinnert sich an die "wahnsinnige, verrückte Zeit" vor 20 Jahren.

Foto: Christian Hahn

Eigentlich war es sein Spiel. Dabei stand er gar nicht im Mittelpunkt. Das tat keiner der 22 Akteure auf dem Rasen. Weder die von Hertha BSC noch die des 1. FC Union. In jenen ersten Wochen nach dem Fall der Mauer versuchten Berlin West und Berlin Ost immer noch erst zu verstehen, welch historisches Ereignis sich an jenem 9. November 1989 zugetragen hatte. "Es war eine wahnsinnige, eine verrückte Zeit", erinnert sich Rene Unglaube an den letzten Winter in einem geteilten Deutschland.

Er zählte zu den Protagonisten dieses Wiedervereinigungsspiels zwischen Hertha und Union, dessen aktuelle Teams am Mittwoch im Eröffnungsspiel des sanierten Stadions an der Alten Försterei sich erneut in einem historischen Spiel gegenüberstehen (20.30 Uhr, RBB live). Unglaube verkörperte wie kaum ein anderer zum damaligen Zeitpunkt den Gedanken dieser ersten Begegnung zwischen Blau-Weiß und Rot-Weiß im Olympiastadion, die alles andere als ein normales Fußballspiel gewesen ist. Noch heute bekommt er eine Gänsehaut, wenn er an diese Tage zurückdenkt. Er, der im Ostteil der Stadt das Fußballspielen erlernte und im Westteil Profi wurde. "Überall herrschte große Euphorie, natürlich auch im Stadion", erzählt Unglaube. Alles wirkte immer noch unwirklich, wie ein Traum, aus dem man nie wieder aufwachen will, von dem man jedoch befürchtet, dass er gleich wieder vorbei ist.

Ein in Erfüllung gegangener Traum

Dass Unglaube in jener 76. Minute nun am Spielfeldrand stand, im Trikot von Hertha BSC und bereit, eingewechselt zu werden - das war am 27. Januar 1990 Realität. Ein in Erfüllung gegangener Traum für den damals 24-Jährigen, der beim 1. FC Union seine ersten Schritte auf dem Fußballplatz gemacht hatte. "Ich habe mit sieben Jahren dort erstmals trainiert, habe bei Union den Großteil meines fußballerischen Lebens verbracht", erzählt Unglaube. Sämtliche Jugendmannschaften durchlief er bei den Köpenickern, die von Staats wegen immer im Schatten des Erzrivalen BFC Dynamo gestanden hatten. Schon damals seien die Union-Fans so gewesen, wie sie auch heute noch sind. "Positiv verrückt trifft es am besten, glaube ich", sagt Unglaube. Als die Armee rief, musste er im November 1988 seinen Heimatklub in Richtung Frankfurt (Oder) verlassen. Berlin hatte der Stürmer jedoch nie aus den Augen verloren, auch den Fußball nicht - schon gar nicht den im Westen. "Bundesliga-Fußball war in der DDR etwas ganz Besonderes", gerät Unglaube heute noch ins Schwärmen. Bundesliga-Fußball - das war in Berlin Hertha BSC; wenn auch zur Wendezeit nur zweitklassig.

Als Unglaube am 24. September 1989 für den FC Vorwärts Frankfurt gegen Motor Schönebeck auflief, ahnte er längst noch nicht, dass dies sein letzter Auftritt für die Oderstädter sein sollte. Ebenso wie niemand in beiden deutschen Staaten daran dachte, dass der Anfang vom Ende der Teilung nur noch wenige Tage entfernt liegen sollte. Also tat Unglaube am 9. November, dem Tag, der alles in Deutschland veränderte, das, was so viele DDR-Bürger in dieser Donnerstagnacht getan haben: "Ich habe mich einfach ins Auto gesetzt und bin nach Berlin gefahren. Von Frankfurt aus ist das ja nicht so weit."

An Fußball verschwendete der heute 43-jährige Reiseverkehrskaufmann damals, als er den Grenzübergang Bornholmer Straße passierte, keinen Gedanken: "Ich bin einfach im Westteil ein wenig herumgefahren und habe mir alles genau angesehen. Wie sicherlich viele andere auch dachte ich, dass die Grenze bald wieder dicht gemacht wird." Sie blieb offen. Und Unglaubes Traum von der Bundesliga war greifbar nahe. "Die Möglichkeit, in der Bundesliga spielen zu können, noch dazu in Berlin - das war sicherlich das Highlight meiner Karriere", sagt er im Hinblick auf das Hertha-Interesse an ihm.

Kruse ging, Unglaube kam

Da stand er nun, in jener 76. Minute, und wurde vor 51 270 Zuschauern im Olympiastadion für den Torschützen Axel Kruse eingewechselt. Noch dazu gegen seine ehemaligen Teamkollegen aus Köpenick, die 1:2 unterlagen.

Ressentiments von Seiten der Unioner ob des "Rübermachens"? "Gab es nicht", erklärt Unglaube, "die Freude über die Ereignisse stand im Vordergrund." Wenige Monate später stieg er mit Hertha in die Bundesliga auf. Es folgten Wechsel zu Wattenscheid 09 und Tennis Borussia, ehe er 1994 nach zwei Kreuzbandrissen seine Karriere beendete. Den Weg beider Berliner Klubs verfolgt er bis heute: "Union hat erstmals eine richtige Perspektive, und auch Hertha hat vergangene Saison eine super Entwicklung genommen." Einen Eindruck von beiden Mannschaften wird er sich am Mittwoch in der Alten Försterei holen. Union gegen Hertha - das ist nun mal sein Spiel.

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