Die Zusammensetzung der Runde mutete, höflich ausgedrückt, ungewöhnlich an. Trainer Friedhelm Funkel stand da auf dem weitläufigen Gelände des Schenckendorff-Platzes, und um ihn herum gruppierten sich Jaroslav Drobny und dazu Cicero und Raffael, zwei Brasilianer. Worüber die vier sprachen, war nicht so schwer zu erraten, immerhin hatte es da am Sonntag diverse via rbb-Fernsehen verbreitete Aussagen des aus Tschechien stammenden Torhüters über den Teamgeist bei Hertha BSC und einen dramatischen Mangel hieran gegeben.

Schwieriger zu dechiffrieren war, in welcher Sprache sie wohl miteinander kommunizierten: auf Deutsch. Was immer das über die inhaltliche Qualität der Unterredung aussagen mag, wichtig ist nur, dass die einzelnen Völkergruppen überhaupt miteinander reden und nicht nur noch übereinander. Aus diesem Grund war es Geschäftsführer Michael Preetz auch weniger um den Inhalt von Drobnys harscher Anklage gegen Herthas Südamerika-Fraktion gegangen, als er diese am Dienstag, vor dem ersten Training der Arbeitswoche, noch einmal vor versammelter Mannschaft thematisierte. Drobny hatte von drei Spielern in den eigenen Reihen gesprochen, die – nein, keine Namen – auf den Rest ihrer Kollegen pfiffen und lieber unter sich spielten. „Die Spieler, die gemeint sind, wissen, von wem ich spreche“, sagte Drobny öffentlich nur, aber es gehörte natürlich nicht viel Fantasie dazu, um den Vorwurf namentlich zuzuordnen: Er erging an Raffael, Cicero und dazu noch an den Kolumbianer Adrian Ramos.

Vor allem um Herthas Brasilianer ranken sich so manche Mythen. Integrationsunwillig seien sie, hieß es schon früh, obendrein fehle es ihnen am nötigen Biss für den Kampf um den Verbleib in der Bundesliga.

Die Betroffenen mühten sich meist nur halbherzig, den ersten Kritikpunkt zu entkräften. Lieber ließ mit der Zeit vor allem Raffael Taten (in diesem Fall: Worte) sprechen. Längst spricht und vor allem versteht er recht manierlich Deutsch. Zum zweiten Vorwurf ließ Cicero zur Zeit des Wintertrainingslagers Anfang Januar auf Mallorca übersetzen: „Fußball ist Kampf, 90 Minuten kämpfen und grätschen und rennen, hin und her. Das macht Spaß, erst recht, wenn am Ende ein Sieg steht.“ Nur hat man Cicero in etwa so selten 90 Minuten lang leidenschaftlich kämpfen und grätschen und rennen sehen, wie Hertha Siege auf dem Konto hat. Häufiger schon waren in dieser durch und durch verkorksten Saison irrwitzige Szenen wie 40-Meter-Pässe auf Raffael, oder wenn Raffael wie zufällig den eifrig auf sich aufmerksam machenden Theofanis Gekas übersah und stattdessen den schlechter postierten Ramos bediente oder zum zigsten Mal gleich selbst abschloss.

Alles nur Zufall? Wenn diese drei Berufsfußballer nun privat gern und viel miteinander zu tun haben, ist das eine Sache – aber bildet das Trio wie von Drobny vermutet auch auf dem grünen Rasen ein Team im Team? Dass auch ein Raffael nicht nur für sich allein und den eigenen Marktwert spielt, sondern unbedingt gewinnen wollte, erzählt die Anekdote, wie er nach dem K.o. gegen Nürnberg (1:2) seinen Berater anrief und zutiefst traurig ins Telefon schluchzte. Preetz: „Dass die Mannschaft in zwei Fraktionen zerfallen sein soll, ist falsch.“

Aber der Geschäftsführer hatte auch den Spielern etwas mitzuteilen: „Kritik ist zulässig und von Seiten der Führungsspieler sogar erwünscht.“ Aber, zweitens: „Sie muss intern zur Sprache gebracht werden.“ Denn alles, wahrlich alles kann Hertha in den verbleibenden acht Spielen brauchen, nichts und auch nicht noch so viele weitere Niederlagen könnten so schlimm sein wie ein restloses Auseinanderbrechen der Mannschaft, eine Zersplitterung in Grüppchen, an deren Ende nur noch Einzelkämpfer auf dem Platz stehen, die untereinander zerstritten dem Gegner wehrlos Siege gestatten.