Abstieg. Ein Wort steht da, sieben Buchstaben nur lang, und doch für niemand so recht in seiner gesamten Dimension zu begreifen. Was nur ist geschehen in dem etwas mehr als einen Jahr, jenen heute genau 395 Tagen, die den 14.Februar 2009 wie aus einer fernen Zeit erscheinen lassen? Tabellenführer der Bundesliga war Hertha BSC da, geworden durch ein 2:1 im Olympiastadion gegen den großen FC Bayern. Ein modernes Fußballmärchen nahm seinen Ursprung, die Hauptstadt feierte und schunkelte, getrieben von der übergroßen Sehnsucht nach der ersten deutschen Meisterschaft seit 78 Jahren.
Wie Ironie nimmt sich die damalige Enttäuschung über Platz vier aus, der es am Ende wurde. Die Gegenwart führt nicht mehr nur Platz 18, sondern seit dem Wochenende auch die Gewissheit, dass es wohl nichts mehr wird mit dem Traum vom Klassenerhalt. Die zur Winterpause angekündigte Aufholjagd, die nur in Ansätzen stattgefunden hat, ist beendet. Was noch bleibt bis zum letzten Spieltag am 8. Mai ist Schadensbegrenzung. Und die Frage: Wer hat Schuld woran?
Das Präsidium
Werner Gegenbauer ist ein starker Präsident. In jedem Fall ist er meinungsstark. Er setzte auf wirtschaftliche Vernunft und deshalb die vorzeitige Trennung von Ex-Manager Dieter Hoeneß durch (Mai 2009). Er tat die Krise als „temporäre sportliche Delle“ ab und machte aus einem Sturm der Opposition ein laues Lüftchen (November 2009), er stützte Manager Michael Preetz bei dessen Haltung contra Lucien Favre (September 2009) und pro Friedhelm Funkel (März 2010).
Wenn die Basis diesen Kurs für falsch hält, so hatte sie Gelegenheit, ihn zu stoppen (und hat sie im Mai erneut). Sie tat es nicht, insofern ist die Frage müßig: Was davon war richtig, was falsch?
Fakt ist hingegen: Herthas Präsidium in seiner Gesamtheit ist nicht stark. Dem höchsten Gremium des Vereins wohnt eine Schwäche inne, die dem Klub gerade in Zeiten der Krise vehement auf die Füße fällt. In der Phase des Erfolges wurde es verpasst, sportlich und wirtschaftlich kompetente Mitglieder zu werben. Knowhow in der Dichte, wie es etwa der FC Bayern vorweisen kann, fehlt dem Hauptstadt-Klub. Stattdessen war und ist so mancher aus der neunköpfigen Gruppe mit der Einschätzung der Misere und den Folgen überfordert.
Der den Geschäftsführern Preetz und Ingo Schiller übertragene Neustart nach Hoeneß geriet zum Absturz und läuft jetzt auf den größtmöglichen Schaden hinaus, dem fünften Abstieg der Vereinsgeschichte. Dazu hat das Präsidium in nahezu unveränderter Besetzung die defizitäre Hinterlassenschaft der Ära Hoeneß mitzuverantworten, müssen doch schon Ausgaben im mittleren sechsstelligen Bereich freigegeben werden.
Ex-Manager Dieter Hoeneß
Was wäre, wenn... – diese Diskussion ist müßig. Die Gegenfrage könnte lauten: Hätte Hertha sich nicht noch ein Jahr früher von Hoeneß trennen sollen? Denn weder war dessen Händchen in der täglichen Arbeit immer glücklich, noch sein Führungsstil von Harmonie und Teamgeist geprägt. Gleichwohl hat sich vieles von dem bewahrheitet, was der ehemals starke Mann nach seinem vorzeitigen Abschied in internen Gesprächen prophezeit hat; gerade, was seinen in Zeiten der Krise weit weniger präsenten Nachfolger betrifft.
Manager Michael Preetz
Zu weich, nicht entschlossen genug – so lauteten die Einschätzungen der Kritiker zu Preetz. Tatsächlich hat sich der intelligente und besonnene Ex-Profi, der ein Albtraumjahr erlebt, kaum einmal hinsichtlich einer klaren Linie und mit Handlungssicherheit profilieren können. Gerade der Langmut in der Zusammenarbeit mit Funkel ist nicht mehr zu vermitteln und mutet mehr und mehr als Entscheidungsschwäche an. Jetzt, da es zu spät ist, hat Preetz noch immer keine Lösung gefunden, wie sein als Wunschlösung präsentierter, aber in seinem Wirken gescheiterter Trainer zu ersetzen ist. Fehlt die Idee, fehlen Kandidaten – und warum? Fragen wie diesen verweigert sich Preetz und taucht ab.
Trainer Friedhelm Funkel
Zwölf Punkte holte Friedhelm Funkel aus 19 Spielen, kein Heimsieg glückte ihm in zehn Anläufen. Im Schnitt 0,6 Zähler pro Partie sind der schlechteste Wert aller Hertha-Trainer seit dem Wiederaufstieg 1997. Am nötigen Fleiß hat es nicht gemangelt, aber geradezu beratungsresistent ist Funkel in sein Verderben gerannt. „Der Trainer ist komplett gescheitert“, urteilte das Fachmagazin „kicker“. Nicht die zurückliegenden Spiele gegen Hamburg (0:1) und Nürnberg (1:2) sind Funkel zum Verhängnis geworden, sondern die mut- und risikolos geführten Partien zuvor und sein Auftreten dazwischen. Mantra-artig verwies er auf seine Erfahrung als Retter, weigerte sich aber zu erkennen, dass gerade in einer Stadt wie Berlin nur auch entsprechende Resultate für Glaubwürdigkeit sorgen.
Ex-Trainer Lucien Favre
Mit kleinen Mitteln verhältnismäßig Großes erreichen – dafür stand der Schweizer bei seiner Verpflichtung. Diesem Auftrag wurde er im zweiten Jahr seiner Amtszeit auch gerecht. Was folgte, waren reihenweise Fehleinschätzungen. So sollten Billigspieler (Pejcinovic, Bengtsson) und die Rückkehr des in Berlin schon einmal dramatisch gescheiterten Polen Artur Wichniarek die teils erzwungenen Abgänge von Stars (Josip Simunic, Marco Pantelic, Andrey Voronin) ausgleichen – ein beinahe unmögliches Unterfangen. In der Krise hatte er keine Antworten mehr.
Das Team
Vieles ist der Mannschaft vorzuwerfen, aber nicht ihre gravierendste Schwäche: mangelnde Ausgewogenheit. Sie kennzeichnet seit Jahren Teams von Hertha BSC, aber nie waren die Defizite so unübersehbar wie in dieser Saison. So standen bis zu Levan Kobiashvilis Nachkauf in der Winterpause beispielsweise mehr als ein halbes Dutzend gelernte Innenverteidiger im Kader, aber keine für die Außenbahnen geschulten Kräfte – mit der Folge, dass die Konkurrenz bemitleidenswerte Aushilfslösungen auf den Seiten (Pejcinovic, Janker, Piszczek) wie Fahnenstangen umdribbelte.
Aber natürlich haben auch Spieler Schuld, und ob er will oder nicht, auch hier ist allen voran der Kapitän zu nennen. Arne Friedrich wurde mit gleich einer ganzen Reihe rätselhaft schwacher Leistungen auffällig; seine Fehlerquote in dieser Saison rechtfertigt kaum eine Nominierung für Deutschlands Team für die Weltmeisterschaft in Südafrika. Der serbische Nationalspieler Gojko Kacar personifiziert den Totalabsturz der letztjährigen Leistungsträger (außerdem Cicero, Ebert, Nicu).
An die Südamerika-Fraktion ergeht längst offen der Vorwurf der Grüppchenbildung. In Summe sammelte ein Team, dem einst das Potenzial für 64 Punkte und später noch für wenigstens deren 45 bescheinigt wurde, ganze 15. Beschämend. Das Ende aller Träume.



