Morgenpost Online: Herr Funkel, wie ist es Ihnen am Tag nach dem Abstieg ergangen?
Friedhelm Funkel: Das war kein schöner Tag. Mir sind permanent die Bilder durch den Kopf gelaufen, wie wir die Torchancen in Leverkusen liegen haben lassen. Ich habe viele Anrufe und SMS bekommen von Verantwortlichen anderer Vereine. Das hat mich gefreut.
Morgenpost Online: Leverkusens Trainer Jupp Heynckes sagte, er habe nie eine Mannschaft gesehen, die so gut spielt und absteigt. Macht dieses Lob den Abstieg noch schlimmer oder tröstet es?
Friedhelm Funkel: Es schmerzt. Aus vielen Teilen des Landes haben wir Positives gehört. Wir sind in der Rückrunde in keinem Spiel eingebrochen und haben keine Partie glücklich gewonnen. Aber die entscheidenden Tore haben wir nicht gemacht, das macht es umso bitterer.
Morgenpost Online: Wie viel Schuld geben Sie sich selbst am Abstieg?
Friedhelm Funkel: Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für Schuldzuweisungen. Ich glaube, dass alle Verantwortlichen im Verein eine Mitschuld tragen, dass Hertha künftig nicht mehr in der Bundesliga spielen wird. Es gilt jetzt, die Dinge intern aufzuarbeiten und unsere Kräfte zu bündeln. Es muss eine Mannschaft zusammengestellt werden, die in der Lage ist, direkt wieder aufzusteigen.
Morgenpost Online: Sie haben in der Winterpause das Ziel ausgegeben, in der Rückrunde 28 Punkte zu holen. Es sind leider nur 18 geworden.
Friedhelm Funkel: Wir mussten uns ein optimistisches Ziel setzten, von dem wir überzeugt waren. Wenn Sie die vergangenen Spiele betrachten, war das nicht unrealistisch. Die Mannschaft hat in der Rückrunde das Gesicht gezeigt, das ich erwartet hatte. Was ich den Spielern vorwerfen muss, ist, dass sie zu viele Torchancen ausgelassen und sich nicht belohnt haben.
Morgenpost Online: Unter Ihnen hat Hertha von 13 Heimspielen keines gewonnen. Wie erklären Sie sich das?
Friedhelm Funkel: Ich bin lange dabei und habe geglaubt, alles erlebt zu haben. Aber das ist auch für mich neu. Und nicht zu erklären. Wir haben in der Hinserie einige sehr, sehr schlechte Heimspiele abgeliefert. In der Rückrunde gab es viele gute, in denen wir die Chancen ausgelassen haben, wie beim 1:2 gegen Nürnberg. Da sind wir am Torwart, am Pfosten und letztendlich am Unvermögen gescheitert. Das hat sich in den Wochen danach fortgesetzt. Deswegen haben wir auch zu Hause kein Spiel gewonnen.
Morgenpost Online: Viele Fans und auch Torwart Jaroslav Drobny werfen Ihnen eine zu defensive Taktik vor.
Friedhelm Funkel: Das trifft nicht zu, und das hat Jaroslav uns auch nicht vorgeworfen. Wir hatten in den zurückliegenden Heimspielen mindestens fünf offensive Spieler auf dem Platz. Und wir haben uns immer Chancen erarbeitet. Das schafft man nicht, wenn man defensiv spielt. Wir haben immer probiert, offensiv zu agieren. Einige Male, vor allem auswärts, ist uns das gut gelungen. Manches Mal haben wir es nicht geschafft, auch weil der Gegner unser Spiel zerstört hat, das machte es schwerer. Es gibt sicher einige, die anderer Meinung sind. Das ist halt so im Fußball.
Morgenpost Online: Die Heimspiele gegen Bochum, Mönchengladbach und Mainz gingen unentschieden aus. Hätten Sie in den Partien nicht notfalls einen Punkt opfern und lieber alles auf Sieg setzen müssen?
Friedhelm Funkel: Das haben wir getan, gerade in den zweiten Halbzeiten. Gegen Mainz haben wir 45 Minuten auf ein Tor gespielt und alles auf Risiko gesetzt. Gegen Nürnberg ist das nach hinten losgegangen. Hätten wir da 1:1 gespielt, hätten wir jetzt immer noch die Chance, in der Liga zu bleiben. Nürnberg hätte zwei Punkte weniger und wir einen mehr. Sie sehen: Gegen den Club wäre Zweiteres besser gewesen.
Morgenpost Online: Haben Sie Verständnis für Tränen, Wut und Zorn der Fans?
Friedhelm Funkel: Natürlich. Ich bin früher auch Fan gewesen und habe mit meinem Verein gelitten. Wenn ein Klub wie Hertha absteigt, ist Wut, Unzufriedenheit und eine Ohnmacht da. Auch wir sind sauer und enttäuscht. Sie hätten die Gesichter der Spieler auf dem Rückflug nach dem Leverkusen-Spiel sehen sollen. Kein Spieler will Berlin normalerweise verlassen, jeder will bleiben. Jetzt kann aber nicht jeder bleiben, der Verein kann nicht jeden halten.
Morgenpost Online: In welcher Verfassung haben Sie die Mannschaft nach dem siebten Spieltag übernommen?
Friedhelm Funkel: Als ich kam, war die Mannschaft sehr verunsichert. Es hatte vor der Saison einen großen Umbruch gegeben, Marko Pantelic, Josip Simunic und Andrey Voronin mussten abgegeben werden. Der Verein war nicht in der Lage, sie zu halten.
Morgenpost Online: Hätte Ihr Vorgänger Lucien Favre mehr um sie kämpfen müssen? Zumindest um Pantelic?
Friedhelm Funkel: Das kann ich nicht beurteilen.
Morgenpost Online: Hätten Sie es getan?
Friedhelm Funkel: Man weiß ja, dass unser Manager Michael Preetz und ich Marko Pantelic in der Winterpause zurückholen wollten. Ich hätte natürlich versucht, ihn zu halten. Das ging aber nicht, weil Pantelic Vorstellungen hatte, die der Verein nicht erfüllen konnte. Das muss man irgendwann auch akzeptieren.
Morgenpost Online: Sie sind als Trainer fünf Mal aus der Zweiten Liga in die Bundesliga aufgestiegen. Wenn Michael Preetz Sie fragen sollte, ob Sie es ein sechstes Mal mit Hertha probieren – sagen Sie ja?
Friedhelm Funkel: Das kann und möchte ich nicht beantworten. Wir haben im Verein klare Absprachen, dass wir uns erst nach dem letzten Spiel gegen Bayern zusammensetzen. Da werden wir viel besprechen. Macht es noch Sinn? Macht es keinen Sinn? Was haben wir bewirkt? Was haben wir uns vorzuwerfen?



