Als Botschafter, hat man mir gesagt, sollte ich mich nie zu innenpolitischen Angelegenheiten in Deutschland äußern, unabhängig davon, ob es sich um Politik oder Sport handelt. Sogar meine Kinder sagen mir, ich sollte keine Partei ergreifen, vor allem, wenn es darum geht, deutsche Fußballvereine zu unterstützen. Für Hertha BSC werde ich eine Ausnahme machen.
Fußball - oder "soccer", wie wir Amerikaner den Sport nennen - ist für meine Familie und mich eine ganz besondere Leidenschaft. Ich war im Vorstand des US-Fußballverbands und des Organisationskomitees für die Bewerbung für die Fußball-Weltmeisterschaft, ich habe eine Lizenz für Profi-Frauenfußball nach New Jersey gebracht - die Mannschaft heißt Sky Blue - und, was am wichtigsten ist, alle Murphys spielen mehr oder weniger intensiv Fußball.
Wenn ich mit meiner Familie durch Deutschland reise, versuche ich, so viele Fußballspiele an so vielen verschiedenen Orten wie möglich zu sehen. Wie es sich für einen guten Diplomaten gehört, habe ich mir und meinen Kindern versprochen, immer die jeweilige Heimatmannschaft anzufeuern, egal, wo wir gerade sind. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich mich Hertha BSC besonders verbunden fühle.
Hertha hat oft großen Fußball gespielt
Seit wir Ende August 2009 in Deutschland angekommen sind, hat meine Familie viele Hertha-Spiele besucht. Hertha hat oft großartigen Fußball gespielt. Das Spiel gegen Wolfsburg zum Beispiel vermittelte einen flüchtigen Eindruck davon, wie gut Hertha sein kann. Wenn Hertha nur in ein paar Spielen mehr so gut gespielt hätte wie gegen Wolfsburg, wäre sie nicht abgestiegen, und wenn sie die ganze Saison über so gespielt hätte, würde sie in der nächsten Saison in Europa mitspielen.
Aber, auch wenn das für den Verein und für Berlin schmerzhaft ist, Hertha wird die nächste Saison in der zweiten Liga spielen. Wie wird Berlin, wie werden die Hertha-Fans damit umgehen, nicht mehr bei dem mitzumischen, was wir Amerikaner "major league soccer" nennen?
In Amerika ist Fußball eine zu junge Sportart, als dass man sie als Beispiel verwenden könnte, aber ich kann es anhand einer anderen Sportart veranschaulichen, für die mein Herz schlägt: Baseball.
Ich bin im baseball-verrückten Neu-England aufgewachsen. Die Mannschaft meiner Heimatstadt sind die Boston Red Sox. Die Red Sox wurden 1901 gegründet und waren von Anfang an eine starke Mannschaft, die zwischen 1903 und 1918 fünfmal die jährlich stattfindende Baseball-Meisterschaft der Major League in den Vereinigten Staaten gewann, die wir ganz bescheiden die "World Series" nennen. 2007 gewannen sie erneut.
Natürlich ist das nicht dasselbe. Die Red Sox sind nie abgestiegen, sondern spielten die ganze Zeit in derselben Liga. Aber auch sie hatten mit manchen der Herausforderungen zu kämpfen, mit denen Hertha konfrontiert sein wird, wenn sie absteigt: dem Ansehensverlust im Inland und international, dem daraus resultierenden Verlust von Einnahmen aus Werbung, Ticketverkäufen und Sponsorenverträgen, mit den wirtschaftlichen Folgen für die Stadt und ihre Menschen, mit der großen Frustration der Fans.
Die Fans bringen die Mannschaft durch die Krise
Die Boston Red Sox wissen nur zu gut: Wenn eine Mannschaft - finanziell oder anderweitig - in der Krise ist, dann sind es die Fans, die sie da durchbringen. Es war die Loyalität und Hingabe der Fans, die den Red Sox half, die lange Zeit der sportlichen Enttäuschungen und Frustration zu überstehen, und Hertha-Fans in Berlin und anderswo werden der Mannschaft zur Seite stehen und ihr weiterhin den Rücken stärken müssen, damit sie sich neu erfinden und bald wieder zum Erstligafußball zurückkehren kann. Es ist leicht, eine Mannschaft anzufeuern, die gewinnt. Aber ein echter Fan bleibt seiner Mannschaft auch in schwierigen Zeiten treu.
Hertha hatte schon einmal eine Durststrecke und hat wieder zur Höchstform zurückgefunden. Ich rechne fest damit, dass die Mannschaft bald wieder dabei sein wird - und das Glück dieses Augenblicks werden diejenigen am stärksten spüren, die ihrer Mannschaft nie den Rücken gekehrt haben. Meine Familie und ich werden auch in der nächsten Saison bei den Spielen dabei sein - und Sie hoffentlich auch. Wir sehen uns im Stadion - und geben Sie die Hoffnung nicht auf.




