Morgenpost Online: Herr Friedrich, auf dem Weg zur WM sind bereits vier Spieler verletzt ausgefallen. Wie viele Rückschläge kann das Team überhaupt noch verkraften?
Arne Friedrich: Für die Spieler, die es getroffen hat, ist es bitter. Doch anderen Nationen geht es ja ähnlich. Wer weiß – wenn man das so sagen darf – für was es am Ende gut ist. Es klingt banal: Aber wir, die jetzt noch da sind, müssen noch enger zusammenrücken. Wir müssen die Ausfälle jetzt hinnehmen. Auch wenn mit Michael Ballack zum Beispiel jemand fehlt, der auf dem Platz allein durch seine Präsenz großen Respekt beim Gegner erzeugt hätte. Ich hoffe jedoch, wir fangen das alle mit unserem Teamgeist auf.
Morgenpost Online: Geht das so leicht, wie Sie das sagen?
Friedrich: Leicht ist es nicht. Aber mit Teamgeist funktioniert das wirklich. Wir sind eine Mannschaft, in der die Spieler zusammenhalten und keiner erst an sich denkt und dann an das große Ganze. Ich spüre, dass wir eine Einheit sind.
Morgenpost Online: Wie wird der Teamgeist gefördert?
Friedrich: Das sind Kleinigkeiten. Sei es, dass wir nach dem Training, wenn wir gut gearbeitet haben, einen Kreis bilden und uns mit kleinen Parolen auf die Geschichte laut einschwören.
Morgenpost Online: Das erinnert an die Zeit vor der WM 2006, als David Odonkor nach einem Training in den Kreis ging und schrie: „Wir sind“ – und der Rest antwortete: „ein Team“.
Friedrich: Ja, so ungefähr darf man sich das vorstellen. Aber es sind auch andere Dinge. Wenn etwa Außenstehende zu uns sprechen, wie kürzlich der Rugby-Spieler aus Neuseeland. Da ist auch mal von Gegenwind die Rede, der kommen kann, durch den wir uns aber nicht vom Ziel abbringen lassen sollten. Ich habe grundsätzlich ein gutes Gefühl. Da wir Qualität haben, die Rahmenbedingungen perfekt sind und wir als Gruppe funktionieren.
Morgenpost Online: Letzteres scheint wichtig, da Sie in Südafrika möglicherweise bis zu fünf Wochen auf einer Hotelanlage in der Abgeschiedenheit miteinander auskommen müssten.
Friedrich: Da ist jeder Einzelne gefragt, seinen Teil dazu beizutragen, dass es gut klappt.
Morgenpost Online: Haben Sie Angst vor einem Lagerkoller?
Friedrich: Nein. Natürlich wird mal der Punkt kommen, wo es sich etwas zäh anfühlt. Aber das ist immer so bei einem Turnier. Nur der Punkt ist noch weit entfernt.
Morgenpost Online: Die deutsche Mannschaft ist sehr jung. Ist das ein Nachteil oder liegt darin auch eine Chance?
Friedrich: Natürlich spielt bei einer WM die Erfahrung eine große Rolle. Aber der frische Wind, der durch die Jungen in die Mannschaft kommt, kann auch positive Wirkung haben.
Morgenpost Online: Es sind aber auch Spieler dabei, die größtenteils keine gute Saison gespielt haben. Neben Lukas Podolski, Miroslav Klose und Mario Gomez zählen auch Sie dazu. Sie sind mit Hertha BSC abgestiegen.
Friedrich: Die Saison war nicht einfach für mich. Ich habe auf dem Platz und außerhalb des Platzes viele Rückschläge erlitten. Gleichzeitig habe ich viel gelernt. Man mag es mir vielleicht nicht abnehmen: Ich fühle mich im Moment sehr stark - mental und körperlich.
Morgenpost Online: Verstehen Sie das nicht falsch: Aber wie fühlt man sich als Absteiger in einem WM-Kader?
Friedrich: Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Saison ist vorbei. So bitter es auch ist, dass sie mit dem Abstieg geendet hat. Aber das ist Vergangenheit. Ich bin persönlich so weit, dass ich einen Schnitt machen konnte. Mit der WM habe ich jetzt ein neues Ziel vor Augen.
Morgenpost Online: Sie haben gesagt, dass Sie sich stark fühlen. Woher nehmen Sie nach einem Abstieg die Kraft?
Friedrich: Ich habe sicherlich eine harte Zeit durchgemacht und bin viel kritisiert worden. Und zwar nicht nur sportlich, sondern auch persönlich. Aber genau das hat mich am Ende härter gemacht.
Morgenpost Online: Wie sehr hat Sie die Kritik verletzt?
Friedrich: Ich war enttäuscht. Denn gerade in der Rückrunde habe ich eigentlich gut gespielt. Es ist ungerecht, wenn ein Abstieg, für den eine ganze Mannschaft verantwortlich ist, nur an ein, zwei Personen festgemacht wird. In Bezug auf mich war die Kritik teilweise extrem. Das zog sich wie ein roter Faden durch die Saison. Ich musste mich als Ich-AG beschimpfen lassen und nach der Entlassung von Lucien Favre lesen, ich sei der Königsmörder gewesen. Das war unfair, weil es nicht stimmt. Ich kann sagen: Ich habe acht Jahre lang für Hertha mein Bestes gegeben.
Morgenpost Online: Ist das Kapitel Hertha für Sie beendet?
Friedrich: Nein. Es ist ja noch keine Entscheidung über meine Zukunft gefallen.
Morgenpost Online: Könnten Sie sich denn vorstellen zu bleiben?
Friedrich: Wie gesagt, es ist noch alles offen. Aber wenn ich höre, dass die Mitglieder pfeifen, wenn meine Name fällt, so wie kürzlich auf einem Treffen mit den Verantwortlichen, mache ich mir natürlich schon so meine Gedanken.
Morgenpost Online: In Berlin ist Ihr Standing wohl nicht mehr so groß ist, aber dafür beim Bundestrainer. Joachim Löw erwartet von Ihnen, dass Sie mithelfen, die jungen Spieler zu führen.
Friedrich: Ich weiß, dass ich zu den Spielern gehöre, die vorangehen müssen. Das will ich auch und tue ich auch. Ich bin mir meiner Rolle bewusst. Immerhin habe ich bereits 70 Länderspiele absolviert und stehe vor meinem vierten Turnier in Folge. Da habe ich Erfahrungen sammeln können, die ich gut weiter geben kann. Ich werde versuchen, meinen Teil dazu beizutragen, dass wir Erfolg haben.
Morgenpost Online: Bleibt die Frage, auf welcher Position?
Friedrich: An erster Stelle steht die Mannschaft. Deshalb fordere ich nichts ein. Aber ich will natürlich spielen. Ich glaube, dass ich auch ganz gute Chancen habe und hoffe dann, dass ich in der Innenverteidigung spielen kann.
Morgenpost Online: Was trauen Sie der Mannschaft bei der WM zu?
Friedrich: Ich denke, es ist gut, dass wir im Hinblick auf die Favoriten nicht ganz oben auf dem Zettel stehen. Das war 2006 ja nicht anders. Ich bin überzeugt davon, dass wir ein gutes Turnier spielen und weit kommen können. Unsere Gegner wissen, dass sie uns nie unterschätzen dürfen.
Morgenpost Online: Auf Grund der deutschen Tugenden. Hat das junge Team sie schon verinnerlicht?
Friedrich: Ja. Aber wir haben auch spielerisch eine hohe Qualität.




