Fussball

Wo die Hertha-Mitglieder wohnen

Trotz des Höhenflugs hat Hertha Probleme, sein Stadion zu füllen. Zwölf Jahre nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga kämpft Hertha in seiner Heimat immer noch um Anerkennung. Doch dass sich in Berlin niemand für Hertha interessiert, stimmt auch nicht. Morgenpost Online zeigt, wo Herthas Herz schlägt.

Foto: dpa / DPA



Acht Heimsiege in Folge, zuletzt das spektakuläre 2:1 gegen den FC Bayern vor 74220 Fans im ausverkauften Olympiastadion. In der Tabelle liegt Hertha BSC als Dritter über den Erwartungen. Eigentlich sollte es kein Problem sein, die Anhänger für das Heimspiel am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach zu mobilisieren (15.30 Uhr Olympiastadion). So wäre es auch an fast jedem anderen Bundesliga-Standort – aber nicht in Berlin.

Wowereit wirbt für den Verein

Trotz des Höhenfluges der Mannschaft von Trainer Lucien Favre muss sich Hertha BSC schwer ins Zeug legen, um die 22.Runde vor einer zumindest passablen Kulisse zu spielen. Mit einem Zuschauerschnitt von 42750 Zahlenden hat Hertha die schlechteste Stadion-Auslastung der Liga (57,6 Prozent).

Deshalb fährt der Klub mit den drei Boulevardzeitungen der Stadt eine Kampagne: Beim Kauf von zwei Tickets für das Gladbach-Spiel gibt es eine dritte Karte gratis. Unter dem Slogan „Wir für Hertha“ werben Prominente wie Bürgermeister Klaus Wowereit, Schauspieler Christian Ulmen, Box-Weltmeister Artur Abraham, Comedian Mario Barth oder die Moderatorinnen Minh-Khai Phan-Thi und Ruth Moschner.

Auch zwölf Jahre nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga kämpft Hertha in seiner Heimat um Anerkennung und Akzeptanz.

Das hat eine Reihe von Gründen. Die Karte zur Mitglieder-Struktur (siehe oben) belegt, dass Fußball-Berlin zweigeteilt ist. In den ehemaligen Westbezirken liegen die Hochburgen. Im früheren Ostteil ebbt die Begeisterung merklich ab. Hertha hat es also nach der Wende 1989 nicht geschafft, als der Hauptstadt-Klub angenommen zu werden.

Es gab handwerkliche Fehler: Hertha hat 1990 keinen einzigen Star vom BFC Dynamo verpflichtet, die Doll, Thom, Rohde oder Ernst haben ihren Weg bei anderen Bundesligisten gemacht. Doch insgesamt macht der Fußball die gleichen Erfahrungen wie andere Bereiche der Gesellschaft: Traditionen verändern sich nicht so rasch. So ist auch im Jahr 2009 der Bezirk Treptow-Köpenick fest in „Eisern Union“-Hand.

Die Sonderlage der zweigeteilten Stadt Berlin bis 1989 ist indessen nur eine Erklärung. Viele der seither eine Million Zugezogenen haben sich in den Szene-Bezirken Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte niedergelassen. Ihre Lieblingsvereine aus Schwaben, Hamburg oder München tragen sie weiter in sich. Dadurch ist die kuriose Situation entstanden, dass im Herzen von Berlin die Identifikation mit Hertha besonders gering ausfällt. Hier entstehen die Reportagen, die im „Stern“ oder „Spiegel“ glauben machen wollen, in Berlin interessiere sich niemand für Hertha BSC. Schließlich werde in den Sportbars immer Borussia Dortmund oder FC Schalke geschaut.

Das ist nicht falsch, aber deshalb trotzdem nicht richtig. Wer sich in die klassischen Hertha-Bezirke bewegt, erlebt anderes. In Moabit, etwa im „Walhalla“, hat am Samstagnachmittag noch nie eine Abstimmung stattgefunden, welches Bundesliga-Spiel auf der Leinwand übertragen werden soll. Der Saal ist immer voll. Dort wird mit Hertha gelitten und gefiebert – und zwar lautstark.

Schiller: Es gibt nicht nur eine Lösung

„Es gibt nicht ein Problem, für das wir eine Lösung finden müssen. Die Sache ist komplexer“, sagt Ingo Schiller, der für Finanzen zuständige Geschäftsführer von Hertha BSC.

So bietet Berlin sportliche und kulturelle Alternativen wie keine andere Stadt im Land. Ohne Gelsenkirchen oder Dortmund zu nahe treten zu wollen – was gibt es dort in Konkurrenz zu Schalke oder zum BVB? „Berlin hat traditionell nicht so ein Fußball-begeistertes Publikum wie der Ruhrpott“, sagt Ex-Präsident Wolfgang Holst (86), „deshalb ist ein Schnitt von 43000 für Hertha eine sehr beachtliche Zahl“.

Doch die Verantwortlichen sind damit nicht zufrieden. Sie registrieren die Sportbegeisterung in der Stadt. So ist die O* World gestern, heute, morgen und Freitag Abend vier Mal in Folge mit über 10000 Zuschauern sehr gut besucht, wenn Eishockey-Meister EHC und Basketball-Meister Alba spielen. „Das haben sich Alba und die Eisbären hart erarbeitet“, sagt Hertha-Präsident Werner Gegenbauer. Auch die Faszination der neuen Arena unweit der Spree wirkt. Deshalb, so Gegenbauer, „hat Dieter Hoeneß nicht zufällig berichtet, dass Hertha das Thema Stadion-Neubau beschäftigt“.

35000 Tickets gegen Gladbach verkauft

Das wird, wenn überhaupt, nicht vor 2017 der Fall sein, solange läuft der Mietvertrag im Olympiastadion. Bis dahin muss Hertha mit seiner 1936 errichteten und vor der WM 2006 komplett renovierten Spielstätte klarkommen. Das Stadion ist, verglichen mit den komfortablen Arenen der Konkurrenz, ein Wettbewerbsnachteil. Mit dem muss Hertha leben und sich auf das Machbare konzentrieren. „Unser Projekt mit den 22 Partnerstädten im Umland läuft sehr gut und ist zukunftsorientiert“, sagt Schiller. Zudem bemüht sich der Klub verstärkt um den Heimatmarkt. Unter dem Motto „Hertha hautnah“ wird es Angebote im Kiez geben – und die Wahlberliner sollen besonders umgarnt werden.

„Im Moment ist es so, dass über unseren Stamm von rund 40000 Fans hinaus die Leute fragen: Gegen wen spielt Hertha?“, sagt Schiller. „Wir wollen dahin kommen, dass es heißt: Samstag gehen wir zu Hertha. Gegen wen spielen die eigentlich?“

Samstag kommt Gladbach. Bisher sind 35000 Tickets verkauft – da geht noch was.