Die „Berliner Freunde“ laden zum Vorzeigen eines ihrer sozialen Projekte. Einladungen von Hertha BSC nehme ich grundsätzlich immer an. Auf dem Weg nach Zehlendorf bellen Plakate: Auf zur Hertha! Auf! Hol! Jäger! Ein Bus kreuzt, die Scheiben mit blau-weißer Werbung beklebt, der Wittenbergplatz ist herthanisch beflaggt. Als bäumten sich alle mietbaren Flecken Westberlins gegen diese miese Sache Abstieg auf.
Vor dem Werkhof Zehlendorf mischen sich Journalisten und Jugendliche. Am Stehpult Ingo Schiller, Hertha-Geschäftsführer, ein Fels von einem Mann, eigentlich unsinkbar steht er da und erklärt den Journalisten sein Sozialvorhaben in einer schmissigen Begrüßungsrede, die meine Fantasie mit „Nehmt Abschied Brüder“ untermalt; doch heute kein Eisberg, Schiller blickt nach vorn: „Berliner Freunde“ kümmert sich um Kiezkicker, um Jugendliche aus sozialen Brennpunkten, um ihre Ausbildung und Weitervermittlung. Sehr gut. Wenigstens hier: Aufstieg sicher. Die Journalisten notieren in ihre Blöcke. Ich habe keinen Block, bin ja kein Journalist. Hinter dem Werkhof-Foyer ist eine Küche.
Am Herd steht ein junger Mann, der namentlich nicht erwähnt werden mag, ich nenne ihn also mal Kevin, muss nämlich an Boateng denken: das Goldkettchen, der Sprech, sie sind sich durchaus ähnlich. Ich traue mich nicht zu fragen, ob er auch aus dem Wedding kommt, aber das ist das erste, was er mir erzählt. Wedding, das heißt was. Hinter „Wedding“ kommt normalerweise ein Punkt.
Der Wohnort Wedding ist ein negatives Schufa-Kriterium, und wer eine Wedding-Postleitzahl in seiner Bewerbung „zu stehen hat“, hat es nicht unbedingt leichter bei den Personalchefs von Niketown und Legoland. Wedding, Punkt.
Kevin steht in der Küche des Werkhof Zehlendorf und kocht Geschnetzeltes. Fleisch schneiden, würzen, braten, alles aus dem Handgelenk. Womit hilft man ihm hier? „Ausbildung, Jobs, Bewerbung und das“, erklärt Kevin, „wie ich mich ausdrücke, wo ich mich bewerben kann. Auftreten. Und so.“ Kevin ist im dritten Lehrjahr, bald wird’s ernst. Hilft ihm die Initiative? Kevin nickt, erklärt das nicht näher, aber er scheint stolz zu sein, dass Hertha BSC einem wie ihm eine Treppe baut, raus, in den ersten Arbeitsmarkt. Sogar mit Hertha-Spielern darf er sprechen, sie stehen Pate, sie sollen ihm Mut machen. Moment, Hertha-Spieler machen Mut? Jetzt? „Ja Mann, die hams ja geschafft, so oder so.“
Merkt man denen nicht an, dass sie gerade selbst so was wie Angst haben? „Nee, die fallen ja nicht so hart, sind aber trotzdem mutig. Ich mein: Geh’ mal ins Olympiastadion und spiel’ als Loser vor 50.000. Das ist hart, ich schwör.“ Klingt nicht nach der Zittertruppe, die man mit Musiktherapie aufbauen muss. In Kevins Augen sind die Profis immer noch Fixsterne. „Uns geht es um Talentförderung“, höre ich Ingo Schiller draußen referieren. „Wir helfen Kiezvereinen bei der Jugendarbeit, wir versuchen, Jugendlichen einen Weg aufzuzeigen.“
Kevin, so viel steht fest, ist ein Kochtalent. Nebenbei kickt er. „Ich bin Experte für Standards, ich schwör“, erklärt er, „Bogenlampen und so.“ Er beschreibt eine Flugbahn mit dem Schneidemesser. Ist er nicht traurig, dass seine Vorbilder so abgestürzt sind? Niedergeschlagen? „Weißnich“, meint Kevin, „ich konzentrier’ mich mehr auf Ausbildung.“ Dann geht er wieder an den Topf. „Für mich“, sagt er, „geht’s um Aufstieg. Ich schwör.“ Die „Berliner Freunde“ funktionieren. Trotz bevorstehender Paderborn-Ausflüge.
Feierabend. Ich gehe noch in die “Henne am Zoo“. Vor Röhrenfernsehern sitzen die, die nicht ins Stadion gehen. Ist ihnen zu viel Halbzeitshow. Teller dampfen, es gibt Gulasch ungarisch mit Salzkartoffeln. Auf den Fernsehern läuft das Spiel in Frankfurt in Endlosschleife. Das 2:2. Das Ende, wie viele gesagt haben. Aber in der Henne kann man sich jedes Spiel dreimal angucken, in der Wiederholung, und bei jeder Wiederholung geht es noch mal bei Minute eins los. Frankfurt hat Elfmeter.
„Verkack’s!“, „Schießn rüber!“, dröhnt es. Und Wahnsinn: Der gegnerische Spieler schießt den Elfmeter auch in der Wiederholung weit über Drobny auf die Ränge. Die Henne jubelt. Ganz vorne sitzen „Zecke“ und „Marcelinho“, Rückennummern 49 und 61 für ihre Geburtsjahre. Zecke und Marcelinho diskutieren darüber, ob die Hertha jetzt eigentlich tot ist. Oder halb- oder vierteltot. Klinisch oder hirntot, im Koma oder wat. „Halb tot gibt’s nicht“, meint Marcelinho. „Dann sind wir ehm nicht tot“, sagt Zecke. Prost. Beide tragen schwere Schals, in die bis zu diesem Spieltag wahrscheinlich literweise Bier geflossen ist. Und Schweiß. Und Tränen. Der Geruch der Schals würde eine Geschichte erzählen von diesem Seuchenjahr. „Wenn du oft genug Pech hast, dann bist du irgendwann doch tot, wie’n Hund, der sieben mal vom Laster überfahren wird“, sagt Marcelinho.
Er heißt eigentlich Rainer. Ich frag’ ihn, wie unsere Chancen stehen, denn rechnerisch... „Hör mir uff mit rechnerisch. Rechnerisch is fürn’ Arsch.“ Rainer ist Kiebitz, also Beobachter, er weiß, in welchem Hotel seine Spieler auswärts in Gelsenkirchen einchecken, wann und warum das Vormittagstraining ausfällt, er kennt Steve von Bergens Geburtstag. Seit zwölf Jahren macht er den „Job“, wie er es nennt, und seine Gedanken schreibt er in ein Hertha-Tagebuch. Seit einer Woche hat er nichts mehr aufgeschrieben. Die Seiten für diese Wochen bleiben leer. Rainer mag das alte Zander-Lied von den Herthafreunden, die Däumchen drücken. Sein Wecker spielt es ihm jeden morgen, dann macht er sich frisch und fährt vom Rathaus Steglitz zum Training. Rainer raucht Menthol, er zündet eine an, zieht und wirft sie von sich. „Jetzt bricht alles weg.“
Warum sollte denn ein Arne bleiben? Was will denn ein Gojko in der Zweiten Liga? Wer soll die Kohlen aus dem Feuer holen? Die Jungen, die Funkel längst abgeschrieben hat? Und wo soll man denn hin mit der Wut, wenn nicht aufs Spielfeld rennen. Rainer ist stehen geblieben, an diesem traurigen Samstag gegen Nürnberg, als seine Sitznachbarn über den Zaun geklettert sind und Bambule gemacht haben. Es kam ihm vor, als würden Familienmitglieder aufeinander losgehen. Er stand da und hat gehofft, das nichts Schlimmeres passiert. Hat geholfen. Aber jetzt? Er sieht’s kommen. 30, wenn nicht 50 Millionen Euro Schulden hat der Verein. „In Berlin kennt man dit.“ Tasmania, Dynamo, TeBe. Abgestiegen, pleite gegangen und durchgereicht bis in die Regionalligen oder tiefer. „2011 spielen wir in der dritten Liga“, sagt Rainer. Er weiß, wie solche Geschichten laufen. Ich will los.
Zuhause fragt mein fünfjähriger Sohn, was das heißen solle – Abstieg? „Fallen wir irgendwo rein? In ein schwarzes Loch? Gehen wir dann unter und kommen nicht mehr hoch? Wo steigen wir denn hin ab?“ Ich überlege. „Sind wir dann für immer weg?“ Ich denke an Kevin bei den „Berliner Freunden“ und sage: „Nein...“ „Wirklich nicht?“ „Nein, sind wir nicht. Wir kommen wieder zurück. Ich schwör.“




