Sogar für Dieter Hoeneß gab es nach dem Schlusspfiff kein Halten mehr. Ausgelassen tanzte er auf dem Rasen des Stadions der Freundschaft, umringt von seinen Spielern, hüpfte mit ihnen, schwang die Arme hin und her, lachte. Emotionen, die man beim Vorsitzenden der Geschäftsführung von Hertha BSC in dieser Form noch nicht gesehen hatte. Und so erklärte Hoeneß nach dem 3:1 (2:1) des Berliner Fußball-Bundesligisten bei Energie Cottbus auch völlig gelöst: „Arne Friedrich hat mich dazu aufgefordert. Und wenn mich die Mannschaft darum bittet, kann ich doch gar nicht Nein sagen.“

Es gab Grund zum Feiern bei den Berlinern. Die erfolgreiche Verteidigung der Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga zum Beispiel. Oder Andrey Voronin, der Hertha mit seinen drei Toren gegen die Lausitzer auf Meisterkurs gehalten hat. Verteidiger Josip Simunic glaubt nach dem vierten Erfolg gegen Cottbus im zwölften Erstliga-Duell, zugleich der erste seit sechs Jahren: „Wir werden noch stärker.“

Derby, das den Namen verdient hatte

Die 22.500 Zuschauer erlebten ein Derby, das seinen Namen verdient hatte. Alles war wie immer bei diesem Prestigeduell. Der Brandenburger Polizeihubschrauber begleitete mit ohrenbetäubendem Knattern die Berliner Fans von der Ankunft am Cottbuser Bahnhof ebenso auf dem 1,5 km langen Fußmarsch zum Stadion der Freundschaft wie zwei Hundertschaften der Polizei. Schon vor dem Anpfiff beharkten sich die Anhänger beider Lager lautstark verbal. „Ha-Ho-He, Hertha BSC“ feierten die Berliner Fans ihre Mannschaft. „Wir wollen keine Hertha-Schweine“ hielt der Energie-Anhang dagegen.

Auf dem Platz fischte Hertha-Torwart Jaroslav Drobny einen Freistoß von Dimitar Rangelov aus dem Dreiangel (4.). Vor allem jedoch tasteten sich die Mannschaften 20 Minuten ab. Dann nahm das Derby Fahrt auf: Drobny sah einen 22-m-Freistoß von Atan Cagdas direkt auf sich zukommen, kniete sich hin – und ließ den Ball zum Entsetzen der Kollegen durch die Hände ins Netz rutschen. Postwendend waren Andrey Voronin und Marc Stein bei Drobny, der sich bisher als bester Liga-Torwart der Saison ausgezeichnet hatte, gaben ihm einen Klaps, „weiter geht’s“. Doch für den nächsten Aufreger sorgten erneut die Hausherren. Stanislav Angelov spielte mit einem mustergültigen Konter den Ball vorbei an Drobny, aber Emil Jula schob das Spielgerät am leeren Tor vorbei (30.).

Hertha spielte so wie schon zumeist in dieser Saison. Geduldig warteten die Berliner auf ihre Chance. In der 34. Minute legte Pal Dardai fast von der Außenlinie zurück auf Ebert, der sofort hoch flankte – Voronin köpfte überlegt zum 1:1 ins lange Eck. Und wurde nach seinem demonstrativen Jubel vor dem Energie-Fanblock nun bei jeder Ballberührung mit einem gellenden Pfeifkonzert bedacht. Unsportlich präsentierten sich in dieser Situation die Hertha-Fans. In der blau-weißen Kurve wurden bengalische Feuer und Kanonenschläge gezündet. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ spotteten die Cottbuser Anhänger. Schiedsrichter Helmut Fleischer (Sigmertshausen) musste die Partie kurzzeitig unterbrechen.

Was manchmal die Unterschiede ausmacht zwischen einer Mannschaft, die oben spielt, und einer, die um den Klassenerhalt kämpft, wurde binnen 60 Sekunden demonstriert. Ivan Radeljic schoss nach einer Ecke den Ball an die Berliner Latte. Am Ende des nächsten Konters über Manndecker Arne Friedrich und Raffael stand die Hertha-Führung. Voronin hatte sich im Rücken von Radeljic davongestohlen und zum 2:1 vollendet (45.).

Nach der Pause drängten die Hausherren auf den Ausgleich, agierten aber zu umständlich. In Minute 66, als Ivica Iliev vor dem Tor auftauchte, war auch wieder Torwart Drobny zur Stelle. Ebenso wie Voronin, der mit seinem zehnten Treffer für Hertha den Sieg vollendete (88.).

Statistik spricht für Hertha

46 Punkte weist das Team von Trainer Lucien Favre nun auf, vier Punkte mehr als die Verfolger. Die Statistik belegt: 75,5 Prozent jener Mannschaften, die den Titel geholt haben, waren nach 23 Runden Tabellenführer.

Überschwang sucht man bei Hertha jedoch vergeblich. „Sich jetzt, elf Spieltage vor Schluss, mit Träumen zu beschäftigen und sich ablenken zu lassen, nimmt ein Stück von der Stärke. Wenn es sich am Ende so abzeichnet, wird alles mobilisiert, um das ganz große Ziel zu erreichen“, verspricht Hoeneß. Trainer Favre macht deutlich: „Heute haben wir drei Punkte gewonnen, aber wir haben noch viel zu tun.“ Zum Beispiel am Sonnabend im Olympiastadion gegen Bayer Leverkusen.