Auf den Frühling, seinen ersten in Wolfsburg, war Dieter Hoeneß nicht vorbereitet. Noch kühlt kein Ventilator die warmen Sonnenstrahlen, die durch die Glasfront in ein Büro einfallen, das kleiner ist als jenes, das dem neuen Manager des Deutschen Meisters an seiner alten Wirkungsstätte bei Hertha BSC zur Verfügung stand. Größer geworden sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Morgenpost Online sprach mit Hoeneß vor dem Spiel am Sonntag gegen Berlin über das Wiedersehen mit seinem Ex-Klub, den Umgang mit den VW-Millionen und die Hinterlassenschaft des Wolfsburger Meistertrainers Felix Magath.

Morgenpost Online: Herr Hoeneß, am vergangenen Wochenende hat der 1. FC Nürnberg Ihrem Lebenswerk, Hertha BSC, wohl schon den entscheidenden Stoß Richtung Zweite Liga verpasst. Sind Sie froh, dass Ihnen ein Spiel später mit Ihrem neuen Klub Wolfsburg diese Ironie des Schicksals erspart bleibt?

Dieter Hoeneß: Was dazu an Gedanken und Gefühlen in mir vorgeht, ist rein privat. Natürlich, was in Berlin passiert ist, lässt mich nicht kalt. Ich habe mir eine solche Situation für niemanden gewünscht. Hertha hätte etwas anderes verdient.

Morgenpost Online: Wolfsburg und Hoeneß – ist es schon Liebe?

Hoeneß: Das wäre übertrieben. Aber ich bin in Wolfsburg angekommen, fühle mich pudelwohl.

Morgenpost Online: Es gab Zeiten, da haben Sie sich nicht ganz so lobend über die Stadt geäußert.

Hoeneß: Es gab giftige Worte, richtig, aber die richteten sich nicht gegen die Stadt als solche, sondern gegen den Klub.

Morgenpost Online: Damals ging es um Ashkan Dejagahs Weggang von Hertha...

Hoeneß: ...und meine Reaktion war der Ohnmacht bezüglich der finanziellen Möglichkeiten geschuldet. Generell habe ich immer lobend über Wolfsburg gesprochen als einen der neben Hertha konstantesten Aufsteiger der vergangenen zwei Jahrzehnte. Natürlich hat die Stadt einen Standortnachteil gegenüber Berlin, aber der wird kompensiert durch einen starken Partner, der vieles leichter macht.

Morgenpost Online: Aufsichtsrat Francisco Garcia Sanz nennt Sie schon „Mr. Wolfsburg“. Geht Ihnen das nach 13 Jahren Hertha nicht etwas schnell?

Hoeneß: Solche Bemerkungen freuen mich; sie zeigen, dass ich integriert bin und die Leute bemerken, dass ich mich mit meiner neuen Aufgabe voll identifiziere. Auch deswegen machte ich die Pause nach meinem Abschied von Hertha: um abzuschalten. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr bleiben die schönen Erinnerungen. Ich nenne das Erinnerungs-Optimismus. Denn ja, gestern noch blau-weiß, heute schon grün-weiß – so bin ich nicht.

Morgenpost Online: Ihr Titel in Wolfsburg ist derselbe wie bei Hertha: Vorsitzender der Geschäftsführung. Ist es hinsichtlich der Qualität der Ansprechpartner ein anderes Arbeiten?

Hoeneß: Ja und nein. Auch bei Hertha habe ich in Abstimmung mit einem überschaubaren Kreis an Ansprechpartnern entschieden. Jetzt genieße ich den unmittelbaren Austausch mit Prof. Winterkorn und Dr. Garcia, mit Bernd Osterloh und Stephan Grühsem. Die Zusammenarbeit ist professionell und doch entspannt, auch ich lerne viel.

Morgenpost Online: Inwieweit unterscheidet sich ein Werksklub wie der VfL von klassisch gereiften Klubs wie Ihren früheren Arbeitgebern FC Bayern, VfB Stuttgart und Hertha?

Hoeneß: Klar, es ist ein Unterschied. Allerdings würde ich auch Hertha noch nicht als gereiften Verein bezeichnen. Als ich Mitte der 1990-er Jahre nach Berlin kam, war der Klub völlig am Boden, ein Bauchladen. Deswegen war es schon ein Kraftakt, den Vorteil etwa von Stuttgart hinsichtlich Struktur und wirtschaftlicher Potenz aufzuholen, während von hinten Wolfsburg oder Leverkusen mit einem ganz anderen Tempo heranbrausten. In der Nachbetrachtung macht das Herthas vierten Platz umso wertvoller.

Morgenpost Online: Sie sagen: Um international auf Dauer wettbewerbsfähig zu sein, braucht es viel Zeit zur Entwicklung – oder einen starken Partner.

Hoeneß: Es war Bernd Hoffmann (Vorstandsvorsitzender des HSV – d.R.) , der gesagt hat: Das Ziel im Fußball ist größtmöglicher sportlicher Erfolg bei Vermeidung der Insolvenz. Das sieht die Gratwanderung vor, auf der Ausgabenseite kalkulierbare Risiken einzugehen, um Einnahmen im TV-Bereich, bei Sponsoring und in internationalen Wettbewerben zu erzielen – wenn man nicht einen starken Partner hat oder der FC Bayern ist.

Morgenpost Online: Zu Berliner Zeiten haben Sie stets sehr ambitionierte Ziele formuliert. Wie ist Ihre Vision „Wolfsburg 2015“?

Hoeneß: Wir wollen uns so entwickeln, dass der VfL recht regelmäßig unter die ersten Sechs der Bundesliga kommt, also international spielt.

Morgenpost Online: Das genügt den Konzernbossen?

Hoeneß: Top-Sechs heißt ja nicht immer nur Platz sechs, sondern auch mal Platz drei, Platz zwei – oder mehr. Es ist auch eine Zielsetzung, so oft wie möglich in der Champions League vertreten zu sein.

Morgenpost Online: Den Trainer, der diese Ziele realisiert, suchen Sie gerade noch.

Hoeneß: Dank der Stabilisierung im sportlichen Bereich können wir diese strategische Frage in Ruhe klären. Es muss ein guter Trainer sein, dem wir zutrauen, dass er alle genannten Ziele – im sportlichen wie auch im emotionalen Bereich – erreicht und er auch zu Wolfsburg und unserem Team passt. Wenn es dann noch ein bekannter Name ist, schadet es nicht. So ist die Reihenfolge: erst die Eignung, dann der Name.

Morgenpost Online: Das Fachmagazin „kicker“ titelte unlängst: „Endlich reich!“. Bedauern Sie es vor diesem Hintergrund, dass der Wettstreit mit Ihrem Bruder Uli ausgerechnet jetzt wegfällt?

Hoeneß: Natürlich ist Wolfsburg dem FC Bayern aus wirtschaftlicher Sicht näher als Hertha. Aber auch jetzt befinden wir uns finanziell nicht auf Augenhöhe. Reich – das ist schon noch mal was anderes.

Morgenpost Online: Die Millionen sitzen aber schon deutlich lockerer.

Hoeneß: Und trotzdem habe ich bei meinem Amtsantritt klargestellt: Fantasiesummen werde ich jetzt nicht bezahlen. Der Aufsichtsrat unterstützt das.

Morgenpost Online: Sie sind, wenn man das so sagen darf, der Anti-Entwurf zu Felix Magath, der Wolfsburg mit der Meisterschaft den bislang größten Erfolg beschert hat. Was von seinem Modell der auf eine Person vereinten Macht, das sie ablehnen, hat auch Vorteile?

Hoeneß: Wissen Sie, für mich ist ein Modell etwas, das Standard ist. Magaths Art zu arbeiten ist hierzulande nicht das Modell, sondern die absolute Ausnahme; das ist keine Kritik, sondern ein Riesenkompliment für Felix. Seine Qualität ist es, in wenigen Jahren im Verein fast das Maximum zu erreichen. Aber irgendwann geht er, und dann bleibt relativ wenig. Ein Verein als Träger des Profifußballs muss jedoch längerfristig denken, damit nicht alles mit dem Abgang eines Einzelnen endet. Das haben die Leute in Wolfsburg so gesehen, deshalb bin ich jetzt da.