Sie waren verrufen. Die Schmähung als „Tretertruppe“ machte die Runde, wenn in der Fußballrepublik von der U17 im Trikot von Hertha BSC die Rede war. Die meisten Gelben und Gelb-Roten Karten wegen Foulspiels aller drei Bundesliga-Staffeln vereinten Berlins junge Kicker noch in der Hinrunde der laufenden Saison auf sich, Trainer Thomas Krücken platzte da bald der Kragen.
Wie das Bild sich gewandelt hat: Weniger Fouls infolge besserer, weil mit fairen Methoden erfolgter Balleroberung mündeten in spielerische Dominanz – und Siege, reichlich Siege. Acht sind es derzeit in Serie. Ein Gegentor gestatteten Herthas B-Jugendliche in diesem Zeitraum der Konkurrenz, „und nur drei in der gesamten Rückrunde“, erzählt Krücken stolz. Längst spricht die Konkurrenz ehrfurchtsvoll über seine Mannschaft, die das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft so gut wie erreicht hat. Einen Spieltag vor Ende der Punkterunde beträgt der Vorsprung auf den Zweiten, Wolfsburg, drei Punkte und zwölf Tore.
Lehren ziehen für das Profileben
Am Sonntag (11 Uhr), beim Hamburger SV, „wollen wir unseren Lauf fortsetzen“, sagt Krücken, der fest daran glaubt, dass es auch so kommen wird: „Durch ihre Resultate und Leistungen der vergangenen Wochen haben die Jungs immenses Selbstbewusstsein aufgebaut.“ Krücken ist der Architekt des Erfolges; eines Erfolges, dessen Ausmaße sich noch nicht vollends definieren lassen. Mit voller Konzentration und dank höchster körperlicher Fitness und taktischer Disziplin habe sein Team „etwas erreicht, das ich in dieser Form niemals prognostiziert hätte“, sagt Krücken. Aus dem nun Folgenden sollen seine talentierten Nachwuchsspieler einerseits Genuss, aber auch Lehren für das spätere (Profi-)Leben ziehen. Sie könnten sich „auf besondere Momente freuen“, sagt Krücken, müssten bei „vier Teams auf Augenhöhe“ aber auch darauf gefasst sein, stärker als im Punktspiel-Alltag gegen Widerstände ankämpfen zu müssen. Gerade das, sagt Krücken, sei wichtig für die Ausbildung der Spieler: „Nur wer unter Druck seine Leistung abrufen kann, entwickelt die Siegermentalität, die es braucht, um sich im Profigeschäft durchzusetzen.“ Vor zwei Jahren scheiterte Krücken im Halbfinale noch an Hoffenheim (1:2), diesmal soll der Weg nicht vorzeitig enden.
Nach der Teilnahme der U19 am Endspiel des DFB-Junioren-Pokal bedeute nun der Vorstoß des nächst jüngeren Jahrganges „eine weitere Aufwertung für unsere Arbeit im Nachwuchsbereich“, sagt Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz. Die Saison der B-Jugend bewertet er schon jetzt als erfolgreich, „und natürlich hoffen wir, dass sie das ganz große Ding schaffen. Denn egal welche Mannschaft, egal welche Altersklasse – Erfolg misst sich am leichtesten immer an Titeln.“
Umso bizarrer mutet es an, dass die nun noch folgenden Spiele Krückens Abschiedsvorstellung bei Hertha werden. Dabei wurde er erst vor drei Jahren geholt, um Herthas kickenden Nachwuchs auf den nächsten Level zu heben. Als Referenz brachte Krücken erfolgreiche Jahre beim 1. FC Köln mit, dessen Jugendarbeit durch seine Tätigkeit auch heute noch einen guten Ruf genießt. Inzwischen schloss er sogar die Ausbildung zum Fußballlehrer als Zweitbester seines Jahrgangs ab (vor Markus Babbel, dem neuen Trainer der Hertha-Profis). Trotzdem wurden beide Seiten sich nicht einig über eine weitere Zusammenarbeit. Preetz sagt, er habe dem 32-Jährigen „zugesagt, dass wir ihn in exponierter, aber veränderter Position weiterbeschäftigen wollen“. Dies in erster Linie, weil kommende Saison Andreas Thom die B-Jugend trainieren soll. Aber auch, weil Krückens neues Tätigkeitsfeld, so Preetz, „seine Stärken im konzeptionellen Bereich, dem Coaching der Trainer und der Überwachung von Trainingsinhalten“ stärker hätte betonen sollen.
Wo – das betonen beide Seiten – ausdrücklich nicht finanzielle Aspekte der Grund für die Trennung sind, klingt stattdessen der Vorwurf an, Krücken habe das Maß an ihm zugewiesenen Befugnissen nicht ausgereicht. Dem widerspricht der 32-Jährige heftig. „Liebend gern“, sagt er, wäre er bei Hertha und in Berlin geblieben, schon auch aus privaten Gründen. Doch sei mit ihm „nie konkret an einem Tisch geredet“ und „kein Anforderungsprofil und kein konkretes Tätigkeitsfeld“ übermittelt worden.
So habe es ihm an der Perspektive gefehlt, sagt Krücken: „Erfolgreiche Nachwuchsarbeit lässt sich auf Dauer nur in einer funktionierenden Gesamtkonzeption gewährleisten.“ Diese seine Konzeption wird er nun andernorts einbringen, „als Leiter einer Fußballakademie“, sagt er. Wo die beheimatet ist, will Krücken nicht verraten, doch längst ist es ein offenes Geheimnis: knapp 180 Kilometer weiter südwestlich, auf dem Vereinsgelände des aufstrebenden RB Leipzig.
Mitarbeit: ub


