Finanzkrise

Hertha übt sich in neuer Bescheidenheit

Zwar hat die Deutsche Bahn den Vertrag bis 2012 verlängert, doch Herthas Hauptsponsor dreht am Geldhahn. Immerhin 16,5 Millionen Euro sind dem Verein mit dem neuen Kontrakt sicher. Wie der neue Sparkurs auch in Berlin die Saisonziele verändert.

Foto: ddp / DDP

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die verraten, dass sich Grundsätzliches geändert hat. Anderthalb Jahre hatte Lucien Favre wie ein Mantra wiederholt: „Mein Ziel ist es, eine Mannschaft aufzubauen, die 2010 um den Titel spielen kann.“ Seit einigen Wochen drückt sich der Trainer von Hertha BSC so aus: „Ziel ist es, eine Mannschaft aufzubauen, die regelmäßig um die Plätze drei bis acht spielen kann.“

Favre weiß, was er sagt. Vor seiner Vertragsverlängerung bis 2011 Ende Januar, hatten Manager Dieter Hoeneß und Präsident Werner Gegenbauer dem Trainer gegenüber mit offenen Karten gespielt. Motto: Der neue TV-Vertrag und die Finanzkrise treffen auch Hertha. Bescheidenheit ist gefragt.

Der jüngst unterzeichnete Vertrag mit der Deutschen Bahn, die bis 2012 Hauptsponsor bleibt, zeigt die Richtung an. In dem neuen Kontrakt sinkt die jährliche Garantiesumme von sieben auf künftig 5,5 Millionen Euro. Dazu gibt es Prämien: Das Erreichen des Uefa-Cups bringt 500.000 Euro, der Champions League eine Million.

Das ist ein Rückgang – und dennoch ein Erfolg für Hertha. Schaut man sich in der Liga um, hat der Hauptstadt-Klub mit der Unterschrift unter den Bahn-Vertrag eine Schlüsselaufgabe gelöst. Bei sechs Erstligisten enden im Juni die Vereinbarungen mit den Trikotsponsoren. Bisher haben nur der HSV (mit Emirates) und nun Hertha verlängern können. Mönchengladbach, der KSC, Bochum und Cottbus sind noch auf der Suche. Rolf Königs, Präsident von Gladbach, klagt im „Kicker“: „In heutigen Zeiten ist es unglaublich schwierig, geeignete Sponsoren zu finden.“

Um die Fallhöhe anzuzeigen: Das Marktforschungsunternehmen Pilot hat eine Studie erstellt, wonach die deutsche Wirtschaft 2009 rund 2,6 Milliarden Euro in den Sport investieren wird. Das sind 300 Millionen weniger als im Vorjahr. Dazu zitiert das „Handelsblatt“ die Marktforscherin Christine Angenendt: „Die globale Wirtschaftskrise hat den Sponsoringmarkt voll erwischt.“

Die Krise wird zu einer Konzentration auf die großen Sportarten führen, insofern ist der Profi-Fußball weniger betroffen als andere. Und in der Branche werden die Spitzenklubs weniger gebeutelt als mittelmäßige Vereine. Dennoch ist die Botschaft in der Liga angekommen. Klaus Peter Müller, Aufsichtsratschef der Commerzbank und bei Eintracht Frankfurt engagiert, sagt: „Es ist nicht die Zeit, die Etats zu erhöhen.“

Im Gegenteil, Hertha wird 2009/10 die Personal-Kosten von 31 auf 28 Millionen Euro senken. Dazu muss im Sommer ein Transferüberschuss von rund fünf Millionen Euro erwirtschaftet werden. Diese Planungen ändern sich nur, falls Hertha der Sprung in die Champions League gelingt. Das wäre mit der außerordentlichen Einnahme von 15 Millionen Euro verbunden. Doch selbst der Sparkurs in Berlin fällt noch moderat aus.

Werder Bremen, immerhin fünf Mal in Folge in der Königsklasse dabei, verzichtete im Winter trotz sportlicher Misere auf Zukäufe. Wie zu hören war, war die Kasse leer. Vor ungemütlichen Zeiten steht der FC Schalke. Der zweitteuerste Kader der Liga soll statt derzeit 55 in der kommenden Saison „nur“ noch 35 Millionen kosten. Selbst beim VfL Wolfsburg, der über 60 Millionen Euro in den Aufbau gesteckt hat, sagt VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem im „Kicker“: „Beim VfL wachsen die Bäume nicht in den Himmel...Verschärft sich die Finanzkrise, wird das auch Folgen für den VfL haben.“

Vor diesem Hintergrund kann Herthas Finanzchef Ingo Schiller bestens mit dem neuen Drei-Jahres-Vertrag mit der Bahn leben. „Ob es um den Hauptsponsor, den Ausrüster oder die offiziellen Partner geht: Planungssicherheit ist ein höheres Gut geworden.“ 16,5 Millionen Euro als Garantiesumme haben die Berliner mit dem neuen Kontrakt sicher, der am Mittwoch um 12 Uhr offiziell bekannt gegeben wird.

Dabei geht es nicht nur um Geld sondern auch um Strahlkraft und Prestige. „Mit der Bahn auf dem Trikot, Nike als Ausrüster oder Audi als Auto-Partner haben wir exzellente Partner an unserer Seite, die Zuversicht in Hertha BSC und den Standort der Hauptstadt Berlin dokumentieren“, sagt Präsident Werner Gegenbauer.

Ob die Konkurrenz aus Gelsenkirchen, Wolfsburg oder Hamburg mit dem Sparkurs klarkommen wird, bleibt abzuwarten. Dass Hertha trotz vergleichsweise kleinem Budget die Liga aufmischen kann, beweist die Mannschaft in dieser Saison eindrucksvoll. Aber Trainer Favre ist kein Träumer. Dass weniger Geld die Wahrscheinlichkeit von sportlichem Erfolg reduziert, liegt auf der Hand. Weshalb der ehrgeizige Plan, bereits 2010 um den Titel zu spielen, nicht realistisch erscheint. Favre wird es offiziell nicht bestätigen. Aber im Gespräch zu seiner Vertragsverlängerung überrascht er die Anwesenden mit der Schlussfolgerung: „Dann brauchen wir eben ein Jahr länger.“ Deshalb spricht er seither von einer Mannschaft, „die um Platz drei bis acht spielen will“.