Auf dem Trainingsplatz herrschten Minus-Temperaturen, aber Friedhelm Funkel (56) erschien nur in einen dünnen Trainingsanzug gehüllt. „Guten Morgen, lasst es uns bitte kurz und konzentriert halten“, begrüßte der Trainer von Hertha BSC die Medienvertreter. Funkel wollte nach Frankfurt, um die Partie gegen den kommenden Gegner, den SC Freiburg, zu beobachten. So hatte er es in der Vorwoche mit dem FSV Mainz gehalten. Auch am Freitag will er sich, so es die Flugpläne erlauben, Hoffenheim anschauen, den kommenden Heim-Gegner.

Nein, am Fleiß und Einsatz von Funkel hat niemand etwas auszusetzen. Doch die Art und Weise, wie das 1:1 gegen Mainz zustande kam, hat Hertha und dem Trainer geschadet. Statt die Aufholjagd starten zu lassen, entbrennt nun eine Diskussion, ob Funkel noch der richtige Trainer ist.

Krisengespräch bei Manager Preetz

Manager Michael Preetz bat den Übungsleiter am Sonntag Vormittag zum Krisengespräch ins Büro. Schon nach dem Abpfiff hatte Preetz indirekt Kritik an Trainer und Taktik geäußert: „Die erste Hälfte kann ich nicht erklären.“

Rückblende: Nach den Heimauftritten gegen Gladbach und Bochum (je 0:0) hatte Funkel gesagt: „Wenn die Gegner bei uns so defensiv spielen, müssen wir Antworten in der Offensive finden.“ Das Signal indessen, das Funkel gab, bewirkte genau das Gegenteil. Die Entscheidung, Christoph Janker in die Startelf zu beordern, rief nur Kopfschütteln hervor: im Team, bei den Fans und im Verein.

Janker ist eine solide Defensivkraft, aber denkbar ungeeignet, die Kreativität von Hertha zu befördern. Dafür nahm Funkel Cicero aus der Stammelf und zog Raffael auf dessen linke Seite. Somit war der einzig wirklich gefährliche Mittelfeldspieler an der Außenlinie weitgehend seiner Möglichkeiten beraubt. Die Folgen waren zu erwarten: null Gefährlichkeit, null Durchschlagkraft, null Chancen.

Funkel korrigierte seinen Fehler

Immerhin, das ist Funkel anzurechnen, korrigierte er beim Stand von 0:1 seinen Fehler zur Pause: Janker raus, Cicero rein. Somit reichte es nach dem Ausgleich von Adrian Ramos zu einem 1:1. Nachdem Hertha aber in der dritten Heimpartie in Folge eine schwache erste Hälfte ablieferte, läuft Funkel nicht nur die Zeit weg. Zwölf Partien stehen noch an, um das Wunder vom Klassenerhalt zu vollbringen. Vor allem, und das ist ein echtes Problem, hat Funkel das imaginäre Trainer-Konto, das aus Vertrauen besteht, weitgehend geleert.

Seine Bilanz nach 15 Partien mit Hertha: ein Sieg, sechs Remis, acht Niederlagen. Anfänglich hatte er von seinem Ruf gelebt als Haudegen, der mit allen Wassern im Überlebenskampf gewaschen ist. Doch schon seine sparsamen Wechsel während der Spiele haben Funkel intern Glaubwürdigkeit gekostet. Auch sein zurückhaltendes Coaching an der Seite könnte etwas enthusiastischer ausfallen.

Mit dem Zeichen jedoch, gegen Mainz Janker aufzubieten, hat Funkel den letzten Kredit weitgehend aufgebraucht. Das war das Gegenteil des erhofften Signals: Wir kämpfen mit allen Mitteln. Ohnehin teilen immer weniger Anhänger in Berlin den Glauben an den Klassenerhalt. Gegen Gladbach zahlten 46.000 Eintritt, gegen Bochum 38.000, gegen Mainz noch 36.700. Die straften die Leistung zur Pause mit gellenden Pfiffen ab. Nach dem Ausgleich war die Kulisse wieder da, aber der Warnschuss ist bei den Verantwortlichen angekommen. „Wir müssen aufpassen, dass wir die Unterstützung der Fans nicht verlieren“, sagte Manager Preetz.

Die Zuschauer bleiben weg

Funkel bedient mit der zögerlichen Wechsel-Strategie und der mutlosen Aufstellung die Vorbehalte, die ihn bereits bei der Vorstellung im Oktober 2009 begleiteten: Funkel arbeite Fußball. Er reagiere auf den Gegner. Es fehle ihm aber an Ideen oder Visionen, welchen modernen Fußball er spielen will. Im Internet diskutierten die Anhänger weniger über die Frage, ob Hertha noch die Klasse hält, sondern darüber, wer Funkel-Nachfolger werden soll: Karsten Heine oder Hans Meyer?

Nun werden Trainer aber weder im Internet geheuert noch gefeuert. In der Unterredung mit Preetz warb Funkel um Unterstützung. Er wisse, was er tue. Bei Janker habe er gute Trainingsarbeit honoriert. Dessen Auswechslung begründete der Coach so: „Wir mussten nach dem Rückstand reagieren.“ Das Team stehe in der Rückrunde defensiv stabil, deshalb habe es nur eines von fünf Spielen verloren. Der Rückstand auf Relegationsplatz 16 habe sich von zehn auf fünf Punkte halbiert. Es werde eine enge Geschichte bis zum Saisonende. Wichtig sei, dass alle Beteiligten die Nerven behalten.

Die Zweifel wachsen

Alles richtig, doch im Verein wachsen die Zweifel. Der Trainer hat eine Transferperiode mit drei Neuen und eine Vorbereitung absolviert. Wo bleibt die ersehnte Siegesserie? Was ist, wenn Hertha nicht, wie Funkel vorhersagt, gegen die „Großen“ der Liga Siege einfahren wird, weil die Berliner dort mehr Platz für Konter haben, als gegen die „Kleinen“? Dann ist Hertha abgestiegen, weil es erst relativ spät in der Saison auf die Topteams trifft.

Offiziell wird sich beim Hauptstadt-Klub niemand zu den Zweifeln äußern. Im Gegenteil, Manager Preetz sagte: „Ich möchte, dass wir alle zusammen da rauskommen: Mannschaft, Trainer und Verein.“

Gleichwohl wissen Preetz und Funkel: Freiburg am kommenden Sonntag ist (mit Ausnahme von Nürnberg/13. März) der letzte Konkurrent im Abstiegskampf, gegen den Punkte direkt gut zu machen sind. Anders gesagt: Sollte Hertha dort verlieren, wird nicht einmal ein weiterer Trainerwechsel Herthas Sturz in Liga zwei verhindern.