Jose Mourinho schwört darauf, Louis van Gaal ebenfalls – und Joachim Löw sowieso: auf das System 4-2-3-1, vier Verteidiger, zwei defensive Mittelfeldspieler, drei offensive sowie einen Stürmer. Was für Inter Mailand, Bayern München und die deutsche Nationalmannschaft richtig ist, kann für Hertha BSC nicht falsch sein. Markus Babbel, Neu-Trainer in Berlin, hat sich bei der Mission Wiederaufstieg ebenfalls für diese Taktik entschieden. Hertha-Manager Michael Preetz bestätigte der Morgenpost die künftige Marschroute: „Wir brauchen eine offensive Ausrichtung, weil wir in der Zweiten Liga gegen fast alle Mannschaften das Spiel machen müssen. Und dieses System ist offensiv.“
Damit verabschiedet sich Hertha von den Systemen, die Babbels Vorgänger spielen ließen: Lucien Favre griff bevorzugt auf ein 4-4-2 zurück, mit zwei defensiven Mittelfeldspielern, der sogenannten Doppel-Sechs. Friedhelm Funkel favorisierte in der Rückrunde die Mittelfeld-Raute mit nur einem „Sechser“, Fabian Lustenberger, und einem „Zehner“, den Raffael gab. Babbel wählt die derzeit modernste Taktik, die indessen seinem Team einiges abverlangt.
Wirklich? Am Stammtisch wird der eine oder andere Fan müde abwinken: Ein Angreifer, was soll der Angsthasen-Fußball? Frank Wormuth, beim Deutschen Fußball-Bund der oberste Ausbilder aller deutschen Fußballlehrer, widerspricht: „Das ist ein offensives System, weil man mit dem Keilstürmer, den beiden Außen sowie dem offensiven Mittelfeldspieler vier Spieler in der torgefährlichen Zone hat.“
Die Vorteile dieser Taktik haben Inter und der FC Bayern in der vergangenen Saison eindrucksvoll demonstriert. Es braucht zwei dribbelstarke, durchsetzungsfähige Außen. Gern besetzt man die Positionen jeweils mit dem „verkehrten“ Fuß. So spielt Linksfuß Arjen Robben auf der rechten Bahn, Rechtsfuß Ribery auf links. Bei Hertha ist für die rechte Seite Adrian Ramos vorgesehen; dort kam er vergangene Saison schon unter Ex-Trainer Friedhelm Funkel zum Einsatz. In der kolumbianischen Nationalmannschaft spielt er diese Rolle auf links. Ebendort wird künftig Ronny, neu von Sporting Lissabon, aufgeboten. Die zentrale Position in der Mitte ist für dessen Bruder Raffael vorgesehen.
Nicht nur Stärken in der Offensive
Auf der Suche ist Hertha bei der Schlüsselposition im Sturm. Ramos und Valeri Domovchiyski können dort spielen, aber die sportliche Leitung will hier eine Verstärkung. Ideal hat sie Inters Diego Milito im Finale der Champions League interpretiert: laufstark, dribbelstark und pfeilschnell.
Das 4-2-3-1 hat nicht nur Vorteile in der Offensive. In der Defensive haben die Bayern oft die Stärken dieses Systems ausgespielt: Thomas Müller und Ivica Olic attackieren vorbildlich die Innenverteidiger und „Doppel-Sechser“ vom Gegner, so dass deren Spielaufbau erschwert wird.
Noch besser war nur Inter, wo die beiden Außenstürmer bei Ballbesitz des Gegners bis auf zehn Meter zurück zu ihren Außenverteidigern rücken. Die Folge sind Champions-League-Spiele der Mailänder wie gegen den FC Barcelona und den FC Bayern. Die haben dann jeweils 75 Prozent Ballbesitz, spielen wie eine Handballmannschaft vor dem Kreis, kommen aber partout nicht in die torgefährliche Zone von Inter. Spielen sie dennoch dort hinein, stürzen sofort drei Mailänder auf den Gegner, so dass der Ball kaum noch sinnvoll zu verwerten ist.
Fitness und Laufstärke gefragt
Ob bei Hertha in Liga zwei Ramos und Ronny diese extreme Laufbereitschaft aufbringen, bleibt abzuwarten. Eine Voraussetzung, um dieses System zu spielen, ist eine außerordentliche Fitness der gesamten Mannschaft. Bei eigenem Ballbesitz muss die Vierer-Abwehrkette mit aufrücken, ebenso wie umgekehrt die Stürmer nach hinten zu arbeiten haben. „Man braucht brutal laufstarke Spieler, weil ständig alle Spieler daran arbeiten müssen, den Raum eng zu halten“, sagt DFB-Ausbilder Wormuth. Dann ist Geschwindigkeit eine Waffe. Hier setzt der Bundesliga-Absteiger auf die Qualitäten von Raffael, Ramos und des noch zu findenden Stürmers.
In der Premier League spielen der FC Chelsea, der FC Arsenal und Manchester United dieses System, Spanien hat damit die Europameisterschaft 2008 dominiert. Natürlich birgt diese Taktik auch Schwächen. Wenn der Gegner mit Spielverlagerungen arbeitet – sei es mit raschen Seitenwechseln oder weiten Diagonalpässen – und schnelle, ballsichere Spieler hat, gerät das ganze System ins Wanken. Die nötige Stabilität wird Babbel den Seinen ab 5. Juli aneignen.


