Norbert Sauer, Mitglied des Präsidiums von Hertha BSC, marschierte über den Parkplatz vor der Geschäftsstelle des Bundesligisten. „Oh, so eine Aufmerksamkeit wünscht man sich jeden Tag“, rief er den wartenden Medienvertretern zu. Sein Kollege Thorsten Manske wunderte sich ob des Auflaufs und fragte zwei Minuten vor Sitzungsbeginn in das Klicken der Kameras hinein: „Bin ich der Letzte?“ Vizepräsident Jörg Thomas war die Ansammlung der Journalisten sichtlich unangenehm. An die Hauswand gedrückt schlich er, ohne den Kopf zu heben, zur Eingangstür. So viel öffentliche Aufmerksamkeit hatte eine Präsidiumssitzung nicht mehr seit der legendären „Hertha entlässt Jürgen Röber doch nicht“-Versammlung des Aufsichtsrates im Oktober 1997 im Hotel Esplanade.

Wie damals ist der Hauptstadt-Klub auch aktuell Tabellenletzter. Nur ist die Wahrscheinlichkeit, dass Hertha bei elf ausstehenden Begegnungen die Klasse hält, diesmal um einiges geringer. Das Resultat im März 2010 indessen war das gleiche wie vor 13 Jahren. Am späten Donnerstagnachmittag teilte Präsident Werner Gegenbauer nach rund 75 Sitzungsminuten mit: „Wir haben einstimmig und unmissverständlich festgestellt, dass dieses Präsidium den Kurs von Michael Preetz vorbehaltlos unterstützt.“

Resultat war zu erwarten

Seinen Kurs skizzierte Preetz, der Geschäftsführer Sport, nach der Sitzung so: „Es gab und gibt keine Trainer-Diskussion. In der Präsidiumssitzung haben wir über die derzeitige Situation bei Hertha BSC gesprochen, dabei ging es nicht um die Person Friedhelm Funkel. Wir sind uns alle einig, dass wir unseren Weg gemeinsam weiter gehen.“

Das ist eine, sagen wir, weit gedehnte Auslegung dessen, was sich bei belegten Brötchen, Kaffee und Kuchen im zweiten Stock der Geschäftsstelle abgespielt hat. Natürlich war es um die Person Funkel gegangen. Dieses Thema liegt bei dessen ungenügender Bilanz – im Schnitt 0,7 Punkte aus 17 Spielen – auch auf der Hand. Die vordergründige Lesart dieser Sitzung lautet also: Funkel macht weiter.

Das Resultat war zu erwarten gewesen. Wichtiger war etwas anderes. Nachdem einige Präsidiumsmitglieder versucht hatten, hinter dem Rücken der sportlichen Leitung eine Mehrheit gegen Funkel zu organisieren, wollte Präsident Gegenbauer die Verhältnisse vom Kopf wieder auf die Füße stellen. Das Präsidium sollte einmal selbst hautnah erleben, was es heißt: Wer hat Druck? Wer steht in der Kritik? Deshalb der Gang der acht Gremium-Vertreter – Christian Wolter weilte beim Skilaufen – durch vier TV-Teams, diverse Fotografen und zahlreiche Printjournalisten. Deshalb zwei Ordner, die ihr Geld damit verdienten, den Eingang der Geschäftsstelle mit grimmigem Blick zu bewachen. Deshalb wurde die Sitzung unterbrochen und das gesamte Präsidium hatte sich im Medienraum der Presse zu stellen. Eine kleine Demonstration also dessen, was Trainer und Manager tagtäglich erleben.

Kompetenz klargestellt

Das Aufsichtsgremium stärkte die Position von Michael Preetz, der seinen Job als Nachfolger von Dieter Hoeneß im Juni vergangenen Jahres angetreten hat. Nicht das Präsidium sagt, wo es lang gehen soll. Umgekehrt, der Manager gibt den sportlichen Kurs vor, die Vereinsoberen unterstützen ihn.

Auf dieses Ziel hin war der gesamte Tag von Preetz komponiert worden. Schon in der obligatorischen Pressekonferenz zum Spiel beim HSV (Sonnabend, 15.30 Uhr) hatte sich der sonst so beherrschte Manager ungewohnt emotional gegeben. „Wir biegen in die Zielgerade der Saison ein. Ich erwarte von der Mannschaft totale Leidenschaft und totalen Kampf.“ Angesprochen auf den Trainer sagte Preetz: „Meine Position ist klar und unverrückbar.“

Funkel, der auf dem Podium daneben saß, gab ebenfalls die passenden Antworten. Nein, die Schlagzeilen der vergangenen Tage beunruhigten ihn nicht. „Mir geht es sehr gut. Dass über einen Trainer öffentlich diskutiert wird, ist Teil des Geschäftes. Kein Problem.“

Bleibt die Frage: Was passiert, falls Hertha beim HSV sang- und klanglos untergeht? Beginnt dann die Trainer-Diskussion wieder von vorn? Zu erwarten ist es nicht.

Keine Nibelungen-Treue

Wer das Preetz-Statement aber genau liest: „Wir sind uns alle einig, dass wir unseren Weg gemeinsam weiter gehen.“ Der Manager steht zu Funkel, aber er hat keine Nibelungen-Treue formuliert. Kein Wort, dass Hertha bis zum Saisonende unter allen Umständen am Trainer festhalten wird.

Preetz und das Präsidium haben sich die letzte Patrone, die der Verein noch hat, eventuell einen dritten Trainer in dieser Saison zu verpflichten, beiseite gelegt. Aber sie existiert nach wie vor.