Es waren nur sieben Meter. Keine schwere Aufgabe also für Iulian Filipescu, den Ball zum 2:1 ins Tor zu schießen. In diesem Moment an diesem 13. Mai 2006, in der dritten Minute der Nachspielzeit, hatte der FC Basel nach 59 ungeschlagenen Meisterschafts-Heimspielen zum ersten Mal wieder verloren - und war der FC Zürich zum ersten Mal nach 25 Jahren wieder Schweizer Meister. Lucien Favre hatte das Unmögliche möglich gemacht.

Nach diesem Tag, darin sind sich viele langjährige Wegbegleiter des heutigen Trainers von Hertha BSC einig, war nichts mehr so, wie es früher war. "Dieser 13. Mai, dieser Titel, war sehr entscheidend für seine Karriere", sagt der Schweizer Journalist Peter Bühler. Ans Ziel gelangte Favre, weil er für dieses eine einzige Mal von seinen Pfaden abwich: "Vielleicht", sagt Bühler, "handelte er gegen seine innerste Überzeugung. Vielleicht hat er aber instinktiv gespürt, diesmal nicht wie üblich zu agieren." Also sagte Favre in den Tagen vor dem historischen Triumph: "Ich weiß, dass wir sie schlagen und dass wir Meister werden können."

Der Meister des Understatements war sich selbst untreu geworden - mit Erfolg. Doch schon am nächsten Tag war Favre zurück in der angestammten Rolle des ewigen Mahners.

Er hat sie aus der Schweiz mitgebracht nach Berlin. "Ob Erster, Achter oder Dreizehnter: Die Ausgangslage ist für ihn immer gleich", sagt Harald Gämperle, der seit März 2005 als Assistent von Favre arbeitet und der gleichfalls den Umzug in die Bundesliga mitmachte. Mit vier Punkten Vorsprung führt Hertha BSC die Tabelle an, doch vom Titel will Favre partout nicht reden. Er verweist stattdessen auf die Qualität und das wirtschaftliche Potenzial der Konkurrenten FC Bayern, Hoffenheim, Wolfsburg und Hamburg - und das eigene Saisonziel: "Wir wollen um die Uefa-Cup-Plätze mitspielen."

Da für Hertha dieser Tage viel mehr als das möglich erscheint, stellt der Journalist Bühler die Frage, inwieweit Favres Zurückhaltung "nur Kalkül ist - oder ob er wirklich so denkt". Favre-Berater Christoph Graf sagt dazu: "Er mag die Position des Außenseiters. Er würde sie auch als Trainer von Manchester United noch kultivieren." Jedenfalls nach außen hin. Seine Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zielt grundsätzlich darauf ab, seiner Mannschaft jeden Druck zu nehmen - wenn es sein muss, bis nah an die Grenze zur Unglaubwürdigkeit. Hingegen negiert Favre aktuell jegliche Träumerei von Herthas erstem Titelgewinn seit 78 Jahren, weil es "momentan seine realistische Einschätzung" ist, sagt Graf. Noch sind 33 Punkte zu vergeben - für Favre ein viel zu wackliges Fundament, um darauf Wolkenkuckucksheime zu errichten.

relatedlinksWer sich über die Person Favre erkundigt, erhält auffällig identische Einschätzungen; aus einem einfachen Grund: "Er ist absolut der gleiche bescheidene Mensch, der er immer war", sagt Bühler, der Favre seit seinem Weggang aus Zürich mehrfach in Berlin besucht hat. "Er wird auch nicht einen Hauch von Überheblichkeit bekommen, dazu ist er viel zu intelligent und auch zu bodenständig."

Am Trainer Favre bezeichnet es Berater Graf als "eine seiner größten Stärken, dass er seine Arbeit erst recht zu 100 Prozent verrichtet, wenn der Trubel so richtig losgeht". Gleiches verlangt Favre von den Spielern. Neuerdings ist es den Hertha-Profis untersagt, in der zweiten Wochenhälfte PR-Termine wahrzunehmen.

Bei den vielen Parallelen von Favres Wirken in der Schweiz und nun dem bei Hertha ergibt sich ein entscheidender Unterschied: Die ersten Ligen der Schweiz und Deutschlands lassen sich kaum miteinander vergleichen. "In der Schweiz war quasi nur Basel unsere Konkurrenz, und sie waren vom Verhältnis her längst nicht so dominant wie hier der FC Bayern", sagt Gämperle. "Die Außenseiterrolle mit Berlin ist viel extremer", bestätigt Graf. Deswegen wird es kaum dazu kommen, dass Favre sich vor dem letzten Spieltag aus der Deckung wagt: "Das Wort Meister nehmen wir nicht in den Mund", hat Gämperle schon angekündigt.

Diesen ersten Zuarbeiter Favres hat einer im Blick, der beide gleichfalls bestens kennt: Fredi Bickel. Der Sportchef des FC Zürich sagt: "Favre leistet auf dem Platz hervorragende Arbeit. Ich kenne keinen Trainer, der mehr aus den Spielern herausholt, als er es schafft. Aber für ihn ist sein Umfeld enorm wichtig - für meinen Geschmack findet die Arbeit von Gämperle viel zu wenig Beachtung." Favre ohne Gämperle - "das", sagt Bickel, "ist wie Cordon Bleu ohne Käse".