Schon bei der Anfahrt zum Trainingsgelände wurden die Profis von Hertha BSC daran erinnert: Es herrscht Ausnahmezustand. Ein erster Mannschaftswagen der Polizei parkte demonstrativ auf der Rominterallee, dort, wo es zum Hertha-Gelände abgeht. In der Kurve wartete ein Häuflein Fans auf die Spieler. Sie hielten zwei Banner hoch: „Absteiger“ und „Verpisst euch“.

Richtig bedrohlich wurde die Szenerie auf dem Trainingsgelände. Mehr als zehn Einsatzfahrzeuge mit der entsprechenden Anzahl an Polizisten zeigten massive Präsenz. Die gespenstischen Jagdszenen von rund 130 Chaoten nach dem 1:2 gegen den 1. FC Nürnberg am Samstag zeigten am Sonntag Wirkung: Training unter Polizei-Schutz, das hat es in der Bundesliga-Geschichte von Hertha BSC noch nicht gegeben. Die Polizisten, die um 13.30 Uhr vom Gelände wieder abrückten, hatten indessen nicht viel erlebt. Fans hatten keinen Zutritt auf dem Gelände. Die Mannschaft des Ligaletzten hatte eine Trainingseinheit unter Friedhelm Funkel (56) absolviert. Kreuz und quer war der Trainer mit dem Team durch den Olympiapark gejoggt.

Im Anschluss hatte sich Funkel auf der Pressekonferenz noch einmal als Trainer von Hertha BSC präsentiert. Mit den rhetorischen Mitteln, die er seit seinem Amtsantritt im Oktober 2009 kultiviert hat. „Natürlich gebe ich nicht auf.“ Ob er über einen Rücktritt nachdenke? „Nein.“

Mit wem geht Hertha in die 2. Liga?

Solche Fragen werden Funkel in Berlin nicht mehr oft gestellt werden. Seine Zeit scheint zu Ende zu gehen. Um 14 Uhr hatten sich Präsidiumsmitglieder in Charlottenburg zu einer Krisensitzung versammelt. Die Randale im Stadion sowie die eingeschlagenen Fensterscheiben beim Hertha-Fanshop in Neukölln in der Nacht zu Sonntag waren ein Thema. Die Sitzung dauerte etwas länger, am Ende vertagte man sich. Nach außen hin wurde am Sonntag Abend nichts mehr kommuniziert.

Die Erwartungen an die sportliche Leitung, also an Preetz, liegen auf der Hand: Wie geht Hertha BSC den Neuaufbau, mutmaßlich in der Zweiten Liga, an? Vor allem: Mit wem?

Friedhelm Funkel hat schlechte Karten. Zwölf Zähler aus 18 Bundesliga-Spielen unter seiner Leitung sind ungenügend. Der Punkte-Schnitt von 0,7 pro Partie ist die Karikatur einer Aufholjäger-Bilanz. So sieht das Konto eines Absteigers aus. Daran ändert auch nichts, dass die letzten Begegnungen unter Funkel in Hamburg (0:1) und gegen Nürnberg (1:2) die stärksten Hertha-Auftritte unter seiner Leitung waren – unter dem Strich standen einmal mehr deprimierende null Punkte.

Funkels Nachfolge ist offen

Auch der Mannschaft ist der Glaube an das Wunder vom Klassenerhalt abhanden gekommen. Nach dem neuerlichen Rückschlag gegen Nürnberg sagte Kapitän Arne Friedrich: „Wir wollen die Saison vernünftig zu Ende bringen. Die Chancen auf den Klassenerhalt liegen bei fünf bis zehn Prozent.“ Das Vertrauen in Funkel ist geschwunden. Die Hertha-Verantwortlichen, allen voran Manager Preetz, beschäftigen sich mit dem Nachfolger. Heute hat die Mannschaft einen trainingsfreien Tag. Ob so schnell eine Lösung gefunden wird, ist unwahrscheinlich.

Es wird diskutiert, ob Hertha eine Übergangslösung besetzen soll. Jemanden, der die ausbleibenden acht Spiele gegen hochkarätige Gegner wie Wolfsburg, Stuttgart, Leverkusen, Schalke und den FC Bayern mit Anstand über die Bühne bringt. Parallel hätte die Führung Zeit, eine Perspektivlösung für das Unternehmen Wiederaufstieg zu suchen. Mit den Nachwuchstrainern Karsten Heine oder Rene Tretschok gibt es intern Alternativen. Oder ob der Klub gleich einen Trainer mit Perspektive präsentiert, der geeignet ist für den schweren Gang durch die Zweite Liga.

Es gibt Kandidaten, die bei den Fans populär wären, weil sie für bessere Hertha-Tage stehen. Etwa Kjetil Rekdal (41). Der Norweger, ein kantiger, eigensinniger Typ, hatte den Hauptstadt-Klub als Kapitän 1998 zum ersten und einzigen Mal in die Champions League geführt. In Norwegen war Rekdal als Trainer mit Valerenga Oslo Pokalsieger (2002) und Meister (2005) geworden. Nach einem allerdings kläglich gescheiterten Ausflug zum 1. FC Kaiserslautern, wo er nach wenigen Monaten entlassen wurde, trainiert Rekdal aktuell in seiner Heimat Aalesund FK.

Allerhand Kandidaten

Ein anderer Preetz-Kumpel aus jener Zeit ist Eyjölfur Sverrisson (41). Den Isländer traf der Manager erst vor zehn Tagen in Magdeburg, als die U 21 von Island, die Sverrisson trainiert, in Magdeburg gegen Deutschland spielte (2:2). Der Manndecker war einst Publikumsliebling. Was gegen Sverrisson spricht: Er hat noch nie eine Vereinsmannschaft trainiert.

Denkbar ist auch ein Kandidat, der die Zweite Liga kennt: Etwa Michael Oenning (44), der im Vorjahr mit dem 1. FC Nürnberg in die Bundesliga aufstieg, im Dezember beim abstiegsbedrohten Frankenklub aber Platz machen musste für Dieter Hecking.

Video auf Youtube: Fans stürmen Spielfeld