War was? Der Eindruck, dass Besonderes geschehen war, mochte nicht so recht entstehen. Lediglich eine Hand voll Anhänger sah am Montagvormittag beim Training von Hertha BSC zu, auch die Spieler benahmen sich nicht gerade ekstatisch. Gelöst, aber konzentriert gingen sie auf der Laufstrecke und dem Trainingsplatz ihrer regenerativen Arbeit nach.

Dabei war durchaus etwas ganz Besonderes geschehen. Der Bundesliga-Tabellenletzte hatte tags zuvor den deutschen Meister VfL Wolfsburg in dessen Stadion 5:1 (3:1) überrollt und dabei noch eine ganze Reihe bester Torgelegenheiten ungenutzt gelassen. Es war ein Fußballspiel wie ein Urknall. Alles, was im Verlauf einer durch und durch verkorksten Saison nicht hatte klappen wollen – frühe Tore, viele Tore –, gelang dem Berliner Bundesligaklub auf einmal mühelos. „Im Fußball“, stellte Kapitän Arne Friedrich hernach fest, „spielt sich vieles im Kopf ab.“ Anders war zumindest auch für ihn nicht zu erklären, wie der abgeschlagene Letzte diese Leistung geschafft hatte.

Die Spieler sind sich der unveränderten Schwere der vor ihnen liegenden Aufgabe weiter bewusst. Aber der Glaube an das Wunder – er ist dank Wolfsburg wieder ein wenig stärker geworden. „Wir wollen in der Bundesliga bleiben und können das auch schaffen“, sagt Torwart Jaroslav Drobny. Für den Hoffnungsschub sorgten insbesondere Theofanis Gekas (siehe Interview) und Adrian Ramos. Das Angriffsduo zeichnete in Wolfsburg für alle fünf Treffer verantwortlich, hinter ihnen versprühten die oft für phlegmatische Auftritte kritisierten Brasilianer Raffael und Cicero Spielfreude pur. Der an diesem Tag überforderten Konkurrenz blieb nichts, als dem Auftritt der Berliner Respekt zu zollen. „Hertha hat ja schon gegen Nürnberg gut gespielt, aber von zehn Hundertprozentigen nur eine genutzt. Gegen uns haben sie aus sechs Topchancen fünf Tore gemacht“, staunte VfL-Verteidiger Marcel Schäfer.

Was die Frage nach dem Warum aufwirft? „Es hat sich in den Köpfen eine Blockade gelöst“, sagte Friedrich froh. Warum aber erst jetzt – auch darauf hatte er eine Antwort: „Wir haben einfach gespielt, ohne Druck.“

Stimmungswandel in der Woche

Auf dem Weg zu solcher Unbeschwertheit musste ein erheblicher Stimmungswandel vonstatten gehen. Tief saß anfangs der Schock über das 1:2 der Vorwoche gegen den 1. FC Nürnberg. „Sonntag, Montag und Dienstag waren ganz schwere Tage für uns“, sagte Funkel, dessen eigener Job erheblich gefährdet war. „Aber Freitag und Samstag hat die Mannschaft richtig gut trainiert, da war auch schon wieder der eine oder andere Flachs dabei.“ Und als es ernst wurde, hatten sie richtig Spaß.

Damit aber nicht genug des Bemerkenswerten rund um den Hauptstadtklub. Ebenso wie in kollektiver Niedergeschlagenheit nach Niederlagen ergeht sich dessen kickendes Personal nach Siegen gern in Hochgefühl. Nicht so diesmal. „Wir freuen uns, aber die Stimmung in der Kabine war nicht ausgelassen oder euphorisch“, sagte Friedrich. „Es ist eine Schande, dass wir mit dieser Mannschaft Letzter sind. Es ist besser, wir denken gar nicht zu viel darüber nach.“

So richtet sich der Blick nach vorn. Das von Geschäftsführer Michael Preetz ausgegebene Motto lautet „Niemals aufgeben“, die Marschroute hat Trainer Funkel festgelegt: „Wir haben nichts mehr zu verlieren. Wir gehen von Spiel zu Spiel und wollen so viele wie möglich gewinnen.“ Was angesichts kommender Gegner wie Borussia Dortmund, dem VfB Stuttgart, Schalke04, Bayer Leverkusen und Bayern München schwer genug wird. Der Rückstand in der Tabelle auf Relegationsplatz 16, ob nun acht Punkte wie vor dem Spiel oder danach noch fünf – „ist ein dickes Brett“, sagt Friedrich.

Allerdings eines, das die Berliner zu bohren bereit sind. „Wir haben noch sieben Spiele, es sind noch 21 Punkte zu holen“, sagt Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger. Der Schweizer neigt gewiss nicht zu Lautsprecherei. Seine Erinnerung geht stattdessen beschämt zurück zu den gleichfalls Hoffnung bereitenden Auswärtssiegen in der Rückrunde über Hannover96 und den SCFreiburg. Beide Spiele gewann Hertha 3:0, „und jedes Mal dachten wir, die Blockade wäre weg“, sagt Lustenberger.

Beide Male patzten die Berliner aber im folgenden Heimspiel – wie sie generell seit August 2009 nicht im Olympiastadion gewonnen haben. „Eine Blamage“, ächzt Preetz. Nach all dem Druck der Vergangenheit, will Funkel es nun mit neuer Lockerheit probieren. „Mitte der Woche beginnen wir mit der konzentrierten Vorbereitung auf das Dortmund-Spiel. Da wollen wir einfach mal versuchen, zu Hause nachzulegen.“ Ganz ohne Druck. Sagen sie.