Der Überraschungsgast kam als Erstes - und bestimmte die Stimmung des Abends. Kurzfristig hatte sich Markus Babbel (37) entschlossen, bei der Veranstaltung "Hertha im Dialog" vor die Mitglieder zu treten. Der neue Trainer zog die 920 Anwesenden im ICC sofort auf seine Seite.

Seine ersten Sätze lauteten: "Ich musste in diese Stadt kommen. Ich habe hier als Spieler permanent auf den Sack bekommen." Heiterkeit im Publikum. "Ich will endlich einmal diese tolle Ostkurve hinter mir haben und nicht gegen mich. Ich bin stolz, Trainer von Hertha BSC zu sein." Tosender Applaus, der ehemalige Profi vom FC Bayern und dem VfB Stuttgart kam sofort an. Der Bundesliga-Absteiger hatte ein Experiment gewagt - und war wohl selbst erstaunt, wie sich der Abend entwickelte. Zwei Wochen vor der regulären Mitgliederversammlung am 31. Mai wollte der künftige Zweitligist Gelegenheit geben, alle Fragen zum Abstieg und zur Perspektive los zu werden.

Wer beißende Kritik erwartet hatte, turbulente und lautstarke Diskussionen, vielleicht sogar Tumulte, wurde enttäuscht. Axel Kruse, der ehemalige Hertha-Profi, moderierte einen bei allen Emotionen ruhigen Abend. Die Bitterkeit des Abstieges, der seit drei Wochen feststeht, scheint etwas gewichen.

Es gab lediglich ein Mitglied, Michael Genschow, das Präsident Werner Gegenbauer zum Rücktritt aufforderte. Gegenbauer bekam viel Beifall für seine Antwort: "Die Mitglieder wählen das Präsidium. Wenn sie es wieder loswerden wollen, gibt es ein Instrument, das sind Abwahlanträge. Und eines verspreche ich Ihnen: Man ist nicht Präsident von Hertha, um sich vom Acker zu machen, sobald die Sonne nicht mehr scheint."

Als Gründe für den unerwarteten Abstieg führten die Verantwortlichen einen ganzen Strauß an Gründen an. Sportlich verwies Manager Michael Preetz auf das Schlüsselspiel in Mainz, das Hertha trotz einer 1:0-Führung 1:2 verlor: "Da ist in den Köpfen der Spieler etwas passiert. Große Verunsicherung. Das ist Aufgabe des Cheftrainers dagegen zu steuern, voranzugehen, Optimismus zu verbreiten. Wir mussten jedoch erleben, dass Lucien Favre das nicht konnte. Deshalb haben wir uns zu einer Entlassung entschlossen."

Präsident Gegenbauer räumte ein, die Folgen des Abganges von Ex-Manager Dieter Hoeneß unterschätzt zu haben. "Wir haben unterschätzt, dass der Generationswechsel in der Geschäftsführung für mehr Irritationen gesorgt hat. Es gab einige Mitarbeiter, deren Loyalität weniger Hertha BSC als dem ausgeschiedenen Geschäftsführer gegolten hat." Die Entlassung von Hoeneß sei unumgänglich gewesen. Hertha und der ehemalige Manager hatten sich nicht auf den Verlauf von dessen letztem Vertragsjahr einigen können. Und: "Ein Verein gehört niemandem. Wenn da bei jemanden die Grenzen verschwimmen, ob das nicht alles einem gehört, dann muss man eingreifen."

Mehr Interesse herrschte bei Fragen, die die Zukunft betreffen. So sorgte Finanzchef Ingo Schiller für Erleichterung mit seiner Aussage: "Die Lizenz für die Saison 2010/11 ist sicher. Wir sind für die gesamte Saison durchfinanziert ohne einen Euro aus Transfererlösen, Genussscheinen oder anderen Quellen." Hertha plant das Abenteuer Zweite Liga mit einem Umsatz von 30 Millionen Euro. Das ist weniger als die Hälfte des vergangenen Erstliga-Haushalts - dennoch wird der Hauptstadt-Klub das höchste Zweitliga-Budget haben.

Hertha will im Olympiastadion

Apropos Hauptstadt: Ein Fragesteller wollte wissen, wie Hertha damit umgehen werde, nicht mehr der einzige Klub aus Berlin zu sein, sondern mit dem 1. FC Union einen Rivalen zu haben. Manager Michael Preetz antwortete knapp: "Wir werden das kollegial angehen mit dem 1. FC Union. Und sportlich wollen wir zweimal drei Punkte."

Auch Befürchtungen, dass der ehemalige Erstligist aus Kostengründen in den Jahnsportpark umziehen werde, wurden ausgeräumt. Gegenbauer: "Die Spielstätte von Hertha BSC ist und bleibt das Olympiastadion. Wir müssen es nur gemeinsam voll machen."

Im sportlichen Teil verwies Manager Preetz darauf, dass die Verpflichtung von Markus Babbel ein deutliches Signal sei, künftig den Nachwuchs mehr zu berücksichtigen. Auf der Torwart-Position wollte Preetz noch nicht verraten, wer zwischen den Pfosten steht. "Nur soviel: Gerhard Tremmel wird es nicht sein" - ein Bekenntnis, das mit Johlen goutiert wurde. Tremmel hatte sich vor zwei Jahren nach einem Sieg von Energie Cottbus hämisch über seinen ehemaligen Arbeitgeber in Berlin geäußert. Die Hertha-Mitglieder haben ihm das nicht vergessen (mehr Personalien siehe Infokasten).

Am Ende wollte das Mitglied Heinz Troschitz, der schon mehrfach als Fundamental-Kritiker aufgefallen war, sich mit dem Präsidium auseinandersetzen. Doch die Stimmung im Saal war gegen Troschitz. Als Präsident Gegenbauer die Kritik abschmetterte, erhielt er donnernden Applaus von der Mehrheit des Auditoriums. Troschitz verließ frustriert den Saal.