Fußball-Bundesliga

Hertha-Profis üben schon mal die Meisterfeier

Frech und selbstbewusst gaben sich die Spieler des Tabellenführers nach dem 1:0 gegen Bayer Leverkusen. Sie hielten nach dem zehnten Heimsieg in Folge schon mal die Meisterschale hoch. Und Berlin gibt seine fast schon traditionelle Distanz zum Klub auf. Hertha BSC tanzt sich in die Herzen der Berliner.

Josip Simunic sprach, als wäre nichts passiert. Seine Stimme war leise und ganz und gar unaufgeregt. Um die Unscheinbarkeit noch zu betonen, hatte sich der Verteidiger von Hertha BSC die Wollmütze am Sonntagmorgen extra tief ins Gesicht gezogen. Die Euphorie vom Vortag war verschwunden.

18 Stunden zuvor, nach dem 1:0 (0:0) der Berliner gegen Bayer Leverkusen hatte das noch ganz anders ausgesehen. Selten hat sich ein Fußballprofi nach einem 24. Bundesliga-Spieltag dazu hinreißen lassen, eine nachgebaute Meisterschale aus der Fankurve zu präsentieren. Simunic aber hatte gern angenommen und die Papptafel schon ganz im Stile eines Champions in die Höhe gereckt. „Das Imitat hat sich gut angefühlt, aber es war nicht die wahre Schale“, sagte er. „Sie in der Hand zu haben, wäre noch mal ein anderes Gefühl. Hoffentlich bekomme ich irgendwann die Gelegenheit dazu.“

Hertha bleibt mindestens bis zum 5. April Tabellenführer

Bislang wäre Simunic in der Hauptstadt für solch einen Satz bestenfalls belächelt worden. Nach den Erfolgen der vergangenen Wochen gibt Berlin aber die fast schon traditionelle Distanz zu seinem Klub auf. Es spielten sich bislang ungekannte Szenen ab: Bereits auf der Anfahrt zum Stadion wurden die Stadionbesucher von Riesenfahnen schwenkenden Anhängern begrüßt. Aus den Autofenstern wurden solche Meisterschalen gereckt, wie sie Simunic später auch in der Hand hielt.

Auch das Olympiastadion, das sich so oft halbleer und stimmungsarm präsentiert, wurde zu einer echten Fußballarena. Am Samstag sorgten 58.753 Zuschauer für ein Rekordergebnis in Heimspielen gegen Leverkusen. Und die waren bereits vor dem Spiel bester Laune, als die „Atzen-DJ's“ den Hit zum neuen Hertha-Gefühl präsentierten: „Hey, was geht ab – wir holen die Meisterschaft“, sangen sie, und die Anhänger tanzten. Nach dem Schlusspfiff verweilte die Mannschaft 20 Minuten lang zum Feiern vor der Fankurve – Hertha tanzt sich in die Herzen der Berliner. Durch den Sieg über Leverkusen verteidigte die Mannschaft den Vier-Punkte-Vorsprung auf die Verfolger und bleibt bis mindestens 5. April Tabellenführer; nach dem kommenden Spieltag pausiert die Bundesliga wegen der anstehenden WM-Qualifikationsspiele.

Drei weitere Wochen als Spitzenreiter – auch für Lucien Favre ist das eine erquickliche Perspektive. „Wir schauen mit viel Spaß auf die Tabelle“, sagt Berlins Trainer und weiß auch, dass seine Nationalspieler mit breiter Brust zu ihren Auswahlteams reisen werden.

Ehe sie sich nach dem anstehenden Auswärtsspiel gegen den VfB Stuttgart für einige Tage verstreuen werden, verbrachten die Herthaner den Samstagabend gemeinsam. „Es gibt nichts Schöneres, als als Tabellenerster mit den Jungs feiern zu gehen“, fasst Voronin das außergewöhnliche Zusammengehörigkeitsgefühl der Mannschaft in Worte. Vom Stadion fuhren die Spieler zum Edel-Italiener „La Cantina“ unweit des Kudamms, nach Pasta und einigen Gläsern Wein ging es im Kollektiv weiter ins „Felix“. Dort machten Deutschlands derzeit beste Fußballer die Nacht zum Tage – ehe am nächsten Morgen wieder alle brav zur Arbeit erschienen.

Favre lässt die Profis gewähren, denn: „Sie sind alle sehr realistisch.“ Niemand neigt zum Abheben, auch drängt der gemeinsame Erfolg Befindlichkeiten des Einzelnen in den Hintergrund. „Das ist unsere Stärke“, sagt Pal Dardai: „Nur mit elf Spielern würde es nicht gehen.“

Späße über Voronins Haarpracht

Von Winter-Zugang und Dauerreservist Leandro Cufre berichtet Dardai, der Argentinier sei vor dem Gang aufs Feld letzter Mutmacher und nach Schlusspfiff erster Gratulant zugleich. Und untereinander blüht der Flachs. Beim Abendessen ordnete Dardai an, dass Voronins Zopf „ins Hertha-Museum muss, wenn wir etwas Großes erreichen“. Den Einspruch von dessen gleichfalls am Tisch sitzender Gattin Yuliya bügelte Dardai mit Verweis auf das übergeordnete Interesse rigoros ab. Als Kompromiss bot Voronin an, dass er seine zum Kult gewordene Haarpracht zur Verfügung stellen wird – „wenn Pal auf ewig neben meinem Zopf im Museum steht“.

Anekdoten wie diese lassen der Mannschaft über den sportlichen Erfolg hinaus die Sympathien der Bevölkerung zufliegen. „Auch Leute, die sich normal nicht für Fußball interessieren, werden jetzt zu Hertha-Fans“, sagt Voronin. Ergriffen von dieser Welle der Begeisterung für den lange Zeit vergessenen Klub sagt Manager Dieter Hoeneß: „Die Menschen sind stolz auf Hertha BSC.“

Das wird sich insbesondere an den Zuschauerzahlen bei den verbleibenden Heimspielen bemerkbar machen – und sichert so die nächste Party: Wenn auch gegen Dortmund, Bremen und Bochum jeweils mehr als 55.000 Besucher ins Olympiastadion kommen, revanchiert sich die Mannschaft gegen Schalke04 mit 55.000 Litern Freibier. Dardai hat keinen Zweifel mehr, dass es so kommen wird: „Als eine halbe Stunde nach Schlusspfiff immer noch 70 Prozent der Leute im Stadion waren, habe ich zu Arne Friedrich gesagt: Sie sind wie kleine Kinder – erst wollen sie nicht kommen, aber dann wollen sie am liebsten gar nicht mehr nach Hause gehen.“