Gut essen gehen, egal, worauf man Appetit hat, kein Problem. Zeitgenössische Kunst, alte Meister, Dinosaurier-Skelette und andere Schätze aus allen Phasen des menschlichen Werdens bestaunen, nur zu. Live-Musik hören, ob auf historischen Instrumenten gespielt oder mit Hilfe Tausender Watt verstärkt – wo soll man eigentlich anfangen?
Berlin ist eben nicht nur Hauptstadt, sondern auch eine Weltstadt. Jeden Tag ist rund um die Uhr für jeden etwas dabei. Noch.
Denn eines hat Berlin bald nicht mehr zu bieten: erstklassigen Fußball. Eine Hauptstadt ohne Spitzenfußball – kaum vorstellbar, aber nach Herthas Abstieg ab der kommenden Saison bittere Realität – ist in Europa einmalig. Weit weg sind jetzt die großen Duelle in der Bundesliga, die Champions League kaum noch sichtbar. Von Helsinki bis Ankara, von Nikosia bis Belfast oder Reykjavik, von Oslo bis Kiew, von Bratislava bis Edinburgh. Die trostlose Bilanz: Weder im Osten, noch im Westen, Süden oder Norden findet sich eine Leidensgenossin, eine Hauptstadt ohne Erstliga-Fußball.
Freunde sehenswerten Fußballs müssen ja nicht gleich von Russlands Metropole Moskau träumen, die gleich sechs Erstligisten in das Rennen um die Meisterschaft schickt. Oder London, wo man mit der Monatskarte zu den Derbys der Premier League zwischen Arsenal, Chelsea, Tottenham Hotspur, FC Fulham oder Westham United fahren kann. Zugegeben, Stadtmeisterschaften wie zwischen Lazio und AS in Rom oder Real und Atletico in Madrid wären schon schön, aber der gebeutelte Berliner würde sich auch mit Verhältnissen wie bei unseren Nachbarn in den Niederlanden zufrieden geben, wo Ajax Amsterdam zwar in der Hauptstadt alleiniger Erstligist, aber dafür eine konstante Größe in den oberen Regionen der Ehrendivision ist.
Wichtiger Wirtschaftsfaktor fehlt
Immerhin gilt international die Formel, dass Erstliga-Fußball einer Hauptstadt nicht nur Glanz und Status gibt. Auch der Wirtschaftsfaktor Fußball ist wichtig. Fans reisen an, beleben die Gastronomie und Hotellerie. In Berlin werden die Einbußen spürbar sein. 60.000 Zuschauer gegen Schalke, Bayern oder Hamburg sind eben etwas anderes als die halbierte Zuschauerzahl gegen Fürth oder Paderborn.
Herthas Fans werden nächste Saison mit ihrem sportlich-herzlichen „Kniet nieder, ihr Bauern, die Hauptstadt ist zu Gast“ durch die Niederungen der Zweiten Liga reisen. Kein wirklich erstklassiges Vergnügen, denn die Gastgeber so zu begrüßen, macht wohl nur in München, Köln, Hamburg, Dortmund und vielleicht noch Stuttgart richtig Spaß.
Abgesehen davon, dass sich die Motivation der Gegner, die ohnehin rustikaler zu Werke gehen als im Oberhaus, dadurch noch einmal steigern dürfte, Gegenwind ist Hertha und der Hauptstadt mit der oftmals großen Klappe gewiss. Auf der Karte der Fußball-Bundesliga ein weißer Fleck zu sein, ist auf der stolzen Brust des Hauptstädters ein tiefschwarzer. Denn „Sportstadt Berlin“ ist ausnahmsweise mal nicht das schlau ausgeheckte Etikett von Werbe-Profis, sondern ein ehrlich verdienter Titel.
Zwei Mal in der Saison Derby im Olympiastadion
Das belegen Studien des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts 2008 und 2009. Danach nimmt Berlin im internationalen Sportstädte-Ranking Platz zwei hinter Melbourne/Australien ein. National ist Berlin die Sportmetropole Nr. 1! Nichts gegen den SC Paderborn 07, Rot-Weiß Oberhausen oder die SpVgg Greuther Fürth, aber es fällt schwer zu glauben, dass eine Stadt, die sich so nennen darf, zukünftig fußballerische Diaspora ist. Ausgerechnet im Fußball wird die Sportmetropole Nr. 1 Niemandsland. Selbst die Aussicht auf zwei Derbys gegen den 1. FC Union macht da kaum gute Laune. Auch wenn beide Spiele, so wollen es Sicherheitsexperten, wohl im ausverkauften Olympiastadion stattfinden werden, da in der Köpenicker Alten Försterei Standards fehlen.
Doch, wie soll man sich da noch freuen, dass vergangenes Jahr 33 Berliner Sportlerinnen und Sportler in 14 Sportarten an Welt- und Europameisterschaften teilnahmen und 49 Medaillen mit in die einstmals geteilte Stadt brachten. Die Sportlerinnen und Sportler mit Handicap kehrten mit 41 Medaillen zurück. 2008 gewannen 36 Sportlerinnen und Sportler bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften 42 Medaillen in 15 olympischen Sportarten.
Alle Sportarten zusammen genommen, treten 145 Mannschaften, noch angeführt von Herthas Absteigern und den dann noch verbleibenden Spitzenklubs wie den Eisbären, Alba, den Füchsen und dem SCC, in den ersten und zweiten Bundesligen an. Doch auch wenn sie teilweise die O2 World füllen und ihre eigene Klientel perfekt verwöhnen, wiegt es den Imageverlust des Hertha-Abstiegs nicht auf.
Ersliga-Fußball in der Sportschau in der ARD, Aktuelles Sportstudio im Zweiten, Topspiel auf Sky – alles ohne Hertha. Berlin wird zur fußballerischen Randnotiz im Fernsehen. Freitagabend ab 18 Uhr, Samstag ab 13 Uhr, Sonntag ab 13.30 Uhr und Montagabend bei Sport.1 – das sind Berlins neue Fußballplätze im TV. Was Wunder, dass die Manager der anderen Berliner Topvereine einig sind: Die Sport-Lokomotive der Stadt heißt Hertha – und die muss möglichst schnell zurück ins Oberhaus rasen. Am Besten mit echten Stars und Nationalspielern, die auf einer Stufe mit Schwimm-Olympiasiegerin Britta Steffen oder Boxer Arthur Abraham stehen.
Was vom frechen Slogan „Kniet nieder, ihr Bauern, die Hauptstadt ist zu Gast!“ bleibt? Dass Hertha nach wie vor aus der Hauptstadt kommt, halt eben nur nicht mehr zu Gast ist, wo die Hauptstadt eigentlich hingehört – in der ersten Fußball-Bundesliga.





