Die Polizei fordert nach den Krawallen von Berlin „Geisterspiele“ und das Ende der Stehplätze. „Diese Kurven, wo sich die Gewalt hochschaukelt, müssten gesperrt werden“, sagte Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). „Man ist fassungslos darüber, dass sowas in der Bundesliga möglich ist. Ich fordere mindestens einige Spiele ohne Zuschauer, damit diese Krawallmacher auch merken, dass sie ihrem Verein schaden.“ Außerdem fordert Wendt von Verbänden und Vereinen völlig neue Konzepte. „Es muss tatsächlich alles neu auf den Prüfstand.“

100 bis 150 Randalierer aus dem Hertha-Fanblock hatten am Sonnabend nach dem Spiel gegen Nürnberg mit Holz- und Metallstangen den Innenraum des Berliner Olympiastadions gestürmt und dort randaliert. Wendt sagte, der privaten Ordnungsdienst in Berlin „war ganz offensichtlich überfordert“. Er sprach sich erneuert dafür aus, personengebundene Eintrittskarten einzuführen. Damit wären die potenziellen Gewalttäter in den Bundesliga-Stadion zumindest schon registriert: „Kombiniert mit einer vernünftigen Videoüberwachung“ könne das Fortschritte bringen, sagte der Gewerkschaftschef.

Derzeit würden sich Störer und Gewalttäter auch in den Erstliga-Stadien kaum mehr von Strafen bedroht fühlen, nachdem es in den vergangen Jahren Gewalt eher nur im unterklassigen Fußball gegeben habe. „Wenn man mit Eisenstangen auf Ordner, Polizisten oder Spieler zugeht, müsste man eigentlich damit rechnen, ein paar Jahre ins Gefängnis zu kommen. Aber sie wissen, dass dies nicht passiert“, sagte Wendt. Er sprach von einer immer noch zu milden Bestrafung von Fußball-Hooligans.

Zudem müssten in der Fan-Arbeit einiger Vereine und Verbände „völlig andere Schwerpunkte“ gesetzt werden, sagte Wendt. Teilweise würden die Clubs Kontakte zu gewaltbereiten Fan-Kreisen pflegen. „Es gibt noch ein völlig unverständliches Interesse, mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten“, sagte Wendt. Die Vereine halten dagegen, mit diesen Kontakten auch die Szene mit beeinflussen zu können. Die Polizeigewerkschaft sieht auch die Wirkung der sogenannten Fanprojekte kritisch. Es gebe „keine vernünftige Wirkungs-Analyse“, sagte Wendt. Der Deutsche Fußball- Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) stecken pro Jahr rund 1,3 Millionen Euro in 47 solche Projekte.

Polizeieinsätze in deutschen Fußball-Stadien haben laut Wendt in der vergangenen Saison 1,5 Millionen Arbeitsstunden verschlungen. „Das ist die Jahresarbeitsleitung von über 1000 Polizisten“. Die Gesamtkosten sollen weit mehr als 100 Millionen Euro betragen. Schon länger verlangt die Polizeigewerkschaft, dass sich DFB und DFL mit einer Sicherheitsgebühr, die bei rund 50 Millionen Euro liegen soll, daran beteiligen. Wendt sieht politisch vermehrte Zustimmung dafür: Die Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen hätten diese Forderung bereits unterstützt. Das Problem müsse nun „auf die Tagesordnung der Innenministerkonferenz“ kommen.

sid/dpa/jw