Adrian Ramos ist der beste Stürmer dieser Saison bei Hertha BSC. Dienstagnachmittag musste man jedoch Sorge haben, ob er die 200 Meter von der Kabine bis zum Trainingsplatz wohlbehalten übersteht – dermaßen ohne Körperspannung und ohne Elan schlurfte der Kolumbianer zu seinem Arbeitsplatz. Auch die Kollegen absolvierten eine Einheit, die eher wie die Karikatur eines Profitrainings wirkte. Ob Gymnastik, Laufen, Torschuss-Training – es wirkte lustlos und wenig ernsthaft.
Als Letzter war Friedhelm Funkel auf den Schenkendorff-Platz marschiert. Damit war klar: Manager Michael Preetz belässt den glücklosen Trainer im Amt. Ungeachtet von dessen desaströser Bilanz – von 57 möglichen Punkten holte Hertha unter Funkel zwölf.
In der Liga ist die Situation für den Tabellen-Letzten acht Runden vor Ende weitgehend aussichtslos. Erschreckend ist, welches Bild Hertha BSC im Niedergang bietet.
So hatten sich zum ersten Training nach den Ausschreitungen von 100 Chaoten im Anschluss an das 1:2 gegen Nürnberg am vergangenen Samstag einige wenige Fans auf den Weg gemacht. Sechs, darunter eine ältere Dame, die mit einer Blume dem dienstältesten Herthaner gratulieren wollte, Pal Dardai, der seinen 34. Geburtstag feierte. Das Training war als öffentlich angekündigt worden. Doch Hertha hatte kurzfristig entschieden: Kein Zutritt für Fans. Selbst als Herthas anwesende Presseabteilung sah, dass von den sechs Getreuen kein Bedrohungspotenzial ausging, blieb es dabei: Die Anhänger durften das Training nicht verfolgen.
Die Krise verändert. So die Kommunikation mit Manager Preetz. Über Jahre hin war er für Medienvertreter problemlos zu erreichen. Seit dieser Woche gilt ein neuer Modus. Fragen sind an Pressesprecher Gerd Graus zu richten. Der richtet später am Tag aus, was Preetz antwortet, jedenfalls zu den Fragen, die er beantworten will.
Die Situation für Preetz ist tragisch. Er war der erste Hoffnungsträger, der im Hauptstadt-Klub aufgebaut wurde. Einer mit Stallgeruch, als Rekord-Torjäger und Ex-Nationalspieler eine Identifikationsfigur für die Fans. Dazu eloquent, gebildet. Preetz wurde 2003 mit dem Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet, war Berlin-Botschafter für die WM 2006. Sechs Jahre wartete er nach dem Karriere-Ende im Schatten von Vorgänger Dieter Hoeneß auf seine Chance. Im Juni 2009 kam der ersehnte Karrieresprung. Geschäftsführer Sport von Hertha BSC. Preetz war angekommen, wo er immer hinwollte – und seither geht schief, was schiefgehen kann.
Auf Jahre hinaus wird ein Erbe der Hoeneß-Ära das Problem von Hertha sein: das enge Finanzkonzept. Für zehn Neue hatte Preetz die – im Branchen-Vergleich bescheidene – Summe von 3,7 Millionen Euro zur Verfügung. Mit Joe Simunic musste noch sportliche Substanz veräußert werden. Auch der Trainer-Wechsel von Lucien Favre zu Funkel sowie die Nachverpflichtungen im Winter brachten nicht den Anschluss an die Konkurrenz im Abstiegskampf.
Preetz sucht neuen Trainer
Bei allem, was sich Preetz erhofft, er muss aufpassen, dass er sich nicht von der Realität abkoppelt. So ließ er Morgenpost Online ausrichten, warum er an Funkel festhalte: „Wir führen keine Trainer-Diskussion. Funkel hat gegen Nürnberg nichts verkehrt gemacht.“ Das hat nun auch niemand behauptet. Kurios: Der B.Z. gegenüber sagt Preetz genau das Gegenteil: „Ich suche einen neuen Trainer“, wird der Manager zitiert. Für die neue Saison.
Nur: Ist Preetz dann noch im Amt? Sein Vertrag läuft bis Juni 2012. Die Frage, ob er auch für Liga zwei zur Verfügung steht, empfindet er als unhöflich und lässt ausrichten: „Ich bin im Herzen blau-weiß, ich laufe vor der Situation nicht davon.“
Es wird dennoch die Frage diskutiert, ob man ihm die sportliche Verantwortung für das mutmaßliche Unternehmen Wiederaufstieg anvertrauen soll, nachdem er gerade den Abstieg zu verantworten hat.
Hertha rutscht unruhigen Zeiten entgegen. Hertha-Mitglied und -Kritiker, Heinz Troschitz, muss sich vor dem Vereinsgericht wegen vereinsschädigendem Verhalten rechtfertigen. Troschitz seinerseits forderte am Dienstag das Präsidium um Präsident Werner Gegenbauer „letztmalig auf, den Rücktritt zu erklären“. Diverse Medien sprechen dem Manager rundheraus die Eignung ab.
Dabei ist Michael Preetz der vielleicht einzige im Verein, der eine Anker-Funktion verkörpern kann: verbunden mit der Vergangenheit, akzeptiert aufgrund seiner Fußball-Kenntnis und gleichzeitig ein Versprechen auf die Zukunft. Nur muss Preetz den nötigen Realitätssinn aufbringen.



